# taz.de -- Täterarbeit: Was wirklich gegen männliche Gewalt hilft
       
       > Durch Strafen alleine lässt sich Gewalt nicht bekämpfen. Wie Männer
       > lernen können, Verantwortung zu übernehmen und ihr Verhalten zu ändern.
       
 (IMG) Bild: Mehrere Tausend Menschen nehmen an einer Demonstration gegen patriarchale Gewalt teil, am 28. März 2026 in Köln
       
       Wenn wir sexualisierte Gewalt öffentlich debattieren, fordern viele schnell
       härtere Strafen für Täter. [1][Mehr Gesetze], [2][höhere Haftstrafen], mehr
       Polizei. Und damit auch mehr Macht für den Staat, der gefälligst seine
       Bürgerinnen schützen solle.
       
       „[3][Carceral Feminism]“ nennt sich diese Form des strafenden Feminismus,
       der Betroffenen vor allem über Staat und Justiz zu Gerechtigkeit verhelfen
       will. In manchen Fällen ist Strafverfolgung sinnvoll und erfüllt auch eine
       abschreckende Rolle. Aber in anderen verfehlt es den Punkt – gerade wenn es
       darum geht, patriarchale Strukturen wirklich aufzubrechen.
       
       „Wenn Gewalt als Verhalten erlernt ist, kann man es verlernen“, sagt Mario
       Stahr. Er ist Sozialpädagoge und Vorstandsmitglied bei der
       [4][Bundesarbeitsgemeinschaft Täterarbeit Häusliche Gewalt (BAG)] in
       Berlin. „Wo man es ziemlich sicher nicht verlernen wird, ist in Haft.“ Die
       BAG bietet Kurse an, in denen Täter – in Stahrs Einrichtung zu 99 Prozent
       männlich – lernen, Eskalationen vorzubeugen, Notfallpläne zu erstellen, die
       Perspektive der Frau zu verstehen und verschiedene Formen der Gewalt zu
       erkennen.
       
       Viele dieser Menschen wissen nicht, wo Gewalt beginnt. „Der sogenannte
       Versöhnungssex kann dazugehören“, sagt Stahr. Es komme zu einer Eskalation,
       man beruhige sich wieder, und versuche dann durch körperliche Nähe zu
       zeigen, dass es einem leid tue. „Die Frage ist: Wie freiwillig ist das
       Ganze?“ Solche auf den ersten Blick kleineren Grenzüberschreitungen
       passieren permanent.
       
       Um an einem Kurs der BAG teilnehmen zu können, müssen Täter Verantwortung
       für ihr Handeln übernehmen, anerkennen, dass das, was sie getan haben,
       Gewalt war. Und sie müssen ihr Verhalten ändern wollen. Diejenigen, die
       dazu nicht bereit sind, werden weggeschickt. „Täter“, das sei ein
       juristischer Begriff, sagt Stahr. Er bevorzuge den Begriff „Gewalt
       ausübende Person“.
       
       Patriarchale Gewalt wird früh gesät, das zeigt die Täterarbeit. Ausnahmslos
       alle Gewalt ausübenden Menschen, die Stahr in den Kursen trifft, haben –
       meist schon in ihrer Kindheit – selbst Gewalt erlebt. „Das Erlebte ist wie
       eine Pflanze, die wächst und gedeiht, man kann also gar nicht früh genug
       mit Prävention ansetzen.“ Bei der Bekämpfung patriarchaler Gewalt geht es
       also auch darum, schon Kinder zu schützen – und gerade jungen Familien
       finanzielle, räumliche und emotionale Ressourcen zur Verfügung zu stellen.
       
       ## Was hätte ich anders machen können?
       
       Die Täterarbeit setzt erst an einem späteren Punkt an und soll
       gewährleisten, dass Gewalt ausübende Personen richtig aufgefangen und im
       besten Fall rehabilitiert werden. Sie ist Teil einer sozialen
       Anti-Gewalt-Struktur in Deutschland, zu der auch Frauenberatungsstellen,
       Frauenhäuser oder der Jugendschutz gehören.
       
       In den Kursen reflektieren die Männer ihre Gewalt, lernen sie zu verstehen,
       hundert Prozent Verantwortung dafür zu übernehmen und sie dann zu
       verändern. In Einzelgesprächen wird die persönliche Geschichte besprochen
       und das Risiko, das vom Täter ausgeht, eingeschätzt. Oft wird die Partnerin
       eingeladen, um ihre Perspektive mit einzubinden.
       
       Anschließend folgen Gruppensitzungen, in denen die Kursbesucher miteinander
       lernen, wo Gewalt beginnt, und wie sich Situationen deeskalieren lassen.
       Dazu werden auch konkrete Situationen aus dem Alltag der Teilnehmer
       rekonstruiert. Gemeinsam besprechen sie: Wie habe ich mich da gefühlt? Was
       hätte ich anders machen können? Wie bin ich in die Situation gekommen? Dass
       andere Männer Teil des Weges sind, hält Stahr für wichtig. „Sie verstehen
       dann besser: Ich bin damit nicht alleine. Anderen geht es auch so und mit
       diesen anderen kann ich mich darüber austauschen.“
       
       So sehe das Standardprogramm aus – wenn sie denn in der Lage seien das
       umzusetzen. Aber schon vor der aktuellen Kürzungspolitik fehlten der
       Anti-Gewalt-Arbeit Mittel. Frauenhäuser sind für Betroffene oft viel zu
       weit entfernt und somit nicht in den Alltag integrierbar. [5][Und selbst
       wenn sie gut erreichbar sind, sind sie oft ausgelastet]. Auch der Kurs in
       der Einrichtung, bei der Stahr arbeitet, kann nur einmal jährlich
       stattfinden, da es an Personal fehlt.
       
       ## Einfach wegesperren lässt sich patriarchale Gewalt nicht
       
       „Es gibt noch so Vieles zu tun, um etwas Grundlegendes an patriarchalen
       Strukturen zu ändern“, sagt Stahr. „Und ganz ehrlich: Bei der politischen
       Stimmung, die derzeit in unserem Land spürbar ist, wird das nicht
       einfacher.“ An den steigenden Zahlen derer, die freiwillig den Kurs
       besuchen, merke man jedoch auch, dass es in den letzten Jahren
       gesellschaftliche Veränderungen gegeben habe.
       
       Patriarchale Gewalt zu durchbrechen, ist nicht leicht. Dafür braucht es
       Unterstützung für Kinder, die Gewalt erleben und diese später reproduzieren
       könnten. Es braucht Männer, die Verantwortung übernehmen, die Fehlverhalten
       an ihren Freunden erkennen und dagegen laut werden.
       
       Es braucht finanzielle Mittel, um Orte zu unterstützen, die versuchen,
       Gewaltspiralen aufzubrechen. Es braucht eine öffentliche Debatte, die nicht
       nur dann stattfindet, wenn Prominente betroffen sind. [6][Und es braucht
       Solidarität mit Frauen] und anderen Betroffenen. Denn einfach wegsperren
       lässt sich patriarchale Gewalt nicht.
       
       11 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Moegliches-Gesetz-gegen-Catcalling/!6112431
 (DIR) [2] /Unterstuetzerin-von-Gisele-Pelicot/!6054045
 (DIR) [3] https://theemancipator.org/2023/06/27/topics/legal-system/reckoning-with-carceral-feminism-fight-end-mass-incarceration/
 (DIR) [4] https://www.bag-taeterarbeit.de/
 (DIR) [5] /Tag-gegen-Gewalt-an-Frauen/!6132091
 (DIR) [6] /Femizid-Ueberlebende-ueber-Gewalt/!6151724
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Valérie Catil
       
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