# taz.de -- Museum für NS-Geschichte in Flensburg: Gestapo-Sitz oder „Deutsches Haus“?
       
       > In Flensburg soll ein Vermittlungszentrum zur kritischen Aufarbeitung des
       > Nationalsozialismus entstehen. Um den Standort gibt es Streit.
       
 (IMG) Bild: Im Mai 1945 im Hinterhof des Flensburger Polizeipräsidiums verhaftet (v.l.n.r.): Albert Speer, Großadmiral Dönitz und Alfred Jodl
       
       Sie liegen nur einige Hundert Meter voneinander entfernt: das Flensburger
       Polizeipräsidium an der Straße Norderhofenden und damit in Sichtweite der
       Förde und das Deutsche Haus in der Friedrich-Ebert-Straße, wo es leicht
       bergauf zum Flensburger Bahnhof geht. Letzteres ist ein backsteinernes
       Geschenk der damaligen deutschen Regierung, weil die Flensburger
       Bevölkerung sich bei der Volksabstimmung von 1920 [1][für die Zugehörigkeit
       zum Deutschen Reich entschieden hatte] – und also gegen Dänemark.
       
       Während das Deutsche Haus also für die durchaus wechselhafte
       deutsch-dänische Geschichte steht, ist das beim Polizeipräsidium anders:
       Seit 1934 war es zugleich Sitz der örtlichen Gestapo, die weit über
       Flensburg hinaus bis nach Dänemark operierte und verfolgte.
       
       Die ehemaligen Gewahrsamszellen sind ebenso erhalten wie der Sitzungssaal,
       in dem etwa Heinrich Himmler, Reichsführer SS, am 5. Mai 1945 vor führenden
       SS-Offizieren und KZ-Kommandanten seinen letzten Appell verkündete.
       Erhalten ist auch der Innenhof, in dem der Hitler-Nachfolger, Großadmiral
       Karl Dönitz, mit seiner pittoresken Reichsregierung, die sich in die
       [2][Marineschule Mürwik] zurückgezogen hatte, gleich mehrfach verhaftet
       wurde – so viel internationale Presse war am 23. Mai 1945 zugegen.
       
       Doch die Flensburger Ratsversammlung hat sich in ihrem Beschluss für den
       „Aufbau eines norddeutschen Vermittlungszentrums zur kritischen
       Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Flensburg“ auf das Deutsche Haus
       festgelegt, weil dieses im Besitz der Stadt und [3][laut einer von ihr in
       Auftrag gegebenen Machbarkeitsstudie] von den Kosten her deutlich günstiger
       ist als eine mögliche Unterbringung im weiterhin genutzten
       Polizeipräsidium. Geplante Eröffnung: Anfang der 2030er Jahre.
       
       Gegen den Standortentscheid für das Deutsche Haus protestierten in einem
       [4][offenen Brief] verschiedene Flensburger Akteure, etwa der langjährige
       Stadtführer Knut Franck, der Schriftsteller Jochen Missfeldt und der
       ehemalige Chefredakteur des Flensburger Tageblatts, Stephan Richter.
       
       Auch der [5][Historiker Gerhard Paul] hat unterschrieben. Er ist
       emeritierter Professor, [6][einer der Begründer der Visual History], vor
       allem aber seit fast 35 Jahren Flensburger und ein Kenner besonders der
       späten Flensburger NS-Geschichte. Zudem ist Paul Ausstellungsmacher und war
       etwa an der Konzeption der Gedenkstätte „Topografie des Terrors“ in
       Berlin-Mitte beteiligt. „Es besteht keine Notwendigkeit, an einem Ort, der
       mit dem Thema nichts zu tun hatte, eine historische Ausstellung
       auszurichten“, sagt er zum Entscheid für das Deutsche Haus.
       
       ## Polizeipräsidium wird frei
       
       Kaum war der Brief veröffentlicht, der viel Zuspruch erhielt, änderte sich
       die Ausgangslage. Denn es wurde amtlich, was lange nur ein hartnäckiges
       Gerücht war: Flensburgs Polizei bekommt ein neues Präsidium, damit wird
       langfristig das bisherige Gebäude frei. Wobei es ein Problem gibt: Das
       Gebäude gehört nicht der Stadt, sondern dem Land Schleswig-Holstein – das
       sich bisher nicht geäußert hat, ob und welche Pläne es seinerseits
       verfolgt.
       
       „Es ist unstrittig, dass das [7][Polizeipräsidium der geschichtsträchtigere
       Ort] ist“, sagt Melanie Bach, als parteilose Stadträtin für Kultur und
       Bildung zuständig – und an den Beschluss der Ratsversammlung gebunden. Auch
       wenn in dem Beschluss der Hinweis enthalten ist, die Möglichkeiten des
       Polizeipräsidiums nicht aus den Augen zu verlieren, äußert sie sich
       vorsichtig: „Ich habe noch nicht die verbindlichen Auskünfte aus Kiel, dass
       ich sagen könnte: ‚Liebe Politik, wollt ihr euren Beschluss nicht noch
       einmal aufmachen?‘“
       
       Sie betont, wie wichtig es den Abgeordneten gewesen sei, das Projekt so
       weit in die Planung und auf den Weg zu bringen, dass es nicht mehr
       umkehrbar sei: „Für den Fall, das wir nach der nächsten Kommunalwahl im
       Rathaus Tendenzen bekommen, die gewillt sind, das Projekt zu verhindern.“
       
       Kopfzerbrechen bereitet der Stadt außerdem, dass das Polizeipräsidium
       sanierungsbedürftig ist. Bach verweist auf ein Gutachten des
       Finanzministeriums zum Sanierungsaufwand von Norderhofenden. Dieses liege
       der Stadt nicht vor, sodass der Gebäudekomplex nicht verlässlich in die
       Planung miteinbezogen werden könne.
       
       Das Zurückhalten des Gutachtens wertet Bach als Hinweis darauf, dass die
       Kosten hoch und für die Stadt nicht zu tragen seien. Das Finanzministerium
       schreibt, ein derartiges Gutachten sei ihm „nicht bekannt“.
       
       Paul widerspricht den finanziellen und zeitlichen Bedenken der Stadt. Er
       selbst hatte zuletzt ein [8][Konzept] entwickelt, das einen Gedenk- und
       Lernort in Norderhofenden vorsieht. Die Finanzierung soll durch die
       Gründung einer Stiftung sichergestellt werden, an der sich Bund, Land und
       Stadt beteiligen. Mit möglichen Beteiligten sei er bereits im Gespräch.
       Wenn man ihn ließe, könne er innerhalb eines halben Jahres eine Ausstellung
       konzipieren. „Ich kenne die Quellen, ich weiß, wo die Fotos sind, die
       Dokumente; weiß auch, wo sich etwa das Mobiliar der Dönitz-Regierung
       befindet, es ist alles da“, sagt er.
       
       Bach wiederum findet Pauls Konzept mehr als herausfordernd. Eine Umsetzung
       sei unrealistisch. Gleichzeitig bleiben die Pläne der Stadtverwaltung vage:
       Weder Finanzierung noch Konzept sind geklärt. Auch die angekündigte
       Beteiligung der Zivilgesellschaft ist noch Theorie. Es soll ein Beirat
       gegründet werden und eine Ausschreibung für die Konzeptausstellung gemacht
       werden. Aber wie genau und wann das sein wird: unklar. Fest steht nur, dass
       eine Beteiligung bei der Standortfrage nicht machbar sei.
       
       ## Übers Ziel hinausgeschossen
       
       „Die Stadt ist mit ihrer Idee eines ‚Vermittlungszentrums
       Nationalsozialismus‘ etwas über das Ziel hinausgeschossen“, findet Gerhard
       Paul. „Sowas gibt es in anderen Städten bereits. Ich weiß nicht, warum man
       das noch mal in Flensburg machen soll.“
       
       Was in Flensburg jedoch besonders und spezifisch anders sei: „Man kann hier
       zeigen: Wie geht ein Krieg zu Ende? Welche Illusionen haben etwa die
       handelnden Akteure?“ So habe Dönitz den Plan verfolgt, von Flensburg aus
       gemeinsam mit den Briten gegen die Sowjetunion zu Felde zu ziehen. Auch
       könne man gut aufzeigen, wie von Flensburg aus führende NS-Funktionäre
       untertauchten, ausgestattet mit neuen Identitäten. Ort des Geschehens auch
       hier: das Polizeipräsidium.
       
       Der Historiker betont, dass ein Ort zum Gedenken an die Gefangenen und
       Opfer der Gestapo und Polizei notwendig sei. Ihn sorgen Erfahrungen, die
       man etwa in Hamburg mit dem Stadthaus als ehemalige Gestapo-Zentrale
       gemacht hat: „Wenn das Vermittlungszentrum erst mal ins Deutsche Haus
       kommt, macht ein Investor aus dem Polizeipräsidium ein Hotel oder baut dort
       Eigentumswohnungen, und dieser einmalige authentische Ort ginge für immer
       verloren.“
       
       22 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Deutsch-daenische-Nachbarschaft/!5649581
 (DIR) [2] /Marineschule-in-Flensburg-Muerwik/!6077314
 (DIR) [3] https://ratsinfo.flensburg.de/sdnetrim/UGhVM0hpd2NXNFdFcExjZcFGCdZq4vMP1o6F4NX6I_s35RDPYV90BCn--trF-e3n/Mitteilungsvorlage_KA-20-2025.pdf
 (DIR) [4] https://akopol.wordpress.com/wp-content/uploads/2026/08/offener-brief.pdf
 (DIR) [5] http://www.prof-gerhard-paul.de/
 (DIR) [6] /Von-der-Verfuehrungskraft-der-Bilder/!5670207/
 (DIR) [7] /Buch-ueber-das-Ende-des-Dritten-Reiches/!6080268
 (DIR) [8] https://akopol.wordpress.com/wp-content/uploads/2026/09/erinnerungsort-norderhofenden-20.9.26.pdf
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Frank Keil
 (DIR) Klara Hohnke
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Flensburg
 (DIR) NS-Gedenken
 (DIR) Gedenkort
 (DIR) Schwerpunkt Nationalsozialismus
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Verdacht auf Brandstiftung: Hitlers „Kehlsteinhaus“ am Obersalzberg niedergebrannt
       
       Die Löscharbeiten an der Berggaststätte hoch über Berchtesgaden laufen auf
       Hochtouren. Eine verdächtige Person wurde festgenommen.
       
 (DIR) Weimer kolonisiert Kolonialgedenken: Wie er’s macht, macht er’s falsch
       
       Kulturstaatsminister Wolfram Weimer verfügt: Die nationale
       Kolonialismus-Gedenkstätte wird in Bremen eingerichtet.
       
 (DIR) Auschwitz-Gedenken an Täterort: Von hier schickte Hitlers Nachfolger viele in den Tod
       
       Schleswig-Holstein diskutiert, wie und wo an die Schoah erinnert wird. Hat
       die gastgebende Marine ihre Rolle im NS-Regime hinreichend aufgearbeitet?
       
 (DIR) Ende des Dritten Reichs vor 75 Jahren: Jeder bestiehlt jeden
       
       Von Hitlers Tod bis zur Kapitulation: Der Historiker Volker Ullrich
       schildert in seinem Buch „Acht Tage im Mai“ die letzte Woche der
       NS-Diktatur.