# taz.de -- Jugendliche Freiräume: Sie brauchen Platz
       
       > In Berlin werden öffentliche Räume für Jugendliche immer knapper. Ein
       > Lichtblick ist ein neues Jugendzentrum von Outreach in Schöneweide.
       
 (IMG) Bild: Früh übt sich, nur wo, wenn alle anderen Freiräume dichtgemacht werden?
       
       Sitzbänke unter Markisen und vor großen Schaufenstern, dahinter ein
       großzügiger Tresen sowie eine Theke am Fenster, umschallt von Technobeats.
       Von einem normalen Café unterscheidet sich der FreiRaum nur dadurch, dass
       es hier ausschließlich Milchshakes und Limo gibt. Und durch das niedrige
       Alter der Anwesenden.
       
       In Berlin gibt es immer weniger öffentliche Räume für Jugendliche – Orte,
       an denen sie sich ohne Angst vor Stigmatisierung bewegen können. Das hat
       viele Gründe, unter anderem die Bebauungsdichte. Auch in Oberschöneweide im
       Bezirk Treptow-Köpenick steigt die Einwohner:innenzahl seit Jahren.
       
       Am vergangenen Freitag hat Outreach hier den FreiRaum eröffnet, ein
       selbstverwaltetes Ladencafé für Jugendliche. Ein Glücksgriff für den
       [1][freien Träger, der seit über 30 Jahren Jugendsozialarbeit macht]. Denn
       die Lage in der Wilhelminenhofstraße ist ideal: „Der Kaisersteg ist nicht
       weit weg – der fast einzige Ort, wo sie noch relativ ungestört Zeit
       verbringen können“, sagt Sozialarbeiter Tobias Michel. „Ungestört in dem
       Sinne, dass niemand sie wegschickt.“
       
       Der FreiRaum soll so ein Ort werden – und noch mehr. Die rechte Raumhälfte
       ist bis auf eine aus einer Badewanne gebauten Couch leer. Und zwar mit
       Absicht. Denn das erklärte Ziel von Outreach ist die Selbstverwaltung des
       FreiRaums durch die Jugendlichen. Ein paar Zeichnungen zieren schon die
       Backsteinwand, die extra freigelegt wurde, um zu den umgebenden Gebäuden zu
       passen.
       
       „Das kann man natürlich nicht von jetzt auf gleich machen“, sagt Michel.
       Denn häufig seien Jugendliche mit so viel Freiheit am Anfang überfordert,
       weil sie das aus ihrem Alltag überhaupt nicht kennen würden. „Schule ist
       maximal regelbehaftet. Zu Hause gibt es wahnsinnig viele Regeln.“ Auch in
       klassischen Jugendfreizeiteinrichtungen sei es ähnlich. „Überall gibt es
       Regeln, Regeln, Regeln. Aber keiner fragt, ob diese eigentlich auch okay
       sind und in die Lebenswelt der Jugendlichen passen.“ Welche Regeln es im
       FreiRaum nicht geben soll, das müssen die Jugendlichen selbst entscheiden.
       Auch der Name sei nur ein Arbeitstitel, den sie ändern können.
       
       ## Ort für Kreativität
       
       Selbstverwaltet bedeute aber nicht unbetreut. „Wir werden am Anfang immer
       dabei sein“, sagt Michel. „Bei Fragen oder Konflikten sind wir da.“ Aus
       sozialarbeiterischer Perspektive seien selbstverwaltete Orte so wichtig,
       weil dort Kreativität entstehe. „Weil sie in ihrer Peer Group eine
       Sicherheit empfinden und den Mut haben, aus sich rauszugehen. Sie werden
       nicht verurteilt und wissen einfach, dass die Toleranz dafür da ist, Dinge
       auszuprobieren.“ Warum die Selbstverwaltung so zentral ist, solle man aber
       am besten die Jugendlichen selbst fragen.
       
       „Es bringt nichts, wenn ein Erwachsener, der keine Ahnung von dem Leben
       eines jungen Menschen hat, entscheidet“, sagt Merima. Sie ist eine von
       vielen, die bei der Eröffnung des FreiRaums am Freitagabend dabei sind. Die
       27-Jährige ist Erzieherin an einer Schule und heute hinterm Tresen für die
       Milchshakes zuständig. Merima ist mit den Angeboten von Outreach
       aufgewachsen: „Ich kenne Outreach, seitdem ich zwölf bin. Ich war damals
       obdachlos und sie haben mit mir zusammen eine Wohnung gesucht“, erzählt
       sie. Seit 25 Jahren wohnt sie im Bezirk und hat immer mehr Orte für
       Jugendliche verschwinden sehen. „Es gibt einfach kein Geld, diese Räume zu
       schaffen oder für Personal. Statt zu fördern, wird gekürzt.“
       
       Auch für die 16-jährige Emily ist es nicht der erste Besuch bei Outreach:
       „Hier haben auch Jugendliche, die vielleicht 14 sind, einen Raum, wo sie
       sich entspannen können. Sie lernen neue Leute kennen, mit denen sie reden
       können, wenn sie Stress haben. Und sie können sich abreagieren.“ Was aus
       dem FreiRaum werden soll? „Ich hoffe, ein Ort zum Spiele spielen, Chillen
       und einfach zum Reden.“
       
       ## Orte zum laut sein
       
       Doch einfach nur mit anderen Jugendlichen zu chillen wird für manche
       schnell zu einem Problem: „Wenn sich Jugendliche draußen aufhalten, was sie
       im Sommer gerne tun, dann ist es natürlich manchmal auch ein bisschen
       laut“, sagt Alke Wierth von Outreach. Gerade wenn die Räume in Wohnhäusern
       sind, gebe es von Anwohner:innen dann manchmal Beschwerden über
       Lautstärke. Natürlich könne Wierth es auch verstehen, wenn Menschen sich
       von Lärm gestört fühlen. „Auf der anderen Seite brauchen Jugendliche als
       Teil der Gesellschaft auch Orte, an denen sie sich treffen können. Und wir
       freuen uns, wenn man dann vernünftig ins Gespräch kommt.“
       
       Doch wenn öffentliche Orte, an denen Jugendliche sich aufhalten können,
       weniger werden, sei es durch Bebauung oder anderes, weichen sie aus. Zum
       Beispiel in Parks. „Da sind Jugendliche auch oft die ersten, die
       rausfliegen, weil sie durch Lautstärke unangenehm auffallen oder durch was
       auch immer Jugendliche tun, weil sie eben jugendlich sind“, sagt Wierth.
       
       Orte für Jugendliche zu schaffen, liege in der Verantwortung der
       zuständigen Senatsverwaltung, findet Wierth. „Die soziale Infrastruktur für
       junge Menschen bleibt ein zentraler, wichtiger Bestandteil der Kinder- und
       Jugendpolitik in Berlin“, sagt auch Katharina Günther-Wünsch (CDU) der taz,
       Senatorin für Bildung, Jugend und Familie. „Deshalb wurden die Mittel für
       die Jugendarbeit in den vergangenen Jahren deutlich erhöht.“ Das Budget für
       die Jugendarbeit wurde tatsächlich von 95 Millionen Euro im Jahr 2020 auf
       135 Millionen in 2026 gesteigert.
       
       ## Mehr Angebote
       
       „Mit den Mitteln aus dem Jugendfördergesetz der letzten Jahre konnten
       Angebote bereits in hohem Maß ausgebaut werden“, sagt Sarah Nagel (Linke),
       Bezirksrätin für Jugend in Neukölln. Gleichzeitig stünden dennoch [2][nicht
       ausreichend Mittel zur Verfügung], um den Bedarf an Angeboten für junge
       Menschen zu finanzieren. „Die Bezirke sind chronisch unterfinanziert.“
       
       Für ihre Parteikollegin und jugendpolitische Sprecherin, Lisa Pfitzmann,
       ist das die Schuld des Senats. Die Bezirke verwalten zwar die Haushalte,
       doch der finanzielle Rahmen werde maßgeblich durch den Senat gesetzt, sagt
       sie. „Wenn Bezirke dauerhaft unterfinanziert sind, geraten soziale Angebote
       zwangsläufig unter Druck, denn gekürzt wird bei den sogenannten
       ‚freiwilligen Leistungen‘, und genau darunter fallen bislang Jugendarbeit,
       Jugendsozialarbeit und Familienförderung.“
       
       „Freie und selbstverwaltete Jugendräume sind wichtige Orte für junge
       Menschen in Berlin“, findet auch Lilia Usik, die jugendpolitische
       Sprecherin der Berliner CDU. Sie sieht Senat, Bezirke und Träger von
       Jugendsozialarbeit gleichermaßen in der Verantwortung, Freiräume
       langfristig zu schützen. Ihr Amtskollege von der SPD, Alexander
       Freier-Winterwerb, geht etwas kritischer mit der eigenen Organisation um:
       „Als mitregierende Partei tragen wir Verantwortung. Punkt.“ Das Land müsse
       die Bezirke finanziell in die Lage versetzen, sich priorisiert um Freiräume
       für Jugendliche zu kümmern.
       
       Dafür bedarf es aber Druck von unten. Im Grunde sei es an der gesamten
       Stadtgesellschaft, sich daran zu erinnern, wie man selber war, als man
       jugendlich war, findet Alke Wierth von Outreach. „Unsere Zielgruppe sind
       überwiegend Jugendliche, die unter schwierigen Bedingungen aufwachsen, die
       oft kein eigenes Zimmer zu Hause haben, wo sie sich mit Freunden treffen
       können, oder gar einen Partykeller im Einfamilienhaus. Und die brauchen
       auch ihren Platz in der Stadt.“
       
       2 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
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