# taz.de -- Buch über Musik aus Rio de Janeiro: Stimmen von den Hügeln
       
       > Ein musikalischer Reiseführer in 50 Songs: Der Berliner DJ und Produzent
       > Daniel Haaksman veröffentlicht ein Buch über Rio de Janeiro als
       > Sehnsuchtsort.
       
 (IMG) Bild: Did it start in Ipanema? Daniel Haaksman schreibt, dass das nur die halbe Wahrheit sei
       
       „It began in Ipanema“ – wirklich? Daniel Haaksman weiß, dass sich die
       Musikgeschichte der brasilianischen Metropole Rio de Janeiro nicht auf ein
       Lied über eine junge Frau an einem der berühmtesten Strände der Stadt
       reduzieren lässt. Ohnehin entstanden Samba und Baile Funk weitab der
       ausladenden Buchten der Südzone Rios in den Favelas auf den Hügeln.
       Trotzdem nennt er sein Buch so. Denn mit „The Girl from Ipanema“, einem
       Song, gesungen von Astrud Gilberto, tauchte Rio 1964 erstmals namentlich
       auf der Bühne des globalen Pop auf.
       
       [1][Der Berliner DJ und Produzent Haaksman] hat sich viele Jahre mit der
       Musik Brasiliens beschäftigt. Als er sich in einer künstlerischen Krise
       befindet, reist er im Januar 2004 das erste Mal nach Rio de Janeiro, wie er
       im Vorwort schreibt. Schon Monate später bringt er die perkussiven,
       krachigen Electro-Songs von Rios Baile-Funk-Szene als CD-Compilation auf
       seinem neuen Label Man Recordings heraus.
       
       Nun, mehr als 20 Jahre später, verneigt er sich vor einer Stadt, deren
       natürliche Schönheit die Sinne überwältigt – mit einem Reiseführer auf
       Englisch, der anhand von 50 Songs ausführlich die vielfältige musikalische
       Geschichte der Metropole auffächert.
       
       Das vom Münchner Kleinverlag Sorry Press veröffentlichte Werk ist eine
       Liebeserklärung an die Stadt als Soundmap, eine musikalische Topografie von
       Nachbarschaften, Lokalgeschichte und Widersprüchen.
       
       ## Abseits des Glitzers
       
       Zu Beginn des 20. Jahrhunderts befindet sich Rio im Übergang, auf der Suche
       nach einer eigenen Identität, aber „immer noch zerrissen zwischen seinem
       Kolonialerbe und der Industriemoderne“, schreibt Haaksman. Äußerlich
       erscheint die Stadt als tropische Metropole der Belle Époque, deren Straßen
       im Zentrum von französisch inspirierten Fassaden gesäumt werden.
       
       Doch abseits des Glitzers wachsen Stadtquartiere auf den steilen, felsigen
       Hügeln. In diesen informellen Vierteln siedeln sich vor allem mittellose
       Afrobrasilianer:innen an, nachdem die Sklaverei (erst) 1888
       abgeschafft worden war.
       
       Auch der Musiker und Komponist Pixinguinha ist ein Schwarzer, der im
       Viertel Catumbi geboren wird. Sein Lied „Carinhoso“ von 1917 wird von einer
       singenden Trompete getragen – und ist ein Tabubruch. Denn im Gegensatz zum
       damals beliebten Choro, der europäischen Polka und Walzer mit
       afrobrasilianischen Einflüssen verbindet, ist „Carinhoso“ langsam, fast
       träumerisch. Und der romantische Text (von 1937) unterstreicht seinen
       Klang: „Mein Herz / Ich weiß nicht warum / Es schlägt glücklich / Wenn ich
       dich sehe…“
       
       ## Quietschende Reibetrommel
       
       In den 1920ern entsteht schließlich aus dem Choro und der
       batuque-Perkussion ein Musikgenre, das wie kein Zweites mit Rio und seinem
       Karneval in Verbindung steht: Samba. Getragen wird sie von vier
       Rhythmusinstrumenten: surdo (große Basstrommel), tamborim, caixa (kleine
       Snaredrum) und agogô (Doppelglocke). Dazu kommt die sogenannte cuíca. Ein
       Name, der schon lautmalerisch erahnen lässt, wie das Instrument klingt.
       
       [2][Die cuíca ist eine Reibetrommel, die rhythmische und ungewöhnliche,
       eigentümlich quietschende Töne erzeugt.] Haaksman nennt sie die „perkussive
       Seele von Rio“. In Jadir de Castros Song „A Cuíca“ aus seinem legendären
       Album „Batucada No. 2“ (1968) ist sie der Star. De Castro lässt die cuíca
       in dem Lied lachen, weinen, jammern und schreien. Mit ihrem nervösen Sound
       wird der aufregende Karneval (für die viele Menschen jedes Jahr ihre
       Ersparnisse opfern) mit seinen üppigen Kostümen trefflich imaginiert.
       
       ## Gehauchte Zeilen
       
       Ein Mann, eine akustische Gitarre, eine gehauchte Stimme – 1958 kommt eine
       musikalische Revolution ganz ohne Lärm daher. Komponiert von zwei
       Säulenheiligen, Tom Jobim (Musik) und Vinícius de Moraes (Text),
       veröffentlicht der Gitarrist und Sänger João Gilberto beim Label Odeon
       seine Version von „Chega da Saudade“, eine sanfte Ballade, die von Schmerz
       und der Hoffnung auf einen Neuanfang handelt.
       
       Während auf den Hügeln Rios weiter die lauten Trommeln der Samba
       dominieren, erwächst in den Bars von Copacabana und Ipanema der Wunsch nach
       etwas anderem – und die Bossa nova, leicht und warm, wird geboren. 1959
       wird sie durch Marcel Camus’ Filmklassiker „Orfeu Negro“ in die Welt
       getragen.
       
       Obwohl die Bossa nova nicht den Eindruck macht, ist sie doch musikalisch
       komplex – auch João Gilbertos batida-Gitarrenspiel. Haaksman spricht von
       einem „mathematisch präzisen Perpetuum mobile, einem rhythmischen Fluss
       ohne sichtbare Anstrengung“, bei dem Gilbertos Daumen den Bass spielt,
       während die Finger gleichzeitig Synkopen und Akkorde setzen.
       
       ## Poetische Revolte
       
       Die 1950er Jahre in Brasilien sind eine Ära des Aufbruchs, die 1960 in der
       Ernennung Brasilias mit ihrer utopischen Architektur zur neuen Hauptstadt
       des Landes kulminiert. Doch 1964 putschen sich die Generäle an die Macht.
       Ende 1968 werden die Bürgerrechte außer Kraft gesetzt – und der Musiker
       Gilberto Gil wird dazu gezwungen, das Land zu verlassen. Zuvor hatte er
       gemeinsam [3][mit Caetano Veloso] und anderen elektrische Gitarren und
       anglo-amerikanische Beatmusik mit brasilianischen Rhythmen
       zusammengebracht, was als Tropicália-Bewegung in die Geschichte einging.
       
       Doch auch linke Puristen in der Heimat nehmen ihnen das übel. Die
       Tropicália sei darum ebenso eine „poetische Revolte gegen Reinheitsgebote
       und kulturelle Isolation“ gewesen, schreibt Haaksman, wie eine „Waffe gegen
       den bleiernen Himmel der Militärdiktatur“.
       
       Bevor Gilberto Gil Rio Richtung London verlassen muss, besingt der aus
       Salvador de Bahia stammende Musiker mit „Aquele Abraço“ (1969) seine Liebe
       zur Stadt am Zuckerhut – und nimmt mit „Jener Umarmung“ zugleich Abschied
       von Rio. Eine Liedzeile hat sich seither in das kollektive Gedächtnis der
       cariocas, wie die Bewohner Rios heißen, eingebrannt: „O Rio de Janeiro
       continua lindo“ – komme, was wolle: Die Stadt ist und bleibt umwerfend
       schön.
       
       ## Blockpartys mit Soul
       
       In den 1970ern erreichen Forderungen nach Selbstermächtigung auch die
       „morros“, die Hügel von Rio, wo mittlerweile regelmäßig Blockpartys mit
       Soulmusik veranstaltet werden. Im funkigen, von Bläsern getragenen „Chega
       Mais“ von 1978 gibt die Banda Black Rio diesen Vierteln eine Stimme.
       Übersetzt heißt der Titel so viel wie „Komm näher“. Das kann als
       Aufforderung zum Tanzen verstanden werden, aber auch dazu, sich in der
       „comunidade“ zu engagieren.
       
       [4][Bei einer Songsammlung über Rio darf Soul-Crooner Tim Maia natürlich
       nicht fehlen]. Ausgewählt hat Haaksman einen späteren Song des fülligen
       Lebemanns: „Do Leme ao Pontal“ (1982) ist ein swingender Diskokracher,
       Haaksman nennt ihn die „unoffizielle Hymne der Küste Rio de Janeiros“. Denn
       Tim Maia beschreibt darin eine imaginäre Tour entlang von Rios ikonischen
       Stränden. Solche Ausflüge am Wochenende, leger in Badelatschen und Shorts,
       gehören in Rio bis heute zum guten Ton.
       
       Bei 40 Grad Celsius 
       
       1995 ist ein musikalisch spannendes Jahr für die Stadt: Sängerin Fernanda
       Abreu veröffentlicht ihre Pophymne „Rio 40 Graus“ – Rio bei 40 Grad Celsius
       –, inspiriert vom gleichnamigen Film von 1955, einem Vorläufer des Cinema
       Novo. Zusammen mit der extremen Luftfeuchtigkeit sei die Hitze in Rio „mehr
       als nur Wetter“, so Haaksman, sondern „Teil der städtischen Identität“.
       Abreus Song ist eine Ode an diese schweißtreibenden Verhältnisse und
       zugleich Erinnerung daran, dass das schwül-heiße Klima auch eine
       Herausforderung bedeutet, besonders für ärmere Bevölkerungsschichten, die
       ohne adäquate Infrastruktur leben.
       
       Doch es ist ein anderer Musikstil, der das Jahr prägt: der sich Ende der
       1980er ausgebildete Baile Funk, in Rio zumeist Funk Carioca genannt. 1995
       ist er noch in seiner unschuldigen Phase, schreibt Haaksman – bevor die
       staatliche Repression gegen seine Tanzveranstaltungen in den ärmeren
       Vierteln in Gang gesetzt wird. Im Song „Endereço Dos Bailes“ preisen MC
       Júnior und MC Leonardo noch all jene „comunidades“, die wichtige Funkpartys
       ausrichten – Siedlungen, die in einer räumlich geteilten Stadt sonst meist
       nur in den Nachrichten vorkommen, wenn sich dort kriminelle Banden
       untereinander oder mit der Polizei Gefechte liefern.
       
       Mehr als 20 Jahre danach, im Video zu Anittas „Vai Malandra“ (2017) wird
       die Favela Vidigal zur Kulisse für einen kommerziell durchgeplanten
       Funksong als Popvariante. Seine Bewohner:innen treten dennoch auch als
       selbstbewusste Akteur:innen auf. Vor allem Superstar Anitta selbst: Als
       „böses Mädchen“ macht sie, was sie will – sogar ihre Cellulitis in die
       Kamera halten.
       
       10 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ole Schulz
       
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