# taz.de -- Rezeptionsgeschichte eines DDR-Songs: Vielleicht hilft es ja der Demokratie
       
       > „Sag mir, wo du stehst“, heißt ein DDR-Beatschlager von Team 4. „Sag mir,
       > ob du wählst“ von Sugarbear versucht nun eine zeitgenössische
       > Coverversion.
       
 (IMG) Bild: Macht aus einem DDR-Beat-Schlager eine Reggaeversion: Sugarbear
       
       Es ist nicht leicht, jemandem etwas zu befehlen, ohne wie ein Befehlender
       zu wirken, schon gar nicht auf Deutsch. „Lobt das Lernen, mehrt das
       Wissen“, beginnt das bekannte FDJ-Pionierlied „Vorwärts, Freie Deutsche
       Jugend“ und fährt so strophenweise im Imperativ fort. Spuren sollte sie
       schon, die Jugend in der DDR. Zu sehr nach Befehl und Marschmusik wollte
       und konnte man im real existierenden Sozialismus aber auch nicht mehr
       klingen.
       
       Zur Rettung kam ein Beatschlager: „Sag mir, wo du stehst“ heißt ein Lied,
       das 1967 in Anlehnung an einen US-Gewerkschaftssong komponiert wurde.
       Seinen Ursprung hatte es in einer losen Musiker*innenvereinigung
       der frühen DDR, dem Hootenanny-Klub. Dessen Ideen klangen der SED-Führung
       aber zu amerikanisch. Als „Oktoberclub“ durfte die Gruppe Team 4 den Song
       dann aufnehmen, womit er zu einem der wohl bekanntesten Agitprop-Lieder aus
       der Zeit der DDR avancierte.
       
       Vielleicht ist es die viel beschworene Ironie der Geschichte, dass
       ausgerechnet dieses Lied, das der DDR-Jugend einst melodiös das Bekenntnis
       zum Sozialismus abtrotzen sollte, jüngst zum „Demokratiesong“ umgemünzt
       wurde. Vergangenen Samstag sang der Singer-Songwriter Sugarbear eine
       [1][Reggae-Variante des] [2][Liedes] beim CSD in Magdeburg. „Sag mir, wo du
       stehst und ob du wählen gehst“, heißt es in der Version des Leipzigers, die
       sich an einem ebenfalls nicht-imperativen Song gegen die politischen
       Verhältnisse versucht.
       
       Es ist nicht die erste Neuinterpretation: 1994 coverte der Münchner
       Produzent Corazón (alias Jan Strzelczyk) [3][ebenfalls den Song]. Über den
       ursprünglichen Text quasselt er: „Darum geht es nicht, nein, aber, du musst
       dich halt entscheiden, wohin du willst, also, entweder zurück oder eben
       nach vorne, und was, äh, was, was, was nicht geht is’: Du kannst nicht bei
       uns und bei denen genießen, dann, dann, äh, dann drehste dich im Kreis,
       verstehst du?“ So in die Gebrauchssprache verwandelt, kommt der Charakter
       der Zeilen gleich ganz anders durch.
       
       ## It’s the singer not the song
       
       Dass ein Songtext manchmal schlauer ist als sein Autor, erkannte [4][auch
       Bettina Wegner], Co-Autorin des Originals, die den Hootenanny-Klub verließ,
       als er in die offizielle SED-Kulturpolitik eingemeindet wurde. Die
       Popularisierung des Songs seitens des DDR-Regimes bezeichnete sie
       [5][später als] [6][„Massenverblödung“].
       
       Ein anderer Mitkomponist, Hartmut König, blieb dem Klub dagegen treu und
       sang das Lied fröhlich weiter auf den von der Partei genehmigten Bühnen.
       Das verschaffte ihm Posten und Medaillen, bis die Mauer fiel. Auch eine
       Ironie der Geschichte: Am Ende blieben gerade die stehen, die beständig das
       Vorankommen befohlen haben. Und eine Hoffnung im Hinblick auf den blauen
       Faschismus in Ostdeutschland: Jeder Imperativ hat ein Ende.
       
       1 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=y0pWzp6NEmc
 (DIR) [2] https://www.youtube.com/watch?v=y0pWzp6NEmc
 (DIR) [3] https://www.youtube.com/watch?v=6i8bLBGwRsk
 (DIR) [4] /Hausbesuch-bei-der-Liedermacherin/!vn5925294/
 (DIR) [5] https://www.rbb-online.de/berlin-schicksalsjahre/schicksalsjahre-1961-69/das-jahr-1967.html
 (DIR) [6] https://www.rbb-online.de/berlin-schicksalsjahre/schicksalsjahre-1961-69/das-jahr-1967.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Konstantin Nowotny
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Beat
 (DIR) Schlager
 (DIR) Coverversion
 (DIR) DDR-Rock
 (DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
 (DIR) Pop-Underground
 (DIR) Chanson
 (DIR) Popgeschichte
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Label Moloko Plus aus Sachsen-Anhalt: Noiserock-Internationalismus und Beatliteratur von unten
       
       In Schönebeck/Elbe sitzt das kleine, aber feine Label Moloko Plus, zugleich
       auch Verlag. Die Compilation „Elmsfeuer“ setzt seine Underground-Tradition
       stilbewusst fort.
       
 (DIR) Gespräch mit Bettina Wegner: „Ich bin ein glücklicher Mensch“
       
       Die Liedermacherin hat kürzlich ihren 75. Geburtstag gefeiert. Noch immer
       ist sie politisch, noch immer singt sie und noch immer raucht sie.
       
 (DIR) Bob Dylan wird 80: „Der bedeutendste Poet der Moderne“
       
       Mysteriös, göttlich und unerreichbar – anlässlich seines 80. Geburtstages
       erzählen acht Künstler:Innen aus ihrem Leben mit Bob Dylan.