# taz.de -- Label Moloko Plus aus Sachsen-Anhalt: Noiserock-Internationalismus und Beatliteratur von unten
       
       > In Schönebeck/Elbe sitzt das kleine, aber feine Label Moloko Plus,
       > zugleich auch Verlag. Die Compilation „Elmsfeuer“ setzt seine
       > Underground-Tradition stilbewusst fort.
       
 (IMG) Bild: Sie sagen, sie seien „Großstadt Cowboys und – Girl“ und zögen durch die Prärie: Infamis
       
       Das Ost-West-Album der Stunde kommt aus Sachsen-Anhalt. Mit der Doppel-CD
       „Elmsfeuer“ feiert das Label Moloko Plus aus Schönebeck an der Elbe seinen
       30. Geburtstag. Der Titel bezieht sich auf ein Licht- und Wetterphänomen,
       das als Elektrizitätsentladung an Schiffsmasten auf schwerer See vorkommt.
       
       „A Serious Collection Of Doom Shanties & Broken Ballads“ hat Herausgeber
       Rex Joswig, Sänger der Dub ʼnʼ Poetry-Formation Herbst in Peking, seine
       Zusammenstellung von insgesamt 34 aufgewühlten Liedern genannt. Sie stammen
       aus mehreren Jahrzehnten und kommen aus Ost-Berlin, Hamburg und der
       australischen Exklave West-Berlin. „Elmsfeuer“ ist Internationalismus von
       unten, also der einzige, welcher den Namen auch verdient.
       
       Moloko Plus-Gründer Ralf Friel, er hat sein Label mit einem Bürojob im
       ostdeutschen Anlagenbau finanziert und ist jetzt Rentner, meint über das
       Geburtstagspaket, „es soll einerseits unterhalten und zum anderen auch zum
       Hinhören und Nachdenken anregen“. Tatsächlich enthält „Elmsfeuer“
       hauptsächlich Rockmusik, allerdings solche mit Pfiff, also circa die Linie
       Stooges – Stranglers – The Fall, und dazu kontrastierend Industrial- und
       Elektronikanklänge.
       
       Dem Titel gemäß beginnt „Elmsfeuer“ mit einer poetischen Wettermeldung. In
       „Weather-Wise“ kombiniert der Musiker Alex Doc Dorsch eine Komposition auf
       dem Steel-Cello des Instrumentenbauers und Künstlers Bob Rutman mit einer
       Originaleinspielung von Milner Place, der nach einem abenteuerlichen Leben,
       Erwerbsarbeit hinterm Tresen, auf dem Feld und unter Tage Schriftsteller
       wurde.
       
       ## Glück und Schönheit
       
       Dem Werk des Weltreisenden Place entnommen sind auch die Texte der beiden
       Beiträge [1][des Berliner Elektronikduos Tarwater], „Log Of The Sloop“ und
       „The Evening Pilgrims“. Wer mehr von Milner Place lesen möchte, wird bei
       Moloko Plus ebenfalls fündig. Ralf Friel, der Moloko Plus ausdrücklich auch
       als Verlag betreibt und sich darum in Zukunft auch mehr kümmern möchte, hat
       zwei Bände von Place herausgebracht. Friel hält es mit Büchern, in denen
       Glück und Schönheit keine Werbefloskeln sind.
       
       Besonders angetan haben es ihm der Expressionismus und die
       nordamerikanische Beatliteratur. Momentan arbeitet er an einer Publikation
       von Allen Ginsberg, der von dem New Yorker Noise-Musiker Kramer, bekannt
       durch die Arbeit mit Bands wie Shockabilly und Half Japanese, vertont wird.
       Schriftsteller mit DDR-Sozialisation wie Kai Pohl, Peter Wawerzinek und
       Wolfgang Hilbig haben bei Friel und Joswig ihren Platz [2][neben einem
       Enfant Terrible der BRD wie Kiev Stingl].
       
       ## Die Weltläufigkeit der Provinz
       
       Der Dichter und Sänger ist ebenfalls auf „Elmsfeuer“ vertreten mit „Ozean“,
       einem Stück, das Produzent Achim Reichel Ende der Siebzigerjahre als
       kommerziell wenig erfolgversprechend unveröffentlicht ließ. Das Programm
       von Moloko Plus steht für die Weltläufigkeit der Provinz. Der
       „Elmsfeuer“-Beitrag „Suiman“ des Musikers und Schriftstellers Alexander
       Krohn, ein Stück kratziger, perkussiver Folk, ist in Kuala Lumpur, Malaysia
       aufgenommen und einem Album Krohns entnommen, das darüber hinaus in Indien,
       Thailand, Italien und Australien entstanden ist.
       
       Überhaupt die Australier: „Elmsfeuer“ erinnert mit mehreren Stücken an die
       Band Once Upon A Time, die mit dem Sänger und Songwriter Bruno Adams in den
       frühen Neunzigerjahren [3][Schmutzblues à la Nick Cave] spielten.
       „Anrüchige Känguruhs“ titelte die Tageszeitung Junge Welt damals.
       Geschwister im Geiste sind Infamis, denen es mit der Live-Aufnahme „Auf
       Grund“ gelingt, das Publikum als Ambient-Tonspur agieren zu lassen.
       
       Infamis waren eine der erklärten Lieblingsbands von Bert Papenfuß. Der
       Schriftsteller hat für die Compilation den wahrscheinlich ersten und
       einzigen Werbetext seines Lebens geschrieben. Nachzulesen ist er in der
       letzten Publikation, die Papenfuß zu Lebzeiten beenden konnte. Ihr Titel
       „Empörung und Entrüstung“ sollte so programmatisch wie doppeldeutig
       verstanden werden.
       
       Papenfuß schreibt darin respekt-, aber nicht lieblos über die Musik, die
       für ihn relevant war; er schont weder Koryphäen wie die britischen
       Anarcho-Punks Crass noch den Jazzrock-Linken Robert Wyatt. In einer Fußnote
       versteckt er das Lieblingsalbum von Wolfgang Grams. Über die Compilation,
       die Papenfuß „umgehauen hat“, sagt er einen Absatz später: „Von
       revolutionärer Unrast kündet das ‚Elmsfeuer‘ allerdings nicht, sondern von
       herbeikommerzialisierter Bedrohung und der allgegenwärtigen Gefahr von
       diesem und jenem.“
       
       Die Wahlumfragen des Jahres 2026 muss Bert Papenfuß, ein Anarchist, der
       auch schon mal wählen ging, nicht mehr lesen. Seinem Verleger Ralf Friel
       verschlägt der 6. September in Sachsen-Anhalt erst einmal die Sprache, bis
       er vorsichtig sagt: „Wer jetzt ‚linksgrün und versifft‘ im Mund führt,
       hätte damit im Herbst 1989 die Demonstranten gemeint und selbst hinter der
       Gardine gestanden.“ Friel weiter: „Freiheit heißt auch Verantwortung und
       Eigeninitiative.“ Sein Autor Papenfuß unterschied übrigens genau zwischen
       „Freiheit“ und „Befreiung“.
       
       31 Aug 2026
       
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       ## AUTOREN
       
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