# taz.de -- Gesperrter Helenesee: Untergang eines Urlaubsorts
       
       > In der DDR galt der Helenesee bei Frankfurt (Oder) als Ferienparadies.
       > Auch nach der Wende war er gut besucht. Doch 2021 rutschte der Strand
       > weg.
       
 (IMG) Bild: Der Strand ist gesperrt. Eigentlich. Meist aber findet sich dann doch ein Zugang zum Helenesee
       
       Der Sand unter den Füßen bewegt sich Richtung Seeufer. Das ist das Erste,
       das man bemerkt. Es fühlt sich an, als stehe man auf einem riesigen Teppich
       und werde mit ihm zusammen ins Wasser gezogen. Das geht so rapide und mit
       so viel Wucht, dass man nicht schnell genug in die Gegenrichtung laufen
       kann, um sich zu retten. Zusammen mit dem Sand rutscht man ins Wasser, das
       nahe am Ufer noch relativ flach ist. Aber nach zehn, zwanzig Metern geht es
       jäh nach unten. Der Seeboden fällt ab wie ein Steilhang, der er tatsächlich
       einmal war.
       
       Wer in eine solche Rutschung gerät, wird von tonnenschweren Massen aus Sand
       und Wasser erfasst. Unter Wasser nimmt einem die wirbelnde Masse jede
       Orientierung; der nasse Sand kann den Körper festhalten, Mund und Nase
       verschließen oder den Brustkorb so einengen, dass kein Atemzug mehr möglich
       ist. Auch gute Schwimmer haben dann kaum eine Chance: Wer in einen solchen
       Strudel gerät, kann in die Tiefe gezogen und unter dem abrutschenden Sand
       begraben werden. Die Wasseroberfläche könnte dabei sogar recht ruhig
       erscheinen, während sich unter Wasser ein Todeskampf abspielt. Wer in so
       einen Strudel hineingerät, wird sehr wahrscheinlich in ein kühles Grab auf
       dem Seeboden gezogen.
       
       Wenn man sich den Helenesee an einem sonnigen Wochentag Ende August
       ansieht, würde man kaum glauben, wie gefährlich ein Bad dort sein kann. Der
       Sandstrand wirkt solide. Ein paar Dutzend Badegäste verteilen sich über
       mehrere hundert Meter Strand: einige FKK-Jünger im Rentenalter, die an
       ihrer Haselnussbräune arbeiten. Zwei Teenagerpärchen beschäftigen sich mit
       einem Karton Kleiner Feigling. Einige Bewohner des Asylbewerberheims im
       einstigen Halbleiterwerk von Frankfurt (Oder) sind da, und eine Familie mit
       Kleinkindern hat sich mit Sonnenschirm und Schwimmtieren neben einem halb
       verfallenen Holzpodest ausgebreitet und lutscht im Schatten Wassereis.
       
       Sollte jetzt die Böschung abrutschen, würden wohl einige dieser Menschen
       innerhalb von wenigen Minuten für immer unter Wasser verschwinden. „Aber
       hier ist ja seit fünf Jahren nüscht passiert“, sagt André, 72, Nachname tut
       nichts zur Sache. Er sitzt nur mit einem Strohhut bekleidet auf einem
       Handtuch, blinzelt in die Sonne und denkt gar nicht daran, hier seinen
       Platz zu räumen, weil der Strand offiziell gesperrt ist.
       
       Vor fünf Jahren aber ist eben schon etwas passiert. Am 9. März 2021 löste
       sich am östlichen Nordufer des Helenesees – nicht weit von dort, wo heute
       André auf seinem Handtuch sitzt – der sandige Untergrund auf einer Länge
       von 27 Metern. Mindestens 500 Kubikmeter Sand rutschten in den ehemaligen
       Tagebau hinab und rissen einen Zaun mit sich. Zurück blieb ein dunkler
       Kessel am Strand.
       
       Menschen kamen zum Glück nicht zu Schaden – weil im März halt niemand am
       Badesee ist. Am 21. Mai folgte wegen der Gefahr weiterer
       „Rutschungsereignisse“ – wie das in der Fachsprache heißt – die Sperrung
       des gesamten Nord- und Westufers. Die übrigen Ufer waren schon vorher
       geschlossen. Und seither hat Frankfurt (Oder) keinen Badesee mehr. [1][Seit
       mehr als einem halben Jahrzehnt].
       
       So lange steht nun schon entlang des zentralen Strandes und Badezugangs des
       Helenesees ein kilometerlanger Bauzaun. Durch seine Drahtmaschen kann man
       an schönen Sommertagen sehen, wie das blaue Wasser in der Sonne schimmert.
       Doch in regelmäßigen Abständen hängen am Zaun Schilder, auf denen steht:
       „Sperrbereich. Betreten verboten. Lebensgefahr.“ Wer hier badet, weiß, was
       er tut.
       
       ## Am Morgen ist der Zaun noch geschlossen
       
       Aber irgendjemand in der Gegend muss einen Schraubenschlüssel haben, mit
       dem sich die Verbindungsschellen des Bauzauns lösen lassen. Jeden Morgen
       ist der Zaun geschlossen, doch irgendwann im Lauf des Tages klafft zwischen
       zwei Gitterelementen ein Spalt, durch den sich im Sommer täglich ein paar
       Dutzend Badegäste zum Strand schleichen. An Wochenenden sind es mehr. Dann
       tauchen Security-Männer des Pächters auf und erklären, dass das Baden
       gefährlich und verboten ist.
       
       „Der See ruht“, witzelt André Benedict Prusa, der Baudezernent von
       Frankfurt (Oder). Der Helenesee gehört zu seinem Aufgabengebiet, und es ist
       sicher keine angenehme Aufgabe: Wer möchte schon dafür verantwortlich sein,
       den knapp 60.000 Bewohnern seiner Stadt über Jahre den einzigen Badesee in
       der Gegend vorzuenthalten?
       
       Und Prusa weiß auch, dass „die schöne Helene“, wie manche den See nennen,
       nicht einfach nur irgendeine Bademöglichkeit ist: „Mit dem See verbinden
       die meisten Frankfurter ein Stück ihrer eigenen Lebensgeschichte. Zu
       DDR-Zeiten kamen viele über ihre Betriebe zum Sommerurlaub hierhin oder mit
       den Eltern. Da hat man Schwimmen gelernt, romantische Sonnenuntergänge
       erlebt oder seinen ersten Kuss bekommen.“
       
       Wie viele andere Badeseen in den neuen Bundesländern war auch der Helenesee
       früher eine Tagebaugrube, [2][in der die Braunkohle abgebaut wurde], nach
       der die ganze DDR roch. Nachdem der Kohleabbau im Revier
       Brieskow-Finkenheerd Ende der fünfziger Jahre vollständig eingestellt
       worden war, ließ man die Helenegrube und die nahe gelegene Katjagrube mit
       Grundwasser volllaufen.
       
       Am 28. März 1958 verließ der letzte Kohlenwagen den Tagebau. Danach wurden
       die Pumpen abgestellt, das Grundwasser kehrte zurück und füllte das
       Restloch. Der Frankfurter Naturschützer Wilhelm Neumann erkannte früh, was
       daraus werden könnte: ein Naherholungsgebiet und der größte Badesee der
       Gegend. Aus der „düsteren Schönen“ sollte eine „kleine Ostsee“ werden.
       
       ## Massenhaft genutztes Ferien- und Badegebiet
       
       1960 wurde das Gelände zum Landschaftsschutzgebiet erklärt. Im April 1964
       erreichte das steigende Grundwasser den rund einen Kilometer langen
       Durchstich zwischen den beiden ehemaligen Gruben. Seitdem sind Helene- und
       Katjasee durch einen schmalen Kanal miteinander verbunden, den die
       Frankfurter aus unerfindlichen Gründen „Kongo“ nennen. 1966 hatte der
       Helenesee seinen heutigen Wasserstand erreicht. Nun entstanden Strände,
       Bungalows, Campingplätze, Gaststätten, Sportanlagen und eine Promenade. An
       die geologische Sicherung des Sees hat zu dieser Zeit niemand gedacht. Und
       jahrzehntelang ging das gut.
       
       Die Ferienhütten am Helenesee gehörten volkseigenen Betrieben. In den
       Dachsbergen errichtete der Staatliche Forstwirtschaftsbetrieb Bungalows und
       Finnhütten; am Oststrand besaß [3][das Eisenhüttenkombinat Ost (EKO)] eine
       Ferienanlage, die bis heute EKO-Siedlung heißt. Auch Mitarbeiter des
       Halbleiterwerks in Frankfurt bekamen Ferienplätze. Die „Werktätigen“
       bewarben sich bei der betrieblichen Ferienkommission um einen Platz und
       durften mit der Familie für ein oder zwei Wochen einziehen, danach begann
       der nächste Urlaubsturnus. Dafür gab es einen eigenen Busbahnhof und eine
       Zugstation im Kiefernwald. Der Helenesee wurde zum massenhaft genutzten
       Ferien- und Badegebiet. 1968 kamen bereits 140.000 Besucher, zehn Jahre
       später fast 900.000.
       
       „Tagsüber haben unsere Eltern uns außer zu den Mahlzeiten kaum zu Gesicht
       bekommen“, erinnert sich Daniel Grabow, der heutige Pächter des Helenesees.
       „Wir hatten unsere Kindercliquen und waren den ganzen Tag am Strand und im
       Gelände unterwegs.“ Von Anfang Mai bis Ende September kam die Familie jedes
       Wochenende an den See. Im Frühjahr wurde das Zelt aufgebaut und blieb für
       die Saison stehen. „Der Campingplatz war wie ein zweites Zuhause.“
       
       Wenn Daniel Grabow von den Badetagen und den Neptunfesten seiner Jugend
       erzählt, ist ihm die Begeisterung für den Helenesee noch immer anzumerken.
       Dabei hat der See ihm als Unternehmer kein Glück gebracht: Seit der
       Sperrung hat er mit seinem Betrieb sehr viel Geld verloren, so viel, dass
       es für ihn existenzbedrohend ist.
       
       Mit der Reisefreiheit verlor der Helenesee nach der Wende einen großen Teil
       seines Publikums, die jährliche Besucherzahl sank von rund 100.000 auf
       50.000. Zugleich zerfiel das alte System der Betriebsferienplätze. Die
       volkseigenen Betriebe zogen sich zurück, verkauften ihre Hütten oder gingen
       einfach pleite. Nun sollte ein privater Investor den Ferienpark in die
       Marktwirtschaft führen.
       
       Die Stadt entschied sich für Helmuth Penz, einen Westberliner Bau- und
       Hotelunternehmer, der in Ostdeutschland mehrere Firmen gründete. In
       Frankfurt plante er auf dem Gelände des abgerissenen Hotels „Stadt
       Frankfurt“ eine 160 Millionen Mark teure Einkaufspassage mit Hotel. Übrig
       blieb zunächst eine große Baugrube, die als „Penzloch“ verspottet wurde.
       
       Am Helenesee versprach Penz 7 Millionen Mark Investitionen in drei Jahren,
       geplant waren ein Sporthotel und ein Ferienpark. Einige Sanitäranlagen
       wurden erneuert und Bungalows gebaut, das Sporthotel kam nie. Stattdessen
       folgten jahrelange Auseinandersetzungen über Pachtverträge, Grundstücke und
       die Rechte der Hüttenbesitzer und Dauercamper am Helenesee. Misstrauen
       weckte zudem, dass Penz und der zuständige Wirtschaftsdezernent einander
       bereits aus der versumpften Westberliner Baubranche kannten. 1999 zog Penz
       sich aus Frankfurt zurück und erhielt von der Stadt noch eine
       Entschädigung.
       
       Ende 2000 versuchte es die Stadt mit einer einheimischen Lösung. Mehrere
       Frankfurter Unternehmer gründeten die Helenesee AG. Auch dieses Modell
       scheiterte.
       
       Dann übernahm Daniel Grabow 2012 den Betrieb und betreibt seither den
       Ferienpark am Helenesee langfristig in Erbpacht. Unter ihm kamen wieder
       mehr Gäste, zunehmend auch aus Berlin. Waren es vorher 25.000 Badegäste in
       der gesamten Saison, kamen vor Corona immerhin 125.000 und es gab 60.000
       Übernachtungen. An schönen Sommerwochenenden lagerten Tausende am Strand,
       zahlten Eintritt, aßen und tranken, nahmen Tauchkurse und mieteten
       Surfbretter.
       
       ## Erst kam Corona, dann die Sperrung
       
       Der Eventmanager Grabow, der in Frankfurt eine Diskothek betreibt, wollte
       die immensen Unterhaltskosten der Anlagen am Helenesee durch Musikfestivals
       und andere Veranstaltungen querfinanzieren. Er brachte Festivals wie die
       Bucht der Träumer an den Helenesee, ein Yoga-Retreat und ein
       Oldtimer-Wochenende.
       
       Doch dann kam 2020 Corona. Die Besucher blieben zu Hause oder mussten am
       Strand im Schachbrettmuster mit ausreichend Abstand sitzen. Und dann brach
       im März 2021 der Strand ein. Grabow blieb mit einer Ferienanlage ohne ihre
       wichtigste Attraktion zurück: den See.
       
       Ein Samstagvormittag im Mai in der Aloha Strandbar am Helenesee. Die Sonne
       scheint, Pappelsamen segeln durch die Luft wie Schneeflocken. Etwa 50
       Pächter und Camper sind erschienen, um sich von Daniel Grabow über die
       neuesten Entwicklungen am Helenesee informieren zu lassen. Und wie jedes
       Jahr seit einem halben Jahrzehnt muss Grabow sein Publikum, das in
       Liegestühlen zuhört, um Geduld bitten.
       
       Die Untersuchungen des Sees ziehen sich seit fünf Jahren hin. Zwar ist der
       Helenesee inzwischen gründlicher untersucht als je zuvor – aber leider mit
       bedrückendem Ergebnis: 28 Tiefbohrungen, 48 Sondierungen und 1.450
       Bodenproben haben bestätigt, dass unter den Stränden lockere, zur
       Verflüssigung neigende Sande liegen.
       
       Verschärft wird das Problem durch den sinkenden Wasserspiegel, zu dem – wie
       bei allen Seen in Brandenburg – der Klimawandel beiträgt. Je weiter sich
       das kristallklare Wasser des Helenesees zurückzieht, desto weniger Druck
       gibt es auf die steilen Böschungen. Die Ufer verlieren an Halt und können
       leichter ins Rutschen geraten. Bisher ist aus den Untersuchungen noch kein
       Bauplan geworden. Für zwei Böschungsabschnitte fehlen erneut Daten, die
       Sanierungspläne sollen erst Ende 2026 vorliegen. Jahrzehntealte
       Versäumnisse bei der Sicherung des Tagebaus treffen heute auf
       Zuständigkeitsstreit, gescheiterte Ausschreibungen und eine Planung, die
       sich von Gutachten zu Gutachten vorarbeitet.
       
       Gleichzeitig verwandeln sich die Anlagen am Helenesee immer mehr in einen
       Lost Place. Wurzeln drücken sich durch die Uferpromenade, Schlaglöcher
       werden größer, Laternen fallen aus. Jahr für Jahr versucht ein anderer
       Pächter im Restaurant sein Glück, mal mit Schnitzel, mal mit asiatischem
       Bratreis, zuletzt ein Pizzalieferdienst. Meist schließen die Betriebe noch
       vor Saisonende, an den gescheiterten Versuch mit der Pizza erinnern nun
       noch vergilbte Werbeaufsteller, die im ganzen Gelände zurück geblieben
       sind. Der See, an dem einst Zehntausende den Sommer genossen, ist zu einem
       stillen, melancholischen Ort geworden.
       
       Sebastian Fritze, der Präsident des [4][Landesamts für Bergbau, Geologie
       und Rohstoffe Brandenburg] (LBGR) in Cottbus, geht davon aus, dass vor 2029
       keine Bauleistungen ausgeschrieben werden. Die Maßnahmen zur Sicherung des
       Ufers könnten sich dann bis 2032 hinziehen: „Den See vorher zu öffnen, wäre
       einfach zu riskant.“
       
       ## Andere Zukunftsperspektiven
       
       Daniel Grabow will seinen Pächtern hingegen eine andere Zukunftsperspektive
       aufzeigen. Im kommenden Jahr soll am Hauptstrand eine Ponton-Steganlage mit
       Badeplattform zwischen Rettungsturm und dem ehemaligen Bootsverleih
       angelegt werden. Wie Prusa, der Baudezernent von Frankfurt (Oder), hofft
       Grabow, dass der Strand in den kommenden Jahren abschnittweise wieder für
       Badende freigegeben werden kann, nachdem er stückchenweise saniert und
       geprüft wurde.
       
       Ein kleiner Teil des Oststrands ist sogar schon wieder geöffnet, wie vor
       einigen Wochen der RBB meldete. Es handelt sich dabei aber nur um ein paar
       hundert Meter, die zum größten Teil voller Schilf sind.
       
       Wann wieder wie einst Tausende von Badenden einen Strandtag am Helenesee
       verbringen können, ist gegenwärtig kaum abzusehen. Wer sich bis dahin durch
       ein Loch im Zaun an den Strand wagt, muss bis auf Weiteres mit
       Konfrontationen mit Security-Männern rechnen. Oder versinkt im schlimmsten
       Fall zusammen mit einem Stück Strand im Helenesee.
       
       Wer in der Gegend ins Wasser möchte, muss im Hallenbad von Frankfurt (Oder)
       schwimmen gehen. Das Freibad in Słubice auf der anderen Seite der Oder in
       Polen ist nämlich auch bis auf Weiteres geschlossen.
       
       8 Sep 2026
       
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