# taz.de -- Von der Verführungskraft der Bilder
       
       > Weil Politik und Propaganda über Bilder gesteuert werden, hat der
       > Flensburger Historiker Gerhard Paul den Ansatz der „Visual History“
       > entwickelt. „Bilder einer Diktatur – Zur Visual History des ‚Dritten
       > Reiches‘“ heißt sein aktueller, aufschlussreicher Bilder-Erklärungsband
       
 (IMG) Bild: Bilder wie ein Roman konstruiert: Unretuschiertes Original vom September 1939, Titelseite der „Stuttgarter Nachrichten“ vom 12. 3. 1941 und Titelseite der „Signal“, Heft 1, 1941
       
       Von Frank Keil
       
       Mit einem Foto aus Kiel beginnt es, mit einem Foto aus Flensburg endet es.
       Ersteres zeigt einen Chanukka-Leuchter in einem Fenster, während im
       Hintergrund ein mit Hakenkreuzfahne beflaggtes Gebäude zu sehen ist – eine
       überlegte fotografische Inszenierung im Dezember 1932 von Rachel Posner,
       Frau des Kieler Rabbiners Arthur Posner. Und das Flensburger Foto zeigt die
       Verhaftung des Hitler-Nachfolgers Karl Dönitz, des Reichsministers für
       Bewaffnung und Munition Albert Speer sowie den Leiter der Organisation Todt
       Alfred Jodl am 23. Mai 1945. Ein Akt, der – das wird man erfahren –
       mehrfach wiederholt wurde, damit die zahlreich anwesenden Pressevertreter
       nacheinander zu ihren Eindrücken und auch Bildern kamen, um so das
       endgültige Ende des Dritten Reiches entsprechend visuell verbreiten zu
       können.
       
       „Bilder einer Diktatur – Zur Visual History des ‚Dritten Reiches‘“ von
       Gerhard Paul, mittlerweile emeritierter Professor für Geschichte und deren
       Didaktik an der Flensburger Europa-Universität, erzählt anhand von 42
       ausgewählten Bildern, wie sich unser Verständnis der Jahre des
       Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges bildlich grundiert hat.
       
       Der Zeitraum erstreckt sich dabei von 1932 bis 1945, ein Schwerpunkt liegt
       auf der Regionalgeschichte Schleswig-Holsteins. Das klassische, vielfach
       publizierte Reportage-Foto etwa vom Handschlag zwischen Hitler und
       Hindenburg in Potsdam im März 1933 ist ebenso vertreten wie der private
       Schnappschuss vom Ausflug der Gestapo-Außenstelle Flensburg an den
       Nord-Ostsee-Kanal am Himmelfahrtstag 1936. Das inszenierte Foto wird ebenso
       bedacht wie das Propagandaplakat; dazu gesellen sich Ausflüge in die
       Bildende Kunst, etwa anhand eines Gemäldes von Ernst Nolde oder anhand von
       Werken von Felix Nussbaum.
       
       Manche Bilder sind einem sogleich vertraut, wie das bekannte
       „Schlagbaum-Foto“ vom 1. September 1939 an der Grenze der damals deutschen
       Stadt Danzig zum Gebiet der Republik Polen; ein von vorne bis hinten
       gestelltes Bild, wie man erfahren wird, so wie übrigens der Schlagbaum, der
       da sichtlich mit vereinter Manneskraft niedergerungen wird, vorher angesägt
       worden war.
       
       Andere Bilder sind weitgehend unbekannt, wie eine verwackelte
       Schwarzweiß-Aufnahme aus dem Frühjahr 1939 von der eingerüsteten, zum
       Abbruch bestimmten einstigen Kieler Synagoge im Stadtteil Schreventeich;
       ein unter großer persönlicher Gefahr gefertigtes Dokument, das den
       Fotografen, den jüdischen Studenten Otto Lehmann, bei einem ersten Versuch
       nach Sachsenhausen gebracht hatte, wie Paul erzählt.
       
       Pauls Vorgehen ist formal bei jedem Bildmotiv gleich: Es beginnt mit einer
       klassischen Bildbeschreibung, in der recht genau aufgelistet wird, was im
       Detail zu sehen ist – und wer nun denkt, was auf einem Bild zu sehen ist,
       das sähe man ja selbst, wird hier seine ersten Aha-Erlebnisse haben. Dazu
       gruppiert sich eine Analyse der Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des
       betreffenden Bilddokuments, garniert mit Informationen über den Lebenslauf
       des beteiligten Fotografen oder Hinweise auf spätere Bearbeitungen des
       Materials, sodass man mit einer Fülle von Zusatzinformationen neu schauen
       kann. Oder wie Paul sagt: „Selbst bei Bildern, wo man denkt, da ist alles
       schon gesagt worden, gibt es etwas zu entdecken.“
       
       ## Das Unbehagen weist den Weg
       
       Und dazwischen gibt es überbrückend eine kurze persönliche Sequenz des
       Autors, wie er auf das jeweilige Bilddokument gestoßen ist und welchen
       Irrtümern er zunächst selbst aufgesessen sei. Manchmal kam ihm einfach nur
       etwas komisch vor, ohne dass er sagen konnte, was. Und tatsächlich: Das
       diffuse Unbehagen weist oft den richtigen Weg.
       
       Gerhard Paul, Jahrgang 1951, in Nordhessen aufgewachsen, studierte
       Geschichte und Sozialwissenschaften. Er kam zum Fernsehen, wurde Autor wie
       Regisseur von Fernsehdokumentation – und allein, wie er dazu gekommen ist,
       ist eine Geschichte, die nacherzählt werden will: „Ich schrieb damals einen
       Leserbrief ans Fernsehen, weil ich mich über einen Dokumentarfilm zur
       besten Sendezeit geärgert hatte, und der zuständige Redakteur antwortete
       mir nicht nur, sondern er schrieb sinngemäß: ‚Wenn Sie meinen es besser
       machen können, dann kommen Sie doch vorbei und machen Sie es besser‘.“
       
       Gesagt, getan. Von 1975 bis 1984 war Paul beim Fernsehen, ging dann als
       Dozent nach Berlin ans Otto-Suhr-Institut der Freien Universität. 1994
       folgte der Ruf als Professor an die Flensburger Universität, wo er blieb
       und wo er sein Konzept einer ‚Visual History‘ entwickelte, als Erweiterung
       wie Fokussierung des Instrumentariums der HistorikerInnen-Zunft gedacht:
       „Historiker beschäftigen sich meist mit Textquellen, aber gerade in der
       Zeitgeschichte wird Politik, wird auch Propaganda immer mehr über Bilder
       gesteuert, und wir Historiker realisieren das viel zu wenig“, sagt Paul.
       
       Dabei gelte es Abschied zu nehmen, von der Vorstellung, das fotografische
       wie das filmische Bild sei eine Art Spiegel von Realität. Paul sagt:
       „Bilder sind für viele von uns die letzten Gewissheiten, deshalb hält man
       sich gerne an Bildern fest. Für mich aber sind Bilder genauso konstruiert
       wie jeder Roman.“
       
       Und dieser Prozess endet nicht, wenn ein Bild hergestellt worden ist, es
       also sozusagen fertig ist, sondern setzt sich danach fort – wie Paul anhand
       der Ansichtskarte „Boykott des jüdischen Geschäftes ‚Nord-Radio‘“
       beschreibt: Aufgenommen vom Flensburger Fotografenmeister Walter Hannemann
       am 1. April 1933 wurde das dazugehörige Glas-Negativ Mitte der
       1970er-Jahren vom Flensburger Stadtarchivar bearbeitet, der mit einem
       feinen Pinsel die Gesichter der damals beteiligten örtlichen SA-Männer
       ausmalte, sodass diese nicht mehr zu erkennen waren.
       
       Entdeckt wurde die seinerzeitige Manipulation, als Gerhard Paul im Jahr
       2000 das Bild im Rahmen einer universitären Geschichtswerkstatt seinen
       Studenten aushändigte, damit diese es inhaltlich befragten. Als sie es im
       Rahmen der entsprechenden Seminarpräsentation einem örtlichen Fotostudio
       übergaben, um es groß aufziehen zu lassen, fiel die Überarbeitung auf. Bis
       heute wird sie, oft auch lokal und zeitlich falsch zugeordnet, weiter
       benutzt: etwa für Schulbücher.
       
       Der Vorgang der Übermalung wiederholte sich ganz praktisch, als 1983
       anlässlich einer Ausstellung auf dem Flensburger Museumsberg zum 50.
       Jahrestag der „Machtübernahme“ der Nationalsozialisten der damalige
       Museumschef eine Originalreproduktion eigenhändig vor Ort ausmalte, weil zu
       viele FlensburgerInnen wissen wollte, wer damals dabei gewesen ist und auch
       mal die Lupe zückten. Widerhall hat die Übermalung kaum gefunden.
       
       Er habe das Buch nur so nebenbei geschrieben, sagt Paul noch. Das mag
       einerseits professorales Understatement sein, mehr aber noch weist es in
       die Richtung, die Gerhard Paul weiter beschreiten wird. Er sagt: „Ich bin
       in einer linken Tradition groß geworden, wo man immer alles wusste, wo es
       Widersprüche nicht gab. Ich aber habe immer Fragen gehabt – die ich mir
       jetzt langsam beantworten kann.“
       
       ## Dynamische Diktatur
       
       Entsprechend widmet er sich auch Bildern aus den Kriegsmonaten, als
       Nazideutschland zusammen mit der Sowjetunion die Republik Polen
       überrannte, was in Fotodokumenten gemeinsamer Militärparaden etwa in
       Brest-Litkowsk seinen Abdruck fand. Oder er fordert uns mit Blick auf die
       an Modernität ausgerichtete Zeitschrift die neue linie, die bis 1943
       erschien, auf, unser oft eindimensionales Bild der NS-Zeit zu korrigieren:
       „Der Nationalsozialismus ist viel moderner gewesen, als wir uns das heute
       vorstellen: Er ist eine dynamische Diktatur gewesen.“
       
       Und so ist „Bilder einer Diktatur“ nicht nur eine Untersuchung der
       Verführungskraft von Bildern, sondern auch eine Selbstbefragung und –
       Zufall oder nicht – Pauls 50. Buch. Und auch wenn er im Gespräch die
       Bemerkung fallen lässt, langsam müsse er mal zum Schluss kommen, auch müsse
       er überlegen, wo sein über Jahrzehnte angewachsener Bilderschatz für die
       interessierte Allgemeinheit nützlich untergebracht werden könne, ist das
       nächste Projekt längst angeschoben.
       
       „Ich bin ja jetzt in dem Alter, wo man sich seiner eigenen Geschichte
       zuwendet“, bekennt der mittlerweile Siebzigjährige. Und geht einer nächsten
       Spur nach: seiner Familiengeschichte, der seines Vaters, dessen Vaters und
       wiederum dessen Vaters, in deren Leben eines immer wichtig, prägend und
       bestimmend war – der Krieg. Über den nie gesprochen wurde.
       
       Gerhard Paul: „Bilder einer Diktatur – Zur Visual History des ‚Dritten
       Reiches‘“, Wallstein Verlag, 528 S., 38 Euro; Buchvorstellung mit Gerhard
       Paul: Di, 17. 3., Hamburg, Galerie Morgenland
       
       10 Mar 2020
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Frank Keil
       
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