# taz.de -- 1.604 Tage Krieg in der Ukraine: Kindheit im Schatten der Frontlinie
       
       > Viele Kinder in der frontnahen Stadt Sumy im Nordosten der Ukraine leiden
       > unter Angststörungen. Spielplätze und Schulen sind gefährliche Orte
       > geworden.
       
 (IMG) Bild: Ein zerstörtes Wohnhaus im ukrainischen Sumy nach russischen Angriffen 2026
       
       In meiner Heimatstadt Sumy, im Nordosten der Ukraine, nur 17 Kilometer von
       der Front entfernt, gibt es schon wieder keinen Strom. Seit 24 Stunden. Die
       Russen hatten zwei Fliegerbomben auf das städtische Umspannwerk abgeworfen.
       Und vier auf das Heizkraftwerk.
       
       Ich sitze in einem Café, in dem ein Generator lärmt. Die Hitzewelle, die
       Ende Juni ganz Europa erfasst hatte, ist nun auch im Osten der Ukraine
       angekommen. Ohne Strom, Internet und Ventilatoren wird sie zu einer
       weiteren Herausforderung für Kinder und Erwachsene, die seit viereinhalb
       Jahren unter russischem Beschuss leiden.
       
       Das Brummen der Generatoren [1][verschmilzt mit dem Heulen des Luftalarms].
       Ich arbeite momentan an einer Reportage für eine ausländische Zeitung über
       Kinder im Krieg. Einige meiner Beobachtungen möchte ich hier teilen.
       
       ## Frontnähe als Angstfaktor
       
       Ich habe Erzieher*innen in einem Heim für Waisenkindern im
       westukrainischen Lwiw interviewt. Anschließend war ich in einem Zentrum für
       außerschulische Bildung und Förderung hochbegabter Kinder in Sumy. Und
       konnte ein ziemlich beängstigendes Paradox beobachten: Die Kinder, die zu
       Hause bei ihren Eltern lebten, wirkten bedrückter, verletzlicher und
       unsicherer als diejenigen, die ohne elterliche Fürsorge aufwuchsen. Der
       Unterschied lag im Wohnort.
       
       Angst, Verschlossenheit, Aggressionen – all das wird oft auf das Aufwachsen
       ohne Eltern oder eine feste erwachsene Bezugsperson zurückgeführt. Ich
       hatte das bei den Waisenkindern erwartet. Tatsächlich habe ich all das viel
       stärker bei Kindern erlebt, die bei ihren Familien aufwachsen – in der
       frontnahen Stadt Sumy.
       
       Das bedeutet nicht, dass die Traumata elternloser Kinder weniger stark
       sind. Doch in Lwiw gibt es ein System, dass die Folgen des Verlustes
       abfedert: Betreuer, Mentoren, Naturerlebnisse, Offline-Unterricht, feste
       Tagesabläufe. Am allerwichtigsten war allerdings die Entfernung zur Front,
       also die räumliche Distanz zu den unmittelbarsten Gefahren des Krieges.
       
       ## Kinder spüren die Angst der Eltern
       
       In Sumy habe ich Kinder gesehen, die zwar bei ihrer Familie, aber dafür im
       Epizentrum des Krieges leben. Die Eltern sind zwar da, aber von der Angst
       um ihre Angehörigen zermürbt. Die Familie ist nach wie vor eine Quelle der
       Liebe, kann dem Kind jedoch nicht mehr immer das Wichtigste geben – ein
       Sicherheitsgefühl. Und das liegt daran, wie allgegenwärtig der Krieg im
       Leben des Kindes ist: [2][Angst, Explosionen, Luftschutzbunker und das
       Warten auf schlechte Nachrichten] sind Alltag geworden.
       
       Viele Väter sind an der Front. Und die Kinder spüren die Angst der Mutter,
       auch, wenn diese das nicht offen ausspricht. „Hat Papa immer noch nicht
       angerufen?“, fragt das Kind hundertmal am Tag. Aber Papa ist schon seit
       einer Woche nicht mehr erreichbar …
       
       Feriencamps in der außerschulischen Einrichtung in Sumy finden nicht mehr
       draußen statt, [3][sondern in Schutzräumen]. Dort verbringen Kinder fünf,
       sechs Stunden am Tag. Der Luftalarm dauert manchmal bis zu 18 Stunden.
       Allein im Juni sind im Gebiet Sumy 13 Menschen durch russische Angriffe ums
       Leben gekommen, mehr als hundert wurden verletzt.
       
       Selbst Malvorlagen für Kinder dienen mittlerweile der Warnung und nicht
       mehr als Zeitvertreib: Mit roter Farbe malen die Kinder Handys,
       Süßigkeiten, Puppen und Bälle aus – Gegenstände, die das russische Militär
       mit Sprengstoff versieht und von Drohnen abwirft.
       
       ## Kindheit ohne Freunde und Spielplätze
       
       Eltern und Pädagogen in Sumy sind sich einig: Seit fast sechs Jahren
       Online-Unterricht (Pandemie und Krieg) kennen Kinder ihre
       Mitschüler*innen häufig nur noch als Profilbilder auf Zoom. „Mein Sohn
       hat seinen Mitschüler zum ersten Mal in der Bücherei gesehen, wo beide am
       Ende der 6. Klasse ihre Schulbücher zurückgeben wollten“, erzählt ein
       Pädagoge in Sumy.
       
       Für die Kinder in Sumy ist der Krieg schon lange kein fremdes Phänomen
       mehr. Er hat Einzug in ihr Leben gehalten und hat sie aus den Höfen und von
       den Spielplätzen in die Keller vertrieben.
       
       Aus dem Russischen: Gaby Coldewey
       
       16 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Anna Klochko
       
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