# taz.de -- Tagebuch aus Lettland: Nachdenken über Belarus
       
       > Was wurde aus dem mutigen Kampf gegen die Diktatur in Minsk? Passen die
       > Ideale von einst noch zum Alltag – im Exil und im Land selbst?
       
 (IMG) Bild: Straßenszene in Minsk, 2025
       
       Ich verließ Belarus Ende 2020. Das war weniger als ein halbes Jahr nach der
       berüchtigten Präsidentschaftswahl. Seit ich weg war, schaute ich auf die
       Menschen von herab, die in Belarus geblieben waren. Ich gab ihnen die
       Schuld daran, dass sich mein Leben so abrupt verändert hatte: Sie hätten
       nicht genug gekämpft, sie seien feige gewesen, sie hätten die Freiheit
       nicht ausreichend geschätzt.
       
       Jahrelang dachte ich, ich würde erst in ein Belarus der Zukunft
       zurückkehren wollen, in ein ideales Land, das zu einer vorbildlichen
       Demokratie geworden wäre. Solange dort aber alles so blieb, wie ich es
       verlassen hatte, empfand ich Belarus schlicht als abstoßend.
       
       Später erfuhr ich, dass hinter meiner Art zu denken möglicherweise ein
       psychischer Schutzmechanismus steckte. Der Schock über meine erzwungene
       [1][Ausreise] war so groß, dass ich möglichst viele Bestätigungen dafür
       brauchte, dass ich die einzig richtige [2][Entscheidung] getroffen hatte.
       Und vor allem dafür, dass diese Entscheidung für alle anderen Menschen auch
       die richtige gewesen wäre.
       
       Heute denke ich nicht mehr so. Doch ich muss zugeben, dass diese Korrektur
       an meinem Ego kratzt. So gerne hätte ich mich für etwas Besonderes
       gehalten. Für einen besonders mutigen Menschen, der stets seinen Prinzipien
       treu bleibt und niemals von seinen Idealen abrückt.
       
       Doch mit der Zeit habe ich erkennen müssen, dass ich ein ganz gewöhnlicher
       Mensch bin. Meine Ideale sind zwar nicht verschwunden, aber ich habe
       begonnen, mich mit der [3][Realität des Alltags] zu arrangieren.
       
       ## Die Abkehr vom idealen Land
       
       Die Abneigung gegen Belarus und seine Menschen ist verschwunden. An ihre
       Stelle ist eine große Trauer getreten. Heute wünsche ich mir Belarus nicht
       mehr bloß als ideales Land der Zukunft. Ich brauche es, wie es ist. Doch
       zugleich ist Belarus für mich unerreichbar.
       
       Sechs Jahre nach jenen Präsidentschaftswahlen von 2020 wünsche ich mir,
       dass die Revolution nicht mehr nur um der großen politischen Ziele willen
       siegt. Zwar sind mir die Freilassung der politischen Gefangenen, das Ende
       der Repressionen, freie Wahlen, politische Machtwechsel und die Entwicklung
       einer starken Zivilgesellschaft nach wie vor wichtig.
       
       Aber zu diesen großen Zielen sind inzwischen ganz einfache, menschliche
       Wünsche hinzugekommen: Ich möchte wenigstens wieder in meine Heimat reisen
       können. Ich möchte endlich [4][das Grab meines Vaters] besuchen, der starb,
       als ich bereits im Exil im Lettland lebte.
       
       ## Die einfachen Ziele
       
       Und was ist mit der Frage, die mich spätestens seit 2020 umtreibt: Warum
       setzen [5][diejenigen, die das Land verlassen haben], ihren Kampf nicht
       massenhaft fort? Ist ihnen plötzlich alles egal: ihre Heimat, ihre dort
       gebliebenen Angehörigen, die Zukunft ihres Landes?
       
       Gut möglich, dass einem Menschen, der in zwei Schichten arbeitet, um die
       Miete bezahlen und sich und seine Kinder ernähren zu können, all das in
       diesem Moment tatsächlich gleichgültig ist. Es heißt, in einer Notsituation
       müsse man wie im Flugzeug zuerst sich selbst die Sauerstoffmaske aufsetzen
       und erst dann anderen helfen.
       
       Wenn wir also über politischen Kampf und Revolution sprechen wollen,
       sollten wir mit einer anderen Frage beginnen: Hat der Mensch in Belarus
       überhaupt eine solche Maske?
       
       [6][Nasta Zakharevich] ist belarussische Journalistin und lebt im Exil in
       Lettland. Sie war Teilnehmerin eines [7][Osteuropa-Workshops der taz Panter
       Stiftung]. 
       
       Aus dem Russischen von [8][Tigran Petrosyan.] 
       
       Durch Spenden an die [9][taz Panter Stiftung] werden unabhängige und
       kritische Journalist:innen vor Ort und im Exil im Rahmen des Projekts
       „Tagebuch Krieg und Frieden“ finanziell unterstützt.
       
       21 Aug 2026
       
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