# taz.de -- Konzert von Arthur Verocai in Hamburg: Saudade mit Knieorthese
       
       > Lange wurde der brasilianische Komponist Arthur Verocai verkannt. Nun
       > gastiert er in Deutschland, am Mittwoch war er in der Hamburger
       > Elbphilharmonie.
       
 (IMG) Bild: Anrührend: Arthur Verocai
       
       Die Luft im Großen Saal der Hamburger Elbphilharmonie ist am Flirren, schon
       bevor am Mittwochabend eine einzige Note gespielt ist. Die brasilianische
       Musiklegende Arthur Verocai gibt sich die Ehre und hat ein buntes
       All-Ages-Publikum angelockt. Kein Wunder, es ist erst das zweite
       Deutschlandkonzert des 81-jährigen.
       
       Verocai erweist sich als zurückhaltender Mann, den die Musik mehr
       interessiert als sein später Ruhm. Mit Knieorthese humpelt er zu seinem
       Dirigentenpult und bleibt die meiste Zeit dem Nu Civilisation Orchestra
       zugewandt, also mit dem Rücken zum Publikum. Das junge Ensemble aus London
       ist aus dem Jazz-Förderprogramm Tomorrow’s Warriors entstanden, das als
       Kaderschmiede des zeitgenössischen britischen Jazz und der Londoner Szene
       gilt.
       
       Wie sich über gut 70 Minuten zeigen soll, verstehen sie es, Verocais
       Arrangements bei aller Opulenz flirren und abheben lassen. Immer
       applaudiert der Brasilianer seinen Solisten auf eine diskrete, uneitle
       Weise. Paula Santoro und Rogê – sie bringen einigen Fame aus ihren
       Solokarrieren mit, wie der Zuspruch der stark vertretenen brasilianische
       Community zeigt – übernehmen die Gesangsparts. Nur beim melancholischen
       „Caboclo“, dem Auftakt des Debüts, singt Verocai mit etwas brüchigem, immer
       noch warmen Timbre, die Leadstimme – es ist ein anrührender Moment.
       
       ## Als Autodidakt etabliert
       
       Als 1972 das Debüt des Musikers erschien – ein wildes und doch
       geschmeidiges Amalgam aus Folk, Bossa Nova, Jazz, Psychedelik und Funk –
       war der Autodidakt bereits als Arrangeur etabliert. Seine eigenen Songs
       fanden lange weder beim Publikum noch bei der Presse großen Zuspruch.
       
       So blieb auch Verocais subtile Kritik an der seinerzeit herrschenden
       Militärjunta in Brasilien ungehört. Stattdessen verdiente er sein Geld als
       Auftragskomponist von Werbejingles und stellt seine Talente gelegentlich
       als Arrangeur in den Dienst anderer Musiker:innen. Erst eine neue
       Generation, [1][allen voran US-Rapper MF DOOM], machten Verocai einem
       breiteren Publikum bekannt. 30 Jahre nach seiner Veröffentlichung wurde
       sein Debütalbum neu aufgelegt. „Saudade Demais“ (2002) und „Encore“ (2008)
       folgten.
       
       An diesem [2][Hamburger Konzertabend im Spätsommer] lässt Verocai sein
       Frühwerk mit all seinen Brüchen und überraschenden Akkordfolgen nahtlos mit
       dem monumentaleren Spätwerk verschmelzen. Nach der ersten Zugabe, dem so
       oft gesampelten „Na Boca do Sol“, scheint es kleine Abstimmungsprobleme zu
       geben. Rogê hat seine Gitarre schon für eine weitere Zugabe eingestöpselt,
       doch da ist das Orchester bereits von der Bühne. „We can’t play another
       song, we have no more orchestra“ stellt Verocai etwas verwundert fest.
       Trotzdem gehen alle glücklich nach Hause.
       
       20 Aug 2026
       
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