# taz.de -- Einfluss von KI auf Landwirtschaft: „Immer weniger Menschen können immer mehr Tiere betreuen“
> Die Suche nach dem Cow Comfort: In der Kunsthalle Osnabrück beschäftigt
> sich Carmen Weisskopf kritisch mit dem KI-Einsatz in der Landwirtschaft.
(IMG) Bild: Kühe im Stall: Wie groß ist der Komfort?
taz: Frau Weisskopf, Kühe haben in der deutschen Agrarindustrie oft kein
gutes Leben. Was braucht es, damit es besser wird?
Carmen Weisskopf: Das ist bisher niemandem so richtig klar. Das [1][Thema
Tierwohl] ist komplex und auch in der Wissenschaft stark umstritten.
Derzeit werden in der Agrarindustrie KI- und Automatisierungssysteme
umgesetzt, die mit dem CCI arbeiten – dem „Cow Comfort Index“ der
industriellen Landwirtschaft. Uns interessiert, was da, oft ungeprüft, in
Maschinen eingeschrieben wird. Niemand weiß genau, was das eigentlich zur
Folge hat.
taz: Bedeutet wahrer Kuh-Komfort nicht eigentlich: Leben wie ein Auerochse,
frei in Mooren und Flusstälern? Und alles andere ist nur eine Gradierung
von Leid?
Weisskopf: Das ist wahrscheinlich korrekt. Aber der Index betrachtet
ausschließlich Nutztiere, kommt aus der Milchindustrie. Dort bedeutet er,
dass die Kuh möglichst viel Milch produziert, verbunden mit möglichst wenig
Leid. Sie soll in bestimmten Rhythmen fressen, sich bewegen, sich hinlegen,
und die menschliche Komponente, der Umgang des Landwirts mit dem Tier, wird
durch Automatisierung immer mehr wegoperationalisiert. Immer weniger
Menschen können immer mehr Tiere betreuen. Da muss man sich fragen: Ist das
für das Tier besser oder schlechter?
taz: Lässt sich eine Antwort geben?
Weisskopf: Wir können keine Lösungen bieten, aber wir können Fragen
stellen, kritisch beleuchten. Fest steht: KI schafft Distanz. Der Landwirt
sitzt am iPad, sieht eine Daten-Vergleichsansicht zwischen den Tieren und
ihren Verhaltensabläufen, greift gegebenenfalls ein. Ich als Künstlerin
denke: Das muss befragt werden. Aus der Sicht einer grundsätzlichen
gesellschaftlichen Debatte: Welche Technologien wollen wir einsetzen, wo
und wie, und welche Zwangssysteme führen wir dadurch ein?
taz: Eine solche Debatte fehlt?
Weisskopf: Ja, und das finde ich ein bisschen beängstigend.
taz: Das Langzeitprojekt „School of Cow Comfort“ an der Kunsthalle
Osnabrück versteht sich als „artistic field research“. Wie läuft das ab?
Weisskopf: Wir führen über 18 Monate hinweg Gespräche mit Landwirten der
Region Osnabrück, WissenschaftlerInnen aus KI und Agrar-Robotik. Das sind
viele Player, mit vielen Agenden. Die Kunst kann einen Begegnungsraum für
eine Diskussion schaffen, die diese Player miteinander so nicht führen
würden.
taz: Wie reagieren die Landwirte?
Weisskopf: Viele sind sehr offen, haben uns sehr großzügig mit
Informationen und Zeit beschenkt.
taz: Haben Sie auch Kühe dabei gesehen?
Weisskopf: Mastkinder, aber keine Kühe. Das ist leider noch eine
Leerstelle.
taz: Es wäre ja sinnvoll, auch mit Tierrechtsoganisationen zu sprechen,
Naturschützern.
Weisskopf: Natürlich, das gehört dazu.
taz: Dann ist es Ironie, dass auf ihrer Website Tiere zu sehen sind, die
entspannt auf einer idyllischen Weide liegen? Denn gerade
Hochleistungs-Tiere bekommen ein solches Setting nie zu sehen und werden
immer stärker ausoptimiert.
Weisskopf: Und diese Technologie wird nicht lokal entwickelt, sie kommt aus
Silicon Valley. Diese Datenanalysen-Algorithmen werden irgendwo produziert
[2][und dann auch bei uns angewandt.] Da fragen wir uns schon: Wer hat die
Kompetenz, auf einer Metaebene zu überlegen, wohin wir uns da gerade
bewegen? Technologiegläubigkeit ist weit verbreitet. Das sehen wir sehr
kritisch.
taz: Weil dadurch die Kontrolle über das Tier steigt?
Weisskopf: Nehmen wir das Cow Collar: Das ist ein GPS-Geofencing-Halsband,
das der Landwirt dem Tier umlegt, [3][um sich den Weidenzaun zu sparen.] Er
schließt es virtuell ein, und wenn es an die Weidengrenze kommt, gibt es
erst einen Signalton, dann einen Stromschlag. Das lässt mich ein bisschen
sprachlos zurück. Das will ich nicht für Kühe, das will ich nicht für
Menschen – das will ich überhaupt nicht.
21 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Harff-Peter Schönherr
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