# taz.de -- Verschiebungen bei Italiens Rechtsaußen: Die Lega im freien Fall
> Matteo Salvini hat einst aus der rechten Regionalpartei Norditaliens die
> schlagkräftige Lega geformt. Jetzt gilt er als schuldig an deren
> Niedergang.
(IMG) Bild: Matteo Salvini ist bei seiner eigenen Partei, der Lega, angezählt
Muss sich Matteo Salvini, Chef der rechtspopulistisch-fremdenfeindlichen
Lega und Vizeministerpräsident Italiens, bald in die Frührente
verabschieden? Seine Partei jedenfalls steht vor einer Zerreißprobe, die
ihn seinen Job und die Lega selbst ihre Existenz kosten könnte.
Gleich mehrere Lega-Granden preschten in den letzten Tagen vor, um mehr
oder minder unverhohlen sowohl den Rücktritt Salvinis als Parteichef als
auch eine radikale Kurskorrektur der Lega zu fordern. Den Anfang machte
Attilio Fontana, Präsident der Region Lombardei. Hier, im produktiven Herz
Italiens, war die Lega in den späten 80er Jahren des vergangenen
Jahrhunderts entstanden, hier hat sie auch heute noch ihre wichtigsten
Hochburgen.
In einem Interview mit dem Corriere della Sera teilte jetzt Fontana gegen
Salvini aus, sprach von verbreitetem „Unbehagen“ in der Lega, beklagte den
Absturz „von 34 Prozent auf 5 Prozent“ in den letzten Jahren und gab auf
die Nachfrage des Interviewers, ob er den Rücktritts Salvinis wolle, die
unverblümte Antwort: „Keine Lösung darf a priori ausgeschlossen werden.“
Zudem kündigte er die Gründung einer „Vereinigung“ an, in der sich die
Salvini-Kritiker*innen sammeln wollen.
Fontana steht mit seiner Kritik keineswegs allein. An seiner Seite hat er
den Präsidenten der Region Friaul-Julisch Venetien Massimiliano Fedriga
ebenso wie den Ex-Präsidenten der Region Veneto Luca Zaia, der an der
Parteibasis ebenso wie in der Wählerschaft hohe Popularität genießt.
## Salvini – einst der Garant des Aufstiegs der Lega
Und da wäre auch noch Massimiliano Romeo, Fraktionsvorsitzender der Lega im
Senat und Chef der Lega Lombarda, des wichtigsten Regionalverbandes der
Partei. Romeo stellte am Dienstag sein neues Buch „Die Lega schaffen.
Agenda für die Erneuerung“ vor. Dort fordert auch er einen radikalen
Kurswechsel, die Rückkehr nämlich zur „Nordfrage“, die früher einmal der
Markenkern der Partei war, die ursprünglich als „Lega Nord“ gegründet
worden war.
Die Kritiker Salvinis, die jetzt den Absturz beklagen, vergessen allerdings
hinzuzufügen, dass er es ja gewesen war, der [1][die Lega zu ihren größten
Erfolgen geführt] hatte, und zwar mit der völligen Abkehr vom früheren
Profil als Nordpartei. Unter ihrem Gründer und Übervater Umberto Bossi
hatte die Partei über Jahrzehnte hinweg gegen das „diebische Rom“ und die
„Parasiten in Süditalien“ gehetzt und die Abkoppelung der reichen
Nordregionen zur Not auch per Sezession von Italien propagiert.
Darüber war die Partei zum Juniorpartner in den Rechtsregierungen unter
Silvio Berlusconi aufgestiegen, geriet aber nach 2010 in eine schwere
Krise, als die Bereicherung der Familie Bossis aus den Fonds der
staatlichen Parteienfinanzierung bekannt wurde. Die Wende brachte dann
Matteo Salvini, der im Jahr 2013 Lega-Chef wurde.
Er setzte nicht nur auf sein unverbrauchtes Image, sondern auch auf die
radikale Kehrtwende der früheren Nordpartei zur ultranationalistischen
Kraft („Prima gli Italiani!“ – „Italiener zuerst!“), die den Ausstieg aus
dem Euro ebenso forderte, wie sie gegen die „Invasion der kriminellen
Immigranten“ hetzte.
## Zurück zum Nord-Konzept?
Das Rezept ging auf; bei den Wahlen von 2018 schnellte die Lega auf 17
Prozent hoch und Salvini wurde Innenminister in der Regierungskoalition mit
den Fünf Sternen. Seine [2][Politik der „geschlossenen Häfen“] gegen die
NGOs brachte ihm dann bei den EP-Wahlen 2019 gar 34 Prozent ein.
Doch dann machte er einen ersten Fehler, als er im Jahr 2021 in die
Covid-Notstandskoalition unter Mario Draghi eintrat. Das Gros der
rechtspopulistischen Wähler*innen wandte sich von ihm ab und einem neuen
rechten Shootingstar zu: [3][Giorgia Meloni]. Die erhielt bei den
[4][Wahlen 2022] 26 Prozent, während die Lega auf 9 Prozent absackte.
Als dann im Jahr 2023 der frühere Fallschirmjägergeneral [5][Roberto
Vannacci] auf die politische Bühne trat, sah Salvini seine Chance gekommen.
Er bot Vannacci die Kandidatur fürs EP ebenso an wie den Posten des
Vizeparteichefs.
Vannacci schlug ein – nutzte die Lega allerdings bloß als Sprungbrett, um
im Februar 2026 mit Futuro Nazionale (FN) seine eigene rechtsradikale
Partei zu gründen, mit Erfolg. FN ist bei der Ausländerhetze und der
Beschwörung der Gefahren bei der inneren Sicherheit immer noch einen Tick
lauter als die Lega. Seine FN liegt gegenwärtig in den Umfragen bei 7 bis 8
Prozent, Tendenz steigend, während die Lega auf 5 bis 6 Prozent abstieg,
Tendenz fallend.
„Zurück zum alten Nord-Markenkern“ ist deshalb die verzweifelte Antwort der
innerparteilichen Kritiker*innen Salvinis. Statt eines neuen Aufstiegs
der Lega droht jedoch deren endgültige Implosion.
19 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Michael Braun
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