# taz.de -- Neue Deko-Trends: Das Arschgeweih der Landgastronomie
       
       > Statt Kruzifixen und Geweihen sieht man inzwischen viele Sinnsprüche in
       > den Gaststuben. Die Wände sind geschwätziger als die Leute. Muss das
       > sein?
       
 (IMG) Bild: Geschwätzige Wand eines Gasthauses in einem Weinbaugebiet
       
       Frage an die Leser:in: Welcher Wandbehang ist typisch für einen bayrischen
       Landgasthof? Variante A: Kruzifix oder B: Hirschgeweih? Genau, beide
       Antworten sind richtig. Hier in der Wirtsstube hängt das Bocksgehörn hoch
       über der dunklen Holzvertäfelung an der Wand. Im Abstand von je einem Meter
       hängen eine ganze Reihe Rehgeweihe: Spießer, Gabler, Sechsender. Oft finden
       sich an den Hörnerpaaren auffällige Asymmetrien oder Missbildungen. Sicher
       hat es mal Zeiten gegeben, als solche Abnormitäten noch für Gesprächsstoff
       am Tisch sorgten. Heute ist es höchstens noch die Farbe der Geweihstangen.
       Dunkel wie sie sind, zeugen sie vor allem vom Tabakrauch, der einst im
       Gastraum hing.
       
       Ein Kruzifix dagegen haben wir – Gott bewahre – nirgendwo, und es gibt bei
       uns auch nicht die Variante C, die ich bisher unterschlagen habe und die
       sich daran macht, das für das 21. Jahrhundert typische Designmerkmal der
       Landgastronomie zu werden. Es handelt sich um Wörter an der Wand, um Sätze,
       Sinnsprüche, die von den Mauern schreien, manchmal auch Signets oder Logos.
       Wandtattoo nennt man diese Art des Interior Designs. Ähnlich wie temporäre
       Tätowierungen werden sie mit einer Folie übertragen. Man wünschte sich, sie
       würden auf der Wand so schnell verblassen oder verwaschen wie das Einhorn
       auf dem Handrücken eines kleinen Mädchens. Tun sie aber nicht.
       
       Warum macht man das? Vielleicht weil es Gastronom:innen ohnehin
       schwerfällt, nichts zum Lesen an die Wände zu hängen. In Restaurants und
       Hotels begegnet man ständig Hinweisen auf Augenhöhe: Schilder zur Toilette,
       zu den Notausgängen, zu den Zimmern, im Lokal die Tageskarte oder der
       Auszug aus dem Jugendschutzgesetz, der als Aushang zwingend ist, wenn man
       Alkohol ausschenkt. Da bietet es sich wohl an, immer noch mehr Hinweise an
       die Wand zu nageln.
       
       Dabei ist das Wesen des Wandtattoos, nicht dem Menschen als Gast
       Orientierung zu bieten, sondern dem Gast als Menschen, und das für sein
       ganzes Leben. Manchmal kommt es mir dabei vor, als seien die Wände
       geschwätziger als die Leute.
       
       Neulich erst, im bayerischen Oberland: Da begleiteten mich Lebensweisheiten
       durch die Hotelgänge, prangten über dem Kopfende des Hotelbettes, sogar
       neben dem Badezimmerspiegel gab es etwas Erbauliches zu lesen, alles
       Varianten des „Genieße den Augenblick“-Spruchs. Würde ich gerne, wenn man
       mich ließe. Ich habe auf noch keinem Kneipenklo der Welt jemals etwas auf
       die Wand geschmiert, aber glauben Sie mir: Nach 48 Stunden in diesem
       3D-Poesiealbum war ich sehr versucht, mir einen Edding zu besorgen.
       
       17 Oct 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jörn Kabisch
       
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