# taz.de -- Krieg in der Ukraine: Einkaufstour wird zur Todesfahrt
> In der nordöstlichen Großstadt Sumy nahe der Frontlinie bestimmen
> russische Drohnenangriffe den Tagesablauf der Menschen.
(IMG) Bild: Ein Ort des Schreckens und Gedenkens: Ein zerstörtes Auto in Sumy nach einem russischen Drohenenangriff
Mitten im Stadtzentrum von Sumy steht seit einigen Tagen ein durch eine
Explosion völlig zerstörter und ausgebrannter Wagen. Im Innenraum und neben
dem Fahrzeug stehen und liegen Kränze, Blumensträuße, Gedenkkerzen und
Grablichter – jeden Tag werden es mehr. Immer wieder bleiben Menschen an
dem Wagen stehen und verharren dort schweigend einige Minuten.
Am Abend des 15. August hatte eine russische FPV-Drohne das Fahrzeug
angegriffen. Dabei kam Mykola Myronow ums Leben, ein 59-jähriger leitender
Mitarbeiter des Energieunternehmens Ukrenergo. Seine Frau wurde mit
schweren Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert. Das Ehepaar war an
jenem Abend unterwegs, um Einkäufe zu machen. In der Stadt waren die beiden
als Tierschützer bekannt, sie hatten rund fünfzig Tiere bei sich
aufgenommen. Nun ist auch das Schicksal ihrer Schützlinge ungewiss.
Im Licht der untergehenden Sonne schimmern um das Fahrzeug herum dünne
Glasfaserfäden – Überreste der Spule der FPV-Drohne. Die Drohne ist mit
Sprengstoff bewaffnet und wird daher auch als Kamikaze-Drohne bezeichnet.
Noch vor Kurzem verbanden die meisten Menschen eine solche Waffe vor allem
mit der Front und den Dörfern im Grenzgebiet. [1][Nun machen Russen damit
Jagd auf die Bewohner von Sumy]. Die Stadt im Nordosten der Ukraine hat
rund 250.000 Einwohner. Die Frontlinie verläuft etwa 17 Kilometer entfernt.
Im Sommer begannen lokale Überwachungskanäle, fast täglich über FPV-Drohnen
zu berichten. Drohnen mit Glasfaserverbindung sind resistent gegen
elektronische Störmaßnahmen und können unvermittelt in Wohnvierteln
auftauchen. Im Juli gerieten mehrfach Tankstellen ins Visier solcher
Angriffe. Der Operator sieht das Gelände in Echtzeit und kann die Drohne
auf ein bestimmtes Ziel lenken – wobei es sich dabei immer häufiger um
einen Menschen handelt.
## Sprung aus dem zweiten Stock
Doch FPV-Drohnen sind nur eine von vielen Bedrohungen. Zwei Tage nach dem
Tod von Mykola Myronow traf ein massiver Angriff von Kamikaze-Drohnen ein
Wohnviertel in Sumy. Ein älteres Ehepaar kam in seinem Haus ums Leben, eine
weitere Frau wurde verletzt und Dutzende Häuser wurden beschädigt.
Am nächsten Morgen erzählte die Tochter der Verstorbenen einem lokalen
Fernsehsender, während sie inmitten der Trümmer des Elternhauses stand,
dass ihre Eltern bei Alarm normalerweise in den Keller gegangen seien, es
in jener Nacht jedoch wahrscheinlich nicht mehr rechtzeitig geschafft
hätten. Der Keller blieb unversehrt, genauso wie Gläser mit Wintervorräten.
In der Nacht zum 21. August wurde die Stadt erneut von mehreren
Schahed-Drohnen angegriffen. Bei einem der Einschläge wurde ein
zweistöckiges Mehrfamilienhaus zerstört, es gab Verletzte. Eine junge Frau
musste sich und ihr Kind durch einen Sprung aus dem zweiten Stock ihrer
brennenden Wohnung retten.
So leben die Menschen in Sumy: Sie arbeiten, ziehen Kinder groß, legen
Vorräte an – und behalten gleichzeitig die Bedrohungen im Blick. Sie halten
sich in der Nähe von Schutzräumen auf und hoffen, eine weitere Nacht zu
überstehen.
## Bomben nach Fahrplan
[2][Eine besondere Bedrohung stellen lenkbare Fliegerbomben (KABs) dar].
Sie sind äußerst schwer abzufangen, die Reaktionszeit ist knapp. Im August
schlugen sie wiederholt in verschiedenen Stadtteilen ein und beschädigten
Wohnhäuser, Geschäfte, Schulen sowie Krankenhäuser. Selbst die Tagesplanung
muss auf die Bedrohungslage abgestimmt werden: Die Menschen versuchen, sich
seltener im Freien aufzuhalten und vereinbaren Arzttermine für „günstigere“
Zeitpunkte.
Viele Einwohner von Sumy wagen es nicht einmal mehr, ihre Kinder zu Kursen
oder Arbeitsgemeinschaften zu bringen, obwohl diese nach viereinhalb Jahren
Online-Unterricht für die Entwicklung und den Austausch mit Gleichaltrigen
besonders wichtig sind. Doch gerade am Vor- und Nachmittag müssen die
Menschen hier zunehmend mit „Gleitbomben nach Fahrplan“ rechnen.
In lokalen Chats kursieren Listen mutmaßlicher Ziele. Es lässt sich nicht
feststellen, ob es sich um eine echte Warnung von Geheimdiensten oder um
ein Element der russischen Informations- und psychologischen Kriegsführung
handelt. Doch mittlerweile haben viele Menschen begonnen, solche Meldungen
ernst zu nehmen. Besonders beängstigend wird es, wenn das eigene Haus oder
das des Nachbarn auf der Liste auftaucht.
Aus dem Russischen Barbara Oertel
21 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Krieg-in-der-Ukraine/!6201922
(DIR) [2] /Krieg-in-der-Ukraine/!6193445
## AUTOREN
(DIR) Anna Klochko
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) Drohnen
(DIR) Russland
(DIR) GNS
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) GNS
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) Kolumne über leben
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Unabhängigkeitstag in der Ukraine: „Wir sind der Welt nicht gleichgültig“
Mit Blumen und einem Flaggenmeer gedenkt die Ukraine am Unabhängigkeitstag
all derer, die im Krieg gestorben sind. Russland greift auch an diesem Tag
an.
(DIR) Britischer Regierungschef in der Ukraine: „Das ukrainische Volk verdient unsere Dankbarkeit“
Großbritanniens Premier Burnham sagt in Kyjiw, die Ukraine führe Europa. Er
ermöglicht die lokale Produktion britisch-französischer Marschflugkörper.
(DIR) +++ Nachrichten im Ukrainekrieg +++: Wadephul will Verhandlungen vorantreiben
Außenminister Wadephul will mit seinem US-Amtskollegen Rubio Gespräche
führen. Großbritannien kündigt an, die Produktion von Raketen zu
unterstützen.
(DIR) Johann Wadephul in der Ukraine: 50 Millionen für humanitäre Hilfe
Der Bundesaußenminister hat der Ukraine bei einem Besuch in Kyjiw weitere
Hilfe zugesagt. Während seiner Anwesenheit greift Russland unvermindert an.
(DIR) Wadephul in der Ukraine: „Wir sehen das Leid“
Außenminister Johann Wadephul besucht die Ukraine. Der ukrainische
Zivilschutz meldet weitere Opfer nach dem Angriff auf ein Einkaufszentrum.
(DIR) Russische Luftangriffe auf Kyjiw: „Wir leben in ständiger Gefahr“
In der Nacht zu Donnerstag hat Russland die ukrainische Hauptstadt erneut
mit Ballistik angegriffen. 12 Menschen kamen ums Leben. Kyjiw fehlen
Luftabwehrraketen.
(DIR) Kyjiw unter russischem Beschuss: Verschlossene Räume und kein Gefühl für Sicherheit mehr
Kyjiwer Behörden kommen nicht hinterher, ausreichend Schutzräume bereit zu
stellen und verstricken sich in Kompetenzgerangel. Die Menschen
verzweifeln.
(DIR) 1.604 Tage Krieg in der Ukraine: Kindheit im Schatten der Frontlinie
Viele Kinder in der frontnahen Stadt Sumy im Nordosten der Ukraine leiden
unter Angststörungen. Spielplätze und Schulen sind gefährliche Orte
geworden.