# taz.de -- Veränderung in Teherans Stadtbild: Der Hidschab bleibt im Kleiderschrank
       
       > In Teheran ist dieser Tage kaum noch ein Kopftuch zu sehen. Eine Iranerin
       > berichtet, wie sich die Menschen diese Freiheit erkämpft haben.
       
 (IMG) Bild: Endlich freischwingendes Haar auf Straßen im Iran!
       
       Vor einigen Wochen machte im Iran ein Werbespot die Runde, der noch vor
       wenigen Jahren kaum denkbar gewesen wäre. Eine Frau, [1][vollständig
       verschleiert], sitzt in einem Restaurant. Auf dem Tisch vor ihr stehen zwei
       Dosen: Coca-Cola und Fanta. Sie wischt beide demonstrativ beiseite und
       wäscht sich anschließend die Hände.
       
       „Das ist das religiöse Restaurant ‚Fanous‘“, sagt sie in die Kamera. „Wir
       servieren hier nur Dinge, die unseren Werten entsprechen.“
       
       In den sozialen Netzwerken sorgt der Auftritt für Spott. Ein Nutzer
       empfiehlt, man solle doch gleich ein eigenes Land gründen – am besten
       möglichst weit weg vom Iran. Ein anderer fragt, ob man das Restaurant wohl
       mit dem linken Fuß zuerst betreten müsse. Eine Anspielung auf die
       islamische Vorschrift, nach der Toiletten mit dem linken Fuß voran betreten
       werden sollen.
       
       „Fanous“ ist dabei kein Einzelfall. Im Iran entdecken immer mehr
       Gaststätten eine neue Zielgruppe: religiös-konservative Kundinnen und
       Kunden, die sich im öffentlichen Raum zunehmend unwohl fühlen. Angesichts
       unverschleierter Frauenköpfe und westlicher Produkte suchen sie nach Orten,
       wo sich die gewünschte Sittlichkeit gleich mitbestellen lässt.
       
       Für alle anderen Iraner:innen ist das ein Sinnbild für eine
       bemerkenswerte Verschiebung: „Noch vor einem Jahr mussten freiheitsliebende
       Menschen nach Rückzugsorten suchen, weil der öffentliche Raum fest im Griff
       der religiösen Hardliner war“, teilt ein Iraner der taz in einem
       verschlüsselten Chat mit. „Jetzt ist es umgekehrt.“
       
       ## Patrouillen stoßen auf Widerstand
       
       Tatsächlich sind iranische Straßen in diesem Sommer kaum noch
       wiederzuerkennen, Frauen gehen oft in Jeans und schulterfreien Oberteilen
       aus dem Haus. Der Hidschab, einst Symbol staatlicher Kontrolle über den
       weiblichen Körper, bleibt immer häufiger im Kleiderschrank.
       
       [2][Begonnen hat diese Entwicklung mit dem Tod von Mahsa Dschina Amini im
       September 2022]. Er löste die landesweiten „Frau, Leben, Freiheit“-Proteste
       aus. Das iranische Regime reagierte damals mit extremer Härte. Hunderte
       Demonstranten wurden getötet, Tausende verhaftet. Als die Proteste Anfang
       2023 abebbten, kehrte die Sittenpolizei zunächst zurück. Doch dieses Mal
       stießen die Patrouillen auf Widerstand. Frauen widersetzten sich den
       Beamten, Männer stellten sich dazwischen. Der entscheidende Wandel vollzog
       sich aber nicht nur auf den Straßen. Er fand in den Familien statt.
       
       „Viele meiner Freundinnen haben den Schleier nicht aus eigener Überzeugung
       getragen“, sagt Zana Rahimi, eine 30-jährige Iranerin aus der
       zentraliranischen Stadt Yazd. „Sie trugen ihn aus Rücksicht auf religiöse
       Eltern, Großeltern oder andere Familienmitglieder. Nach Mahsa Aminis Tod
       begannen sie, diese Fragen zu Hause offen anzusprechen“, berichtet Rahimi.
       Ihren echten Namen will sie aus Sicherheitsgründen geheim halten.
       
       Auch in ihrem Büro, wo sie als Wirtschaftsprüferin arbeitet, wurde
       plötzlich über den Hidschab diskutiert. Zuerst bestand ihr Chef darauf,
       dass die Mitarbeiterinnen sich gesetzeskonform kleideten. Doch Rahimi und
       ein paar ihrer Kolleginnen widersetzten sich und legten bei der Arbeit
       weiterhin ihre Kopftücher ab. Schließlich gab der Chef nach.
       
       ## Überwachung mithilfe chinesischer Technologien
       
       [3][Im Frühjahr 2023 fand das Regime eine effizientere Methode, um die
       Kopftuchpflicht durchzusetzen]. Mithilfe chinesischer Technologie ließen
       die Machthaber einen umfassenden islamischen Überwachungsstaat errichten:
       Frauen, die sich ohne Hidschab zeigten, wurden durch Kameras mit
       Gesichtserkennung identifiziert und bekamen per SMS eine Verwarnung. Nach
       dem dritten Verstoß drohten Geldbußen, bis hin zu Haftstrafen und der
       Beschlagnahmung des Autos.
       
       Auch für Zana Rahimi wurde diese Überwachung Teil ihres Alltags, sie selbst
       erhielt zwei Verwarnungen. Freunde mussten vor Gericht erscheinen und
       Geldstrafen bezahlen. Auch ihr Lieblingscafé wurde zeitweise geschlossen.
       Die Behörden machten alle Betriebe dicht, wo Kundinnen gegen die
       Hidschabpflicht verstießen. Der ultrakonservative Abgeordnete Ali Yazdikhah
       benannte damals das Ziel dieser Maßnahmen: „die soziale Ausgrenzung“
       ungehorsamer Frauen.
       
       Aber die Überwachung erzeugte auch Widerstand. „In sozialen Medien warnten
       wir uns gegenseitig, wo Überwachungskameras stehen. Ich begann, solche
       Straßen zu meiden. Ich besuchte nur noch Cafés und Restaurants, wo mir
       niemand etwas sagen würde“, erzählt Rahimi.
       
       Einen Wendepunkt gab es mit den israelischen Luftangriffen 2025. Die
       Prioritäten des Mullah-Regimes verschoben sich, der Hidschab rückte in den
       Hintergrund. Die Veränderung war weniger ideologisch als pragmatisch: Im
       Krieg brauchte die Islamische Republik die Unterstützung möglichst vieler
       Iraner:innen. Nach den amerikanischen Luftangriffen ab Februar waren Frauen
       ohne Kopftuch plötzlich sogar in staatlichen Propagandavideos zu sehen. In
       einem Video stößt eine junge, unverschleierte Frau mit einem Glas selbst
       gebrannten Schnapses auf den neuen Obersten Führer Modschtaba Chamenei an.
       
       [4][Im März dieses Jahres berichtete die Financial Times, dass der Mossad,
       Israels Geheimdienst, in jene Überwachungskameras, die zur Kontrolle der
       Bevölkerung eingesetzt wurden, eingedrungen war und auf diese Weise
       Bewegungsmuster hochrangiger Funktionäre und Militärs nachverfolgen
       konnte]. So soll es dem israelischen Militär schließlich sogar gelungen
       sein, Irans Staatschef Ali Chamenei zu töten.
       
       ## Fragile Freiheiten
       
       Zana Rahimi vermutet, dass in Regierungskreisen schon nach dem
       12-Tage-Krieg der Verdacht aufkam, die Überwachungskameras könnten
       infiltriert sein. Tatsache ist, dass die iranische Regierung plötzlich auf
       ihre Nutzung verzichtete – auch das führte zu einer neu gewonnenen
       Kleidungsfreiheit.
       
       Aber die neuen Freiheiten sind fragil. Dutzende Cafés, Restaurants und
       andere Geschäfte mussten seit Ende Juli wegen Verletzungen der
       Verschleierungspflicht schließen.
       
       Der iranische Abgeordnete Mohammad-Taqi Naqdali erklärte gegenüber CNN die
       Logik des Regimes hinter den erneuten Schließungen: „Israel und Amerika
       können uns nicht vernichten, aber dieser Verfall unserer religiösen Kultur
       wird es tun.“ Beobachter halten daher eine neue Welle der islamistischen
       Repression für unvermeidlich.
       
       Zana Rahimi aber hofft, dass sich die Ultrakonservativen für immer in
       Restaurants wie das „Fanous“ zurückziehen werden. Freiwillig und ohne
       Weiteres werden sie das aber wohl nicht tun.
       
       12 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
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