# taz.de -- Unabhängigkeitstag in der Ukraine: „Wir sind der Welt nicht gleichgültig“
       
       > Mit Blumen und einem Flaggenmeer gedenkt die Ukraine am
       > Unabhängigkeitstag all derer, die im Krieg gestorben sind. Russland
       > greift auch an diesem Tag an.
       
 (IMG) Bild: Odessa am 23. August: Erinnern an die Gefallenen am nationalen Flaggentag
       
       Marianna Kolos trägt an diesem Montag ein besticktes weißes Kleid. Bei den
       gelb-blauen Flaggen auf dem Maidan in der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw
       bleibt sie stehen. In den Händen hält sie die Auszeichnung „Held der
       Ukraine“ – sie hat sie gerade von Präsident Wolodymyr Selenskyj für ihren
       gefallenen Sohn überreicht bekommen.
       
       Derweil dauern die Feierlichkeiten anlässlich des 35. Jahrestags der
       Unabhängigkeit der Ukraine noch an. Kyjiw empfängt derzeit die Staats- und
       Regierungschefs mehrerer europäischer Länder. Alle Treffen finden unter
       Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Großveranstaltungen in der Hauptstadt
       sind aufgrund des Krieges und der ständigen Gefahr von Beschuss nicht
       möglich.
       
       Dennoch versammeln sich Ukrainer im Stadtzentrum. Sie tragen traditionell
       bestickte Hemden und bringen Blumen zu dem Denkmal auf dem Maidan, das an
       die Gefallenen erinnert. „Ich bin hierhergekommen, um all jenen zu danken,
       [1][die für unsere Unabhängigkeit gestorben sind,] auch meinem Sohn danke
       ich. An diesem Feiertag geht es für uns um die Namen unserer Kinder. Das
       ist ein Ausdruck von Respekt und zugleich Schmerz für die Vermissten und
       für jene, die sich in Gefangenschaft befinden“, sagt die Frau. Auf ihrem
       Hals ist ein Tattoo zu sehen – mit roten Buchstaben, die an eine Stickerei
       erinnern: „Grenka wird ewig leben.“
       
       „Grenka“ war der Kampfname ihres Sohnes Nasarij Grinzewitsch. Er war der
       jüngste Verteidiger von Asowstal, geriet in russische Gefangenschaft und
       kehrte nach seiner Freilassung erneut an die Front zurück. Nasarij fiel im
       Osten der Ukraine.
       
       ## „Wir sind der Welt nicht gleichgültig“
       
       Marianna hat die Auszeichnung für ihren Sohn im Beisein [2][hochrangiger
       europäischer Gäste] auf dem Sophienplatz entgegengenommen. Deren Besuch
       gibt der Frau Hoffnung, dass die Ukraine im Krieg gegen Russland weiterhin
       Unterstützung erhalten wird. „Heute habe ich gesehen, dass wir der Welt
       nicht gleichgültig sind. Das kann man daran ablesen, dass so viele Staats-
       und Regierungschefs keine Angst davor hatten, nach Kyjiw zu kommen – eine
       Stadt, die massiven Angriffen ausgesetzt ist. Für mich ist das ein Zeichen
       der Unterstützung. Es zeigt, dass man heute in Europa versteht: Die Ukraine
       ist Europas Schutzschild. Und solange wir unabhängig sind, hat Europa
       diesen Schutzschild“, sagt sie.
       
       Die Frau fügt hinzu, dass ihr Sohn durch eine Videobotschaft bekannt
       geworden sei, die er 2022 während der Einkesselung im Stahlwerk Asowstal
       aufgenommen hatte. Damals habe sich „Grenka“ mit folgenden Worten an die
       Ukrainer gewandt: „Was auch immer geschieht: Liebt eure Mutter, esst euren
       Brei und liebt die Ukraine.“
       
       „Genau das ist mein Traum: dass wir die Ukraine lieben, dass wir endlich
       siegen, dass ich in die befreite Stadt Mariupol fahre“, sagt Marianna,
       während sie sich ein paar Tränen abwischt. Nach Angaben der ukrainischen
       Luftstreitkräfte führte Russland in der Nacht zum 24. August einen massiven
       kombinierten Angriff auf die Ukraine durch, bei dem zwei Antischiffsraketen
       vom Typ „Oniks“, sechs gelenkte Flugkörper und 143 Drohnen zum Einsatz
       kamen. Am stärksten betroffen waren die Gebiete Odessa und Tschernihiw.
       
       ## Den Russen ist der Feiertag ein Dorn im Auge
       
       Aufgrund der ständigen Angriffe ist der Zug von Odessa nach Kyjiw mit
       dreistündiger Verspätung eingetroffen. Die 55-jährige Larissa Teresi aus
       Odessa tat während der gesamten Fahrt kein Auge zu, da der Zug wegen
       Luftalarms mehrmals halten musste. „Die Fahrt war beschwerlich. Die Russen
       beschießen uns sogar am Unabhängigkeitstag – das zeigt, wie sehr ihnen
       dieser Feiertag ein Dorn im Auge ist“, sagt Larissa.
       
       Sie ist nur für wenige Stunden nach Kyjiw gekommen, um das Porträt ihres
       gefallenen Sohnes auf dem Maidan auszutauschen. Die Frau erzählt, dass der
       Unabhängigkeitstag für ihn immer eine große Bedeutung gehabt habe. Und
       heute, während die Ukrainer ihre festlichen Wyschywankas trügen, sei das
       Einzige, was sie für ihren Sohn noch tun könne, sein Foto auszuwechseln.
       „Wir begehen keine Feiertage mehr, weil es zu schmerzhaft ist. An all
       unseren Feiertagen geht es heute nicht mehr um Freude, sondern darum zu
       gedenken.“
       
       Auch in der südukrainischen Hafenstadt Odessa steht der Montag im Zeichen
       des Gedenkens. Im Schewtschenko-Park haben sich am Vormittag auf der Allee
       der Helden rund 200 Personen eingefunden. Gekommen sind Kinder, Frauen,
       Soldaten und Veteranen. Hier erinnern 400 Fotos an Militärangehörige aus
       Odessa, die während Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine an der Front
       gestorben sind. Diejenigen, die heute gekommen sind, legen Blumen nieder
       und verharren schweigend einige Minuten.
       
       Im Stadtgarten, der sich direkt an der Fußgängerzone befindet, geht es am
       frühen Nachmittag etwas lauter zu. Dutzende versuchen sich an Volkstänzen,
       jeder ist eingeladen mitzumachen. Mindestens genauso so viele Besucher
       schauen dem Treiben einfach nur zu. Hin und wieder ist das dumpfe Geräusch
       von Explosionen zu hören, doch diese scheinen etwas weiter weg zu sein.
       Ohnehin löst das bei den Odessiten keine Panik aus, denn die Stadt ist
       regelmäßig Ziel russischer Angriffe.
       
       ## Entspannte Stimmung in Odessa
       
       Am späten Nachmittag ist der Strand gut besucht. An einem Abschnitt sonnen
       sich rund 300 Menschen, mit und ohne Badebekleidung, einige drehen im
       Wasser ihre Runden. Die Stimmung scheint alles andere als angespannt. Die
       Servicekraft an einer Strandbar bestätigt dies. Auch wenn Explosionen zu
       hören seien, holen sich die Leute ihre Getränke. Auch Katja Chalaya trifft
       sich hier mit einigen Bekannten. Heute habe nicht nur die Unabhängigkeit
       Geburtstag, sondern auch sie, sagt die Frau. Sie werde 44 Jahre alt.
       Chalaya ist Leiterin eines Kulturzentrums namens Talant+. Tagsüber werden
       hier verschiedene Kurse für Kinder angeboten. Basteln, malen, arbeiten mit
       Keramik und Englisch lernen. Abends finden Konzerte für Erwachsenen statt.
       Auch odessitische Künstler können im Zentrum ausstellen.
       
       Sie sei etwas niedergeschlagen, sagt Katja, deren Sohn zu Beginn des Jahres
       als Soldat an der Front gestorben ist. Aber sie wolle sich, trotz ihrer
       Trauer, das Leben nicht vom Krieg diktieren lassen. Am Abend wolle sie ein
       wenig mit guten Freunden ihren Geburtstag feiern – natürlich am Strand.
       
       24 Aug 2026
       
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