# taz.de -- Meereskundler über das 1,5-Grad-Ziel: „Wir denken ja immer noch, wir sind hier vorbildlich“
       
       > Andreas Oschlies erforscht, wie Kohlendioxid aus der Atmosphäre zu holen
       > wäre. Er hält das Pariser Klimaziel für erreichbar.
       
 (IMG) Bild: Für manche Experten unerlässlich: Anlage zur CO2-Abscheidung
       
       taz: Herr Oschlies, warum können Sie einen Vorschlag machen, wie das
       1,5-Grad-Klimaziel noch zu erreichen wäre? 
       
       Andreas Oschlies: Wir beschäftigen uns schon seit 15 Jahren in einer
       Initiative von besorgten Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen mit
       „climate engenieering“. Ich selber forsche seit 30 Jahren über das Klima
       und versuche, Optimismus zu bewahren.
       
       taz: Und was ist Ihr Lösungsvorschlag? 
       
       Oschlies: Es geht um [1][großteilige Eingriffe in das Klimasystem] mit dem
       Ziel, das Klima in einem Rahmen zu halten, innerhalb dessen man gut leben
       könnte.
       
       taz: Und das ist möglich? 
       
       Oschlies: Nicht nur möglich, sondern inzwischen auch notwendig, denn selbst
       wenn wir eine sehr ambitionierte Emissionsreduktion hätten, wäre der
       Bremsweg inzwischen zu kurz. Und es gibt schwer vermeidbare Emissionen. Das
       sind zum einen die Müllverbrennungsanlagen, die viel CO2 produzieren. Und
       das Gleiche [2][gilt für die Zementproduktion]. Wir können also die
       Emissionen nicht komplett auf null herunterfahren. Und null wäre
       erforderlich, um die Erwärmung zu stoppen.
       
       taz: Das sind für Sie die beiden kritischen Faktoren, aber gibt es da nicht
       noch viel mehr? 
       
       Oschlies: Nein, alles andere können wir vermeiden. Und wir wissen auch
       genau, wie das geht. Bei der Energieproduktion müsste der Kohleausstieg
       sofort kommen. Wir müssten dann allerdings sehr viel in erneuerbare Energie
       investieren. Wir müssten bessere Stromnetze haben, um die Energie besser
       verteilen zu können. Und wir müssten intelligente Lösungen für die
       Speicherung von Energie finden. Aber ich denke, wir kommen alleine mit
       Wind, Solar, Geothermie sowie der Wasserkraft hin und brauchen zum Beispiel
       keine neuen Atomkraftwerke.
       
       taz: Aber haben wir dafür noch genug Zeit? 
       
       Oschlies: Das ist vor allem ein gesellschaftliches Problem – zum Beispiel
       mit den vielen dafür nötigen Genehmigungsverfahren. Die demokratische
       Debatte, die wir ja alle wollen, ist mühsam und oft schmerzhaft, aber sie
       muss so schnell wie möglich geführt werden.
       
       taz: Ist das nicht ein spezielles Problem in Deutschland? Gibt es positive
       Gegenbeispiele? 
       
       Oschlies: Ja, in Norwegen liegen die Zulassungen von Elektroautos
       inzwischen bei 99 Prozent. Und in Dänemark haben sehr viele Häuser
       Wärmepumpen. Wir denken ja immer noch, wir sind hier vorbildlich. Aber
       außer Polen haben zurzeit alle europäischen Länder einen geringeren
       CO2-Ausstoß als Deutschland.
       
       taz: Gibt es auch lokale Lösungen? 
       
       Oschlies: Ja, ein gutes Beispiel dafür ist Paris, wo unter der
       Bürgermeisterin Anne Hidalgo die Stadt in wenigen Jahren umgekrempelt
       wurde. Da gibt es hohe Parkgebühren, viele verkehrsberuhigte Zonen und
       Parkplatzverbote für Autos mit Verbrennungsmotoren. Das war ein
       schmerzhafter Prozess mit vielen Demonstrationen und blockierten
       Autobahnen. Aber in Paris gibt es jetzt viel weniger Autos und dafür mehr
       Fahrradstraßen.
       
       taz: Und woran forschen Sie selber gerade? 
       
       Oschlies: Unser Hauptforschungsgebiet ist es, zu untersuchen, wie man
       [3][CO2 wieder aus der Atmosphäre herausholen] kann. Wir könnten etwa Bäume
       wachsen lassen, die über die Photosynthese aus CO2 Holz machen. Aber das
       Potenzial davon ist sehr klein. Darum brauchen wir noch weitere technische
       Methoden.
       
       taz: Und wie soll das gehen? 
       
       Oschlies: Es gibt [4][industrielle CO2-Absorber], die das über chemische
       Katalysatoren machen und jetzt schon in U-Booten oder Raumfähren zum
       Einsatz kommen, weil da die Atemluft gereinigt werden muss. Die könnte man
       auch in die Atmosphäre stellen, aber dafür wäre heute noch der
       Energiebedarf viel zu hoch.
       
       24 Aug 2026
       
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