# taz.de -- 30 Jahre Dayton-Abkommen: Die letzten Tage des Bosnienkrieges
> Unser Korrespondent erinnert sich an Enttäuschungen über die
> internationale Gemeinschaft – und die Rückkehr des Lebens im belagerten
> Sarajevo.
(IMG) Bild: Rausgehen oder nicht? Aufnahme vom 12. Mai 1995, an einer gefährlichen Sniper-Kreu- zung in Sarajevo
Die Menschen atmeten auf. Bis Ende August 1995 hätte sich kaum jemand in
Sarajevo nach draußen gewagt – die Gefahr, auf den Straßen der bosnischen
Hauptstadt von Scharfschützen oder einer Granate getroffen zu werden, war
einfach zu groß gewesen.
Doch nun, Anfang September, kamen blasse Menschen aus den Kellern und
Wohnungen. Mehr als drei Jahre der serbischen Belagerung hatten sie
überlebt. Erste Informationen über einen Waffenstillstand machten die
Runde.
Lebensmittel kamen nach Sarajevo, Strom kam wieder durch notdürftig
reparierte Leitungen, auch das Wasser konnte wieder in die Stadt fließen.
Es gab endlich wieder den so geliebten Kaffee. Die Kneipen und Cafés
eroberten sich an diesen sonnigen Herbsttagen das Zentrum der Stadt. Die
Menschen umarmten einander.
Die Freude aber war getrübt. Erst jetzt stellte man fest, welche Nachbarn
und Freunde getötet worden waren. Man erinnerte auf öffentlichen Plätzen an
sie, an die geschätzt rund 13.000 Kriegstoten allein in Sarajevo, unter
ihnen über 1.600 Kinder. Viele machten sich daran, die Leichen aus Parks
und Hinterhöfen zu holen und würdevoll auf den Friedhöfen zu bestatten.
## Hass verderbe die Seele
An den Häusern tauchten Traueranzeigen auf, bei den Muslimen waren die
Fotos traditionell grün umrandet, bei den Christen schwarz und bei den
Atheisten blau. Sie sind zu Dokumenten geworden, aus denen tiefer Schmerz
spricht und nur selten Hass. „Hass verdirbt die eigene Seele“, sagten viele
Opfer der ethnischen Verbrechen damals.
Die Tageszeitung Oslobodjenje, Befreiung, war auch während des Krieges
täglich erschienen, doch konnte sie nur schwerlich gedruckt und verteilt
werden. Jetzt wurde sie den Verkäufern aus den Händen gerissen. Die
einheimische Presse berichtete breit, dass es Gerüchte über eine große
Friedenskonferenz gebe.
Aus diplomatischen Kreisen sickerte durch, dass der Belagerungsring um
Sarajevo aufgelöst werden sollte. Vom Checkpoint der Armee des
multiethnischen Bosnien und Herzegowina, der auf dem Igman, dem mächtigen
Berg südwestlich von Sarajevo, lag, konnte man ihn zu diesem Zeitpunkt noch
deutlich sehen: den Ring, der Sarajevo schon seit mehr als drei Jahren von
der Welt abschnitt.
Der alte Opel Rekord des taz-Reporters, über den in Cafés gewitzelt wurde,
ächzte ob der Steigung und fuhr den Berg in engen Serpentinen hinauf. Fast
alle anderen ausländischen Journalistenautos waren gepanzert, aus gutem
Grund: Die Strecke war gefährlich, manche Kurve lag noch in der Schusslinie
der serbisch-nationalistischen Artillerie und der Scharfschützen.
## Tief sitzende Enttäuschung
Die bosnischen Soldaten hier oben waren zwar informiert darüber, dass die
serbische Armee in Kroatien verloren hatte und dass die
kroatisch-bosnischen Streitkräfte im Westen des Landes auf dem Vormarsch
waren. Doch so recht wollten sie noch nicht glauben, [1][dass der Krieg
sich auch um Sarajevo herum wenden sollte.]
Zu tief saß die Enttäuschung darüber, dass der Westen und die UN über drei
Jahre lang die Angriffe der serbischen Nationalisten unter dem später
verurteilten Kriegsverbrecher Ratko Mladić geduldet hatten – und
ausgerechnet die Verteidiger Bosniens und Herzegowinas und seiner
Hauptstadt mit einem Waffenembargo belegt hatten.
Im Juli hatten die schwer bewaffneten serbischen Angreifer unter den Augen
der UN Tausende, zumeist unbewaffnete, Kameraden im ostbosnischen [2][Dorf
Srebrenica hingeschlachte]t. Und noch am 28. August hatten Granaten einige
Dutzend Menschen auf dem Marktplatz Sarajevos zerfetzt.
Doch nun tat sich tatsächlich etwas. Die Regierungen in den USA und in
Europa standen unter dem steigendem Druck ihrer Öffentlichkeiten, die jetzt
mehrheitlich für die Opfer der ethnischen Säuberungen und Vertreibungen
Partei ergriffen.
## Endlich greift die Nato ein
Truppen aus den Nato-Ländern [3][übernahmen endlich die Initiative,]
Nato-Flugzeuge griffen jetzt serbische Stellungen im ganzen Land an. Auch
hier oben auf dem Berg Igman waren Nato-Kanonen in Stellung gegangen. Vor
den Augen des taz-Reporters beschossen die 120- und 108-Geschütze die
serbischen Stellungen in Lukavica. Eine gewaltige Explosion zeigte, dass
das dortige Munitionsdepot getroffen worden war.
Der [4][US-Diplomat Richard Holbrooke] verhandelte in Belgrad mit den
Angreifern und erreichte, dass ab dem 12. Oktober die Waffen schweigen
sollten. Am 21. November 1995 einigten sich die „Kriegsparteien“ auf einer
Luftwaffenbasis in Dayton, im US-Bundesstaat Ohio, im Wesentlichen darauf,
dass das Land entlang der Frontlinien aufgeteilt werden sollte. [5][Die
Teilung war damit zementiert – und ist es bis heute].
Obwohl die Serben den Krieg um Sarajevo verloren hatten, waren damals auch
auf der serbischen Seite der Stadt viele froh, dass das Töten ein Ende
hatte. Für jene im Stadtteil Grbavica allerdings, die vom Zigaretten- und
Kaffeeschmuggel profitiert hatten, wurde es schwierig. Sie verschwanden
nach und nach. Auch viele serbische Soldaten fürchteten nun Racheakte, denn
der Präsident des neuen Landes, Alija Izetbegović, hatte gefordert, alle zu
bestrafen, die Sarajevo angegriffen hatten.
## Nur wenige Racheakte
Bis heute sind nur sehr wenige Racheakte bekannt. Gerade das zivilisierte
Verhalten der bosnischen Muslime, Hauptopfer der extremen Nationalisten,
wunderte die wenigen internationalen Journalisten, die während der
Kriegsjahre in Sarajevo geblieben waren.
Schon mit dem Waffenstillstand hatten Tausende von serbisch-bosnischen
Männern begonnen, sich nach Serbien abzusetzen. Als dann nach dem Abkommen
von Dayton Nato-Truppen ganz Bosnien besetzten und die Armeen entwaffneten,
[6][zogen ihre Frauen und Kinder nach]. Sie gaben ihren Besitz in den
Vororten Sarajevos auf und kletterten auf Leiterwagen. „Wir können nicht
mehr mit den Muslimen zusammenleben“, erklärte damals der Serbenführer und
[7][später verurteilte Kriegsverbrecher Radovan Karadžić].
Wie auch sein Militärkommandeur Ratko Mladić weigerte sich Karadžić, das
Abkommen von Dayton anzuerkennen. Die serbisch-nationalistischen Politiker,
Soldaten und Polizisten fürchteten den langen Arm des
Kriegsverbrechertribunals in Den Haag. Reue und Einsicht zeigte kaum einer
von ihnen.
Doch auch jene gingen, die für ein multiethnisches Sarajevo und Bosnien und
Herzegowina gekämpft hatten. So einer war Neven. Der damals 23-Jährige
hatte wie Tausende anderer Serben ab 1992 „unsere Stadt“ verteidigt, als
einer der berühmten Anti-Sniper-Sniper, die serbische Scharfschützen
ausgeschaltet hatten. Nach dem Waffenstillstand aber wollte er weg,
serbische Extremisten und Geheimdienstler hatten ihn im Visier. Und auch
nationalistische Muslime, die seine Rolle im Krieg nicht begriffen, waren
eine Gefahr.
Wie Neven saß auch General Jovan Divjak zwischen den Stühlen, seit 1992
Vizekommandeur der bosnischen Armee und führender Verteidiger von Sarajevo.
Muslimische Nationalisten versuchten, den Serben kaltzustellen. Doch Divjak
blieb populär. [8][Wer mit ihm durch Sarajevo schlenderte], erlebte, wie er
Hunderte Hände schütteln musste. Von Großmüttern, jungen Leuten, früheren
Soldaten.
2021 ist er gestorben. Als eine der letzten Ikonen des multiethnischen und
multireligiösen Bosnien und Herzegowina.
21 Nov 2025
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## AUTOREN
(DIR) Erich Rathfelder
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