# taz.de -- Nachruf auf Yayoi Kusama: Magierin der Polka-Dots
       
       > Die japanische Künstlerin machte Punkte zu ihrem Markenzeichen. Mit 97
       > Jahren ist sie in Tokio jetzt gestorben.
       
 (IMG) Bild: Yayoi Kusama, 22. März 1929 – 14. August 2026
       
       Der Begriff „body of work“ passt zu ihrem Werk. Denn [1][das Gesamtwerk
       Yayoi Kusamas] hat viel mit Körpern zu tun: Mit dem fremden Körper und mit
       dem eigenen, die ihr beide Angst machten. Mit dem Körper im sexuellen Sinn;
       erst recht mit dem geometrischen Körper.
       
       In ihrer Kunst war die Japanerin, die – wie am Donnerstag bekannt wurde –
       bereits am 14. August im Alter von 97 Jahren in Tokio starb, eine Magierin.
       Ihre von Punkten, Kugeln, Spiegeln, organischen Formen, krakenartigen
       Phalli und Kombinationen aus all diesen Dingen dominierten Werke wirkten
       einerseits abstrakt und verwirrend, wenn sie den oder die Betrachter:in
       geradezu verschluckten: Wer in einen von Kusamas mit unendlichen
       Lichtpunkten verspiegelte Zauberkästen schaute, schaute in einen Abgrund –
       wenn auch in einen bezaubernd erleuchteten.
       
       ## Im Rausch der Polka-Dots
       
       Andererseits spielte Kusama mit dem Minimalismus, mit der Vollkommenheit
       und Simplizität des Kreises, und setzte der irritierenden Unendlichkeit
       lebensbejahende, starke Farben entgegen: Ihre über und über mit Polka-Dots
       verzierten, surrealen Räume, Wände, Kürbisskulpturen und andere Formen
       zitierten ebenso die Popart wie die Hoffnung der Hippiebewegung auf eine
       bessere, buntere Welt.
       
       Die 1929 geborene Kusama wuchs in der von Bergen umgebenen Stadt Matsumoto
       auf. An der Kunsthochschule von Kyoto lernte sie „Nihonga“, eine
       traditionelle Form der japanischen Malerei, bei der auf Tiefendarstellung
       verzichtet wird. Mit 19 zog sie nach New York, und channelte die boomende
       Popart- und Happening-Szene, indem sie Nackte mit knalligen Polka-Dots
       bemalte – eine so überzeugende wie wirksame Fusion.
       
       Gewalterfahrungen in ihrer Kindheit und einem komplizierten Verhältnis zu
       ihrer Mutter verdankte sie nach Eigenangaben ihre Angst vor Sex, überhaupt
       vor dem „Unterleib“. Die leuchtenden, sich windenden Phalli und bodenlosen
       Tiefen in ihren Werken betrachtete sie als künstlerische Aufarbeitung
       dieser Angst und der damit einhergehenden Fixierung: „Ich mag keinen Sex.
       Ich bin davon besessen“, sagte sie 2012 in einem Interview.
       
       ## Traumata im Wunderland
       
       Der freie Umgang mit Sexualität, der sie bei den Hippies fasziniert hatte,
       machte sie in Japan zu einer Außenseiterin – man schämte sich für sie.
       Kusama, deren Happenings in den späten 60ern in den USA viele Ausstellungen
       nach sich zogen, kämpfte mit Einsamkeit und Depressionen. Nach zwei
       Suizidversuchen ging sie 1973 nach Japan zurück, um sich dort noch
       obsessiver in die Arbeit zu stürzen. 1977 war sie an einem solchen
       Tiefpunkt, dass sie sich selbst in jene psychiatrische Klinik in Tokio
       einlieferte, in der sie bis zu ihrem Lebensende wohnen sollte.
       
       Dabei blieb Kusama, die auch den eigenen Körper vestimentär mit Kunst
       verzierte (meist trug sie All-Over-Polka-Dots zur orangefarbenen Perücke),
       immer produktiv. 1978 verfasste sie mit „Manhattan Suicide Addict“ eine
       autofiktionale Biografie, in der sie die US-Jahre Revue passieren ließ,
       weitere folgten. Zudem schrieb sie Romane und Gedichte, gestaltete
       Briefmarken, und wurde regelmäßig in die Museen der Welt eingeladen. Die
       Werkschau „Love Forever“ war 1998 im MoMa New York zu sehen, 2004 nahm
       Kusama an der Whitney Biennale teil. Sie stellte im Guggenheim Bilbao und
       in der Tate Modern aus. Eine große Retrospektive [2][verwandelte 2021 den
       Berliner Martin Gropius Bau in das so fremde wie tröstliche Innere eines
       Raumschiffs], eine Ausstellung im Museum Ludwig in Köln [3][zog Massen an].
       
       Der Penguin-Verlag veröffentlichte 2012 eine Ausgabe von „Alice im
       Wunderland“ mit Zeichnungen Kusamas: gepunktete Pilze und eine Alice, die
       mit Knopfaugen aus dem Fenster eines Polka-Dots-Kürbis' schaut. Aus der Uhr
       hinter ihr sprießen gepunktete Strahlen. Die Wiederholung, die Akkumulation
       helfe ihr, sich mit ihren Traumata zu beschäftigen, sagte Kusama oft. Nicht
       aus Eigennutz: Ihre künstlerische Selbsttherapie machte und macht auch
       andere Menschen glücklich.
       
       27 Aug 2026
       
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