# taz.de -- Moshpit ganz zärtlich: Als wären wir in Luftpolsterfolie
> Moshpit steht für Chaos und die Freiheit, die ich im Alltag oft vermisse.
> Trotzdem traute ich mich nicht, bis die Macker mal draußen blieben.
(IMG) Bild: Make moshpits soft again
Wenn ich das Wort Moshpit höre, suche ich eigentlich schnell das Weite.
Bloß nicht in einer Traube springender Männer zerdrückt werden. Ich bin
nicht die Größte, 1,60 Meter, die Ellenbogen durchschnittlich großer Männer
befinden sich auf der Höhe meines Kopfes. Im Moshpit würde ich zwischen all
den Oberkörpern eh nichts sehen und hätte Achseln im Gesicht.
Dabei steht das Wort [1][Mosh] für starke Emotionen, für Chaos und dafür,
alles aus sich rauszulassen – was ziemlich verlockend klingt und nach der
Freiheit, die ich im Alltag manchmal vermisse. Wann [2][schreit man schon
mal rum], lässt der negativen Energie freien Lauf und schafft stattdessen
einen positiven, gemeinsamen Moment? Außerdem lautete die erste Regel in
jedem Moshpit: Wenn jemand hinfällt, wird der Person sofort hochgeholfen.
Trotzdem traute ich mich bisher nicht mitzumachen.
Dann war ich auf meinem [3][Lieblingsfestival]. Am Nachmittag spielt die
Berliner HipHop-Band PA69, bekannt für Lieder wie „[4][Biertornado]“ – und
für ihren Hang, die Meute zu Moshpits anzustiften.
Auf dem Mainfloor ist es brechend voll, als die drei Sänger mit ihren rosa
Skimasken auf die Bühne stürmen. Neben ihnen tanzt eine gelbe Sonne, die an
die Teletubbies erinnert. Die nächste Stunde kommt mir wie ein Fiebertraum
vor. Der ganze Floor grölt gemeinsam „Fuck die AfD“, Mittelfinger fliegen
durch die Luft. Es dauert nicht lange, dann wird der erste Moshpit
eröffnet.
## Und jetzt ohne Macker
„Aber irgendwie sind hier in der Mitte noch zu viele Männer“, sagt
unerwartet eine der pinken Sturmhauben ins Mikro. Stimmt, ich habe gar
nicht infrage gestellt, dass meine männlichen Freunde mal wieder fröhlich
in der Mitte rumspringen, während ich aus sicherer Entfernung zugucke.
„FLINTA*-Moshpit!“, ruft der Sänger da in die Menge. Wir schauen uns an,
das habe ich noch nie gehört: ein Moshpit ohne Macker – da wollen wir dabei
sein.
Schnell drücken meine Freundinnen und ich den Männern unsere Taschen in die
Hand und schlängeln uns durch die Menge Richtung Bühne. In der Mitte tut
sich ein kreisrunder Fleck auf, der staubige Boden wird sichtbar.
Als der Beat droppt, springen wir aufeinander zu, unsere Körper prallen
gegeneinander, wir hüpfen gedrängt im Kreis, die Masse bewegt sich wie ein
Strudel gegen den Uhrzeigersinn.
Trotzdem fühlt sich das Schubsen sanft an, als wären wir in
Luftpolsterfolie gewickelt. Ich bekomme weder Ellenbogen gegen den Schädel,
noch werde ich eingeklemmt. Und das Beste: Ich kann weiter als bis zum
nächsten T-Shirt sehen, weil alle großen Männer am Rand stehen und zugucken
müssen. Bis zum anderen Ende der Menge blicke ich in breit grinsende
Gesichter.
J. und ich halten uns an den Händen gegenseitig fest, während wir auf und
ab springen und kaum noch Luft kriegen vor Lachen. Letztens saßen wir noch
zusammen in einem Bob auf einer Sommerrodelbahn in den Alpen und haben
ähnlich geschrien, als wir bergab rauschten. Ich vorne „bremsen, bremsen“,
J. hinten lachte sich kaputt, das Adrenalin schoss durch unsere Körper und
wir durch die engen Kurven. Dieser Moshpit löst einen ähnlichen Rausch in
uns aus.
„Ich will alles XXL, wir sind die größte Band der Welt“, grölt der Sänger.
Unsere Gesichter sind dreckig vom Staub, der von unseren Füßen aufgewirbelt
wird, die Beine zwei Hauttöne dunkler. Ich wusste nicht, dass ein Moshpit
XXL so ein Spaß ist.
7 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Sophie Fichtner
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