# taz.de -- Lob der E-Scooter: Schnell, wendig, frei
       
       > E-Scooter sind viel besser als ihr Ruf. Sie zu fahren, macht einfach
       > Spaß. Sie bringen Elektromobilität auf ein Menschenmaß, und das ist gut.
       
 (IMG) Bild: Auch mit dem E-Scooter unterwegs durch Berlin: Armin Laschet
       
       Die Ärztin im Wiener Unfallkrankenhaus schaut mitleidig. „Drei Zähne,
       Rissquetschwunde oben. Unten Lippe fast durch. Wie ist das denn passiert?“,
       fragt sie. „E-Roller“, antworte ich einsilbig durch meine
       Schlauchbootlippen. Heute, ein Jahr später, bin ich mehr denn je
       Leihroller-Enthusiast. Allein mit dem Anbieter Lime bin ich inzwischen
       1.247,7 Kilometer gefahren, exakt 520 Fahrten waren es.
       
       Dabei tauchten die kleinen grünen Dinger auch in meinem Leben [1][zuerst
       als Hassobjekte] auf. Plötzlich waren da diese Hindernisse im öffentlichen
       Raum, eine Zumutung, finanziert durch nebulöses Techkapital. So etwas ist
       typisch für den Zustand der „Postdemokratie“, wie ihn der britische
       Politikwissenschaftler und Soziologe Colin Crouch beschrieben hat: In
       keiner demokratischen Abstimmung hat jemals irgendwer für E-Scooter
       gestimmt. „Die Dinger gehören abgeschafft!“, dachte ich damals – ohne zu
       wissen, was mir entging.
       
       Meinen Moment der Bekehrung erlebte ich [2][in Palermo], als ich
       feststellen musste, dass mich nur noch ein Leihroller aus den Abgasen des
       brütend heißen, stinkenden Hafens retten würde. Der Linienbus zum Strand
       war ausgefallen, Taxis kosteten zu viel, also stieg ich auf einen
       E-Scooter. Nach 12 Kilometern wurden mir nur 11 Euro abgebucht. Die erste
       Erkenntnis: Rollerfahren ist relativ günstig.
       
       Das Gefühl, die Nintendo-Spielfigur Luigi auf seinem kleinen grünen Yoshi
       zu sein, verließ mich auch wenige Wochen später im herbstlichen Rostock
       nicht. Weil die Stadt sehr weitläufig ist, hatte ich wieder einen Roller
       geliehen. Ich fuhr zuerst zur Stadtbibliothek, dann zum Strand. Ein
       schlankes Nichts unter den Füßen. Geschwindigkeit, Wendigkeit, Freiheit.
       Ich wurde geradezu euphorisch. Die zweite Erkenntnis: Rollerfahren macht
       richtig Spaß.
       
       Zurück im grauen Berlin musste ich mir eingestehen, dass ich im
       Jump-‚n‘-Run-Alltag der Großstadt nicht mehr auf die Dinger verzichten
       wollte. Als Kind der 1980er bin ich mit Point-and-Click-Adventures
       aufgewachsen, also mit Computerspielen, in denen es sich oft nur mittels
       unorthodoxer Verhaltensweise durch den Spielverlauf navigieren ließ. In
       unserer Blade-Runner-Gegenwart geht es nicht mehr ohne ein paar
       Cyberpunk-Skills.
       
       Ein plötzlicher U-Bahn-Ausfall? Halt, da steht doch ein Leihroller. Einkauf
       oder Reisegepäck zu schwer? Kein Problem, einfach alles an den Lenker
       hängen.
       
       Neulich las ich im Spiegel, dass die Spaßgefährte nun zu einem „wichtigen
       Verkehrsmittel“ geworden seien, ja sogar vom „Auto der jungen Leute“ ist
       die Rede. Für mich stehen sie für einen Kulturbruch im Verkehr: Leihroller
       sind kleiner, wendiger und günstiger als E-Autos. Sie bringen
       [3][Elektromobilität] auf ein Menschenmaß, und das ist gut. Unsere Städte
       brauchen nicht mehr Teslas, sondern einen vernünftigen Lückenschluss zu
       funktionierenden Öffis.
       
       Da kann auch das Fahrrad nicht mithalten, denn es steht nun mal nicht
       überall parat. Und an manchen Tagen will man auch einfach nicht in die
       Pedale treten. Gerade im Herbst hat Rollerfahren eine ganz eigene Poesie,
       wenn man frühmorgens wie schwerelos durch lang gezogene Alleen schwebt,
       vorbei an allen Covid- und Grippewellen, mit etwas Musik im Ohr. Dabei bloß
       [4][nicht den Armin Laschet machen] und sich die Schulter brechen, besser
       etwas runter vom Tempo.
       
       Vor ein paar Tagen sitze ich in einem Elektrotaxi in Wien. Ich frage den
       Fahrer, wie er zu E-Scootern steht, und bin verblüfft über seiner Antwort:
       „Schauens“, sagt er, „jeder zweite Jugendliche glaubt, er ist Superman. Es
       gibt aber zu viel Autos, da sind die Roller schon eine Entlastung, sie
       gehören nur strenger reguliert.“ „Stimmt“, sage ich, „außerdem sollten sie
       von der Stadt übernommen und zum Gemeingut gemacht werden.“ Meinen
       Armin-Laschet-Moment behalte ich für mich.
       
       13 Sep 2026
       
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