# taz.de -- Neue Gesetze für Verpackungsmüll: Bürokratiemonster gegen Mülltsunami
> Nach lauten Protesten vor allem kleiner Unternehmen regt sich im
> EU-Parlament Widerstand gegen die neuen EU-Abfallgesetze. Die Kommission
> schweigt.
(IMG) Bild: Fast so schlimm wie Schoko-Bons und Gummibärchentüten: für jedes Kleidungsstück eine Verpackung
Im hügelig kargen Norden Kataloniens, zwischen endlosen Oliven- und
Orangenplantagen, stellt im kleinen Dörfchen El Cogul die
Agrargenossenschaft Oli Rupestre Olivenöl her. Das meiste verkauft sie in
Spanien, doch etwa ein Drittel ihres Gesamtumsatzes macht die
Genossenschaft in der EU, vor allem in Frankreich und Deutschland. Ihre
Glasflaschen oder Plastikkanister verschickt sie in Kartons verpackt.
Dass diese Kartons und Flaschen in Deutschland oder Frankreich korrekt
recycelt werden, dafür muss Oli Rupestre seit Mitte August nicht nur Sorge
tragen, sondern auch bezahlen. Seit dem 13. August gilt die neue
Verpackungsrichtlinie der EU (PPWR), samt dazugehörigem deutschen
Verpackungsgesetz. „Wir haben uns in jedem relevanten Markt den
entsprechenden Systemen der erweiterten Herstellerverantwortung
angeschlossen“, gibt die Genossenschaft Auskunft. In Deutschland erfüllen
wir die Anforderungen des Verpackungsgesetzes zum Beispiel über das duale
System von Noventiz mit einer Registrierung bei der Zentralen Stelle. Diese
Stiftung aus Osnabrück überwacht und gestaltet das Verpackungsgesetz schon
bisher. Für Oli Rupestre scheint das keine große Sache, eher das
„aggressive globalisierte Umfeld“ macht der Genossenschaft zu schaffen.
Bei den Blättern für deutsche und internationale Politik sieht man das
anders. Auch sie versenden ihre Zeitschrift in die EU, aber, anders als die
Ölproduzenten aus Spanien, nicht nur in zwei Länder, sondern in fast alle.
Viele Hefte nach Österreich, einige nach Ungarn, Frankreich, vereinzelte
nach Bulgarien – und so weiter. Laut neuem Gesetz müsste die
Geschäftsführerin der Blätter Verlagsgesellschaft, Annett Mängel, in jedem
belieferten Land das Pendant zur Zentralen Stelle in Deutschland suchen,
sich zudem bei einem Bevollmächtigten, teilweise noch mittels eines
Notarbüros gegen Gebühr anmelden und Entsorgungsentgelt zahlen. „Die Kosten
der Anmeldung übersteigen die Entsorgungsentgelte bei weitem“, sagt Mängel.
Wie sie werben zahlreiche kleine Unternehmer:innen, aber auch die
Industrie- und Handelskammer sowie Branchenverbände, schon seit fast einem
Jahr bei Abgeordneten im EU-Parlament und im Bundestag sowie bei
verschiedenen Ministerien für Ausnahmeregelungen für kleine Unternehmen.
Etwa könnten sie sich nur in ihrem Heimatland anmelden – in Deutschland bei
der Zentralen Stelle – die dann die Gelder in die EU verteilt. Ein
ähnliches Verfahren gibt es, um die Umsatzsteuer für grenzüberschreitende
Verkäufe und Dienstleistungen an Privatpersonen zu regeln.
## Ein Gesetz für kleinste und größte Unternehmen
Die Schwierigkeiten um die neuen Regeln entstehen, weil sehr
unterschiedliche Unternehmen unter ein Gesetz gefasst werden: der kleine
Verlag aus Berlin, aber eben auch riesige, global agierende Versandhändler
oder Handelsketten. Die Regierungen möchten das Paket „Verpackungsgesetze“
nicht neu aufschnüren, weil es ein großes Problem lösen soll: [1][Die immer
noch riesige Menge von 79,8 Millionen Tonnen an Verpackungen aus Pappe,
Kunststoff, Glas und Metall, die in der EU 2023 angefallen sind,] 177,8
Kilogramm pro Einwohner. Deutschland liegt mit 215 Kilogramm pro Kopf
deutlich darüber.
Die europäische Verpackungsrichtlinie PPWR will Unternehmen, die von
außerhalb der EU verpackte Waren einführen, künftig an der
Verpackungsentsorgung beteiligen und dazu verpflichten, recyclingfähige
Pappe, Kunststoffe etc. zu verwenden. Bei nach Schätzungen rund 460.000
Paketsendungen, die täglich aus China an deutsche Endverbraucher:innen
gesendet werden, sind das relevante Mengen.
Auch für europäische Handelsketten wie Aldi, Lidl und Co ändern sich die
Vorgaben, wenn sie ihre Produkte etwa als Eigenmarken auf dem EU-Markt
verkaufen. Sobald das Logo einer Eigenmarke auf einer Packung Käse oder
Spüli steht, ist die Kette für die Verpackung verantwortlich. Dagegen
protestierte der Handel und Experten fragen sich, wie die Behörden
Versandhändler mit Sitz in China kontrollieren wollen.
In Brüssel haben die Proteste gegen die neuen Regeln jedenfalls trotz
Sommerpause für großen Wirbel gesorgt. „Der europäische Binnenmarkt darf
durch die Umsetzung der PPWR nicht geschwächt oder fragmentiert werden“,
schrieben die CDU-Europaabgeordneten Niclas Herbst und Angelika Niebler in
einem Brief an die EU-Kommission.
Der Protest aus dem Parlament zeigte Wirkung. „Wir ermuntern die
Mitgliedstaaten, die neuen Regeln nicht anzuwenden und keine Strafen zu
verhängen“, sagte ein hochrangiger EU-Beamter in einem Hintergrundgespräch.
Wer allerdings auf ein Schuldeingeständnis von Umweltkommissarin Jessika
Roswall gewartet hatte, wird enttäuscht.
## Die EU-Kommission schweigt zu den Protesten
Bis heute haben sich Roswall und ihre Chefin Ursula von der Leyen (CDU)
nicht zu den Problemen geäußert. Eine Anfrage der taz blieb unbeantwortet.
Der Vorwurf, mit der PPWR ein neues „Bürokratiemonster“ geschaffen zu
haben, muss die Kommission tief getroffen haben – schließlich hat sie sich
ja dem Bürokratieabbau verschrieben.
Einsichtiger gibt man sich im Europaparlament. Dort sind nicht nur die
Christdemokraten aktiv geworden. Auch die Grünen sehen
Nachbesserungsbedarf. „Das Gesetz ist keine Glanzleistung“, räumte Erik
Marquardt, der Chef der deutschen Grünen-Gruppe im Parlament, im Gespräch
mit der taz ein.
[2][Zwar stelle niemand das Ziel der EU-Verordnung infrage. „Wir
produzieren zu viel Müll, Onlinehändler tragen dazu bei“, so Marquardt.]
„Dass man da ran muss, ist klar.“ Genauso klar sei aber auch, dass eine
Bagatellgrenze für kleine Versandhändler nötig sei. Man könne kleine Firmen
nicht zwingen, ihre Verpackungen wegzuwerfen.
Außerdem plädiert Marquardt für mehr Zeit für die Umsetzung der Verordnung.
„Die EU sollte den Druck rausnehmen und die Uhr anhalten (‚Stop the
clock‘), vielleicht für ein halbes oder ein Jahr.“ In dieser Zeit sollten
die Sanktionen ausgesetzt werden, damit die Händler ihre Lager mit
Verpackungsmaterial in Ruhe leeren können.
Sonst mache die EU den Binnenmarkt für die kleinen Unternehmen kaputt“,
sagt Verlagsgeschäftsführerin Mängel. „Die Verpackungsgesetze sind ein
Beispiel für eine katastrophale Umsetzung einer an sich guten Idee.“
3 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Deutsche-Umwelthilfe-prueft-Lidl-und-Aldi/!5945285
(DIR) [2] /Muellproblem-in-der-Tuerkei/!6205510
## AUTOREN
(DIR) Eric Bonse
(DIR) Heike Holdinghausen
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