# taz.de -- Superwahlkreis Querfurt: Zwischen Gratiswurst, dem linken Pfarrer und Rechtsextremen
       
       > In Sachsen-Anhalts brisantestem Wahlkreis geht es rund: ein Streifzug
       > durch ein Burggewölbe, über einen Campingplatz und ein AfD-Familienfest.
       
 (IMG) Bild: Querfeld, ein und aus von links und rechts
       
       Wären die etwa hundert Gäste des Wahlforums der Mitteldeutschen Zeitung in
       Querfurt repräsentativ für das Wahlverhalten, hätte der für die Linken
       antretende Pfarrer Andreas Tschurn den wohl brisantesten Wahlkreis
       Sachsen-Anhalts schon gewonnen. Der laut AfD-Parteifreunden „größte
       Rechtsintellektuelle des Landes“ und Programmschreiber, Hans-Thomas
       Tillschneider, landete bei einem einstelligen Ergebnis. Nur die letzte
       Reihe im halboffenen Gewölbe der malerischen Südbastion der Burg Querfurt
       applaudierte ihm regelmäßig. Zu offenen Diskussionen scheint die
       AfD-Anhängerschaft weniger bereit als zu Protesten oder dem Kreuz auf dem
       Stimmzettel.
       
       Der Wahlkreis 32 Querfurt, zwischen Halle im Osten, der Naumburger
       Weingegend im Süden und den früheren Kalibergbaugebieten im Westen, ist mit
       rund 46.000 Wahlberechtigten nicht nur zahlenmäßig einer der größten in
       Sachsen-Anhalt. Der Kampf um das Direktmandat, den die AfD überall schon
       gewonnen glaubt, verspricht hier einige Brisanz.
       
       2021 gewann hier die Lehrerin Eva Feußner für die CDU, avancierte im selben
       Jahr zur Bildungsministerin im Kabinett Haseloff, wurde aber 2025 [1][wegen
       Kritik an ihrer Amtsführung, auch aus den eigenen Reihen, entlassen]. Neben
       ihren Konkurrenten Tillschneider und Tschurn zeigen auch die Juristin Eva
       Hoyer (FDP) und Susanne Otto für die Bündnisgrünen in der Diskussion ein
       beachtliches Profil.
       
       Nur Insider wissen, was auch zum Profil des Wahlkreises gehört: Auf dem Weg
       in die Stadt Querfurt kommt man durch das verschlafene Dörfchen mit dem
       irreführenden Namen Schnellroda. Gut versteckt im alten Rittergut sitzt
       hier mit dem Antaios-Verlag von [2][Götz Kubitschek] die zentrale
       Denkfabrik der Neuen Rechten in der Bundesrepublik. Vielleicht wirbt
       deshalb das Dorf am Ortseingang mit der Tafel „Noch freie
       Kindergartenplätze!“.
       
       ## Im Gewölbe der Burg
       
       Das Wahlkreisforum im Querfurter Burggewölbe wiederum überrascht mit einem
       Ablauf jenseits der erwartbaren Stereotype. Es bedarf einiger Fantasie,
       sich den 41-jährigen Andreas Tschurn, gekommen in Bikerjacke, als Pfarrer
       auf der Kanzel seiner Friedenskirche im 30 Kilometer entfernten Leuna
       vorzustellen. Die Rückenaufschrift „Linke Sachsen-Anhalt“ identifiziert ihn
       aber eindeutig. Schon eine halbe Stunde vor Beginn darf er eine Menge Hände
       schütteln und Leute umarmen.
       
       Die Regie hat den Linken und Hans-Thomas Tillschneider an demselben
       Stehtisch mit einem Mikrofon platziert. Zum Rechtsextremen Tillschneider
       will überhaupt nicht passen, dass er Linkshänder ist und mit einem roten
       Kugelschreiber Stichworte notiert. Erwarten konnte man hingegen, dass er
       die Energiewende für ein „planwirtschaftliches Projekt, das den Strompreis
       in die Höhe getrieben hat“ halte, und dass für ihn der ÖPNV nur
       „Grundversorgung“ leisten könne, wo doch das Auto Normalität bedeute. Das
       alles kontrolliert, beinahe emotionslos in kaltem Fanatismus vorgetragen.
       
       Kaum erwarten konnte man jedoch den langen Beifall für das Plädoyer der
       Grünen Susanne Otto, die Integration von Flüchtlingskindern beizubehalten.
       Noch weniger die heftige Kontroverse zwischen Tillschneider und Eva
       Feußner, die eher dem rechten Flügel der Union zugerechnet wird, als es um
       die Landesfinanzen geht. Das [3][Institut für Wirtschaftsforschung Halle
       IWH hatte erst kürzlich errechnet], dass die Pläne der AfD den Haushalt mit
       2,2 Milliarden Euro im Jahr zusätzlich belasten würden.
       
       Feußner konterte die abenteuerlichen Einnahmerechnungen Tillschneiders und
       erhielt dafür so intensive Zustimmung, dass dessen Gegenrede im Lärm
       unterging. Was ihn danach nicht hinderte, angeblich schon lange auf den
       Wahlsieg der AfD wartende Unternehmer heraufzubeschwören: „Es wird hier
       eine Dynamik in Gang kommen, von der sie nur träumen können!“
       
       ## „Kapitalismus ist scheiße“
       
       Auf dem keine 10 Kilometer entfernten Campingplatz Hermannseck, unweit des
       Fundortes der [4][Himmelsscheibe von Nebra] gelegen, kann man dem Wahlvolk
       aufs Maul schauen, das solchen diskursiven Veranstaltungen fernbleibt. „Das
       kann nicht so weitergehen – immer weniger Netto vom Brutto!“, schimpft
       Rico, eigentlich kein harter Rechter und eigentlich kein Armer, denn er ist
       mit dem Wohnwagen hier Dauercamper. Für das Bier reiche es immer noch.
       
       In der von einigen Schlucken unterbrochenen Plauderei steigt wie eine
       Fontäne plötzlich der Frust auf. „Was die 1990 mit uns gemacht haben!“ Als
       habe er damals als junger Mann nicht auch das Ende der DDR gewollt.
       „Kapitalismus ist scheiße“, lautet sein Fazit. An der bürgerfeindlichen und
       antisozialen Politik der Merz-Regierung sehe man das ja.
       
       So ähnlich kann man es auch beim AfD-Familienfest auf dem Festplatz
       aufschnappen, ein Unkrautacker am Stadtrand. „Wenn wir der AfD keine Chance
       geben, sind wir verloren“, sagt in sorgenvollem Ton eine Dame mittleren
       Alters ins Telefon, auf einem Motorroller mit Deutschlandfahne sitzend.
       „Das Land retten“, verspricht die AfD auf einem Plakat.
       
       ## 1.400 Gratis-Würste
       
       Sie beginnt in Querfurt schon mit der Umsetzung ihres Versprechens, indem
       sie 1.400 Bratwürste gratis an die unterernährten 500 Besucher verteilt.
       Und weil der Ossi sich reflexartig anstellt, passiert auf dem Bürgerfest
       außer Schlangestehen zwei Stunden lang gar nichts. Einsam dudelt der
       Lautsprecherwagen erst „Heidi“ und verirrt sich dann zu „YMCA“.
       
       Wer satt ist, kann am Berliner Stand der „Christen in der AfD“ lernen,
       warum Fromme angeblich die AfD wählen. Neben Bibeln im Bundeswehr-Tarnlook
       liegt ein Flyer des Evangelikalen Thomas Schneider aus Aue im Erzgebirge,
       der die AfD-Agenda herunterbetet und vor einer Abschaffung der
       Glaubensfreiheit warnt. Der Standbetreuer weiß zwar nicht, was bei Matthäus
       25 steht, aber Jesu Satz „Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt,
       habt ihr mir getan“, hat er schon einmal gehört.
       
       ## Der Zauber des Spitzenkandidaten
       
       Auch andere sächsische AfD-Parteifreunde halten den Wahlkreis Querfurt für
       so wichtig, dass der Kreisverband Zwickau gleich mehrere Zeltstände
       aufgebaut hat. Ihren Landesvorsitzenden Jörg Urban haben sie auch
       mitgebracht. Aber nicht ihm wird auf dem Platz von Kamerateams aufgelauert,
       sondern Tillschneider.
       
       Das BSW sei eine „im ganzen Wortsinn linke Sache“, erfährt man von ihm.
       „Ich glaube denen kein Wort“, verneint er jede Option einer Zusammenarbeit.
       „Die sind nur da, um uns Stimmen abzunehmen.“ Wenn er dann behaupten kann,
       die „Regenbogenideologie“ wolle „95 Prozent des Mindsets ändern“, wird er
       sogar etwas emotional. Erst recht, als er die „Magie“ und den „Zauber“ von
       Spitzenkandidat Ulrich Siegmund beschreiben soll. „Ein ganz wunderbarer
       Mensch und Politiker!“
       
       Es geht um sehr viel am 6. September in Sachsen-Anhalt. Und doch geht es im
       Wahlkampf insgesamt weniger neurotisch, weniger verbissen und gehässig zu,
       wenn man ihn beispielsweise mit Sachsen vergleicht. „Es bleibt friedlich an
       den Ständen“, bestätigt auch Pfarrer Andreas Tschurn als Linkskandidat
       diesen Eindruck. „Pöbeleien kommen höchstens aus vorbeifahrenden Autos“. Es
       gibt Hoffnung, dass bei keinem der möglichen Wahlausgänge ein Bürgerkrieg
       ausbricht.
       
       5 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
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