# taz.de -- Opposition in Russland: Jablokos nächste Niederlage vor Gericht
       
       > Die Beschwerde gegen den Jabloko-Ausschluss wurde von Russlands Oberstem
       > Gericht abgelehnt. Der Vizevorsitzende Schlosberg muss für viele Jahre in
       > Haft.
       
 (IMG) Bild: Mit Lev Schlosberg wurde ein hochrangiges Mitglied der Partei Jabloko aus dem Verkehr gezogen und die Opposition noch dezimierter
       
       Es kam wie von vielen erwartet: Am Montag hat der Berufungssenat des
       Obersten Gerichts Russlands die Beschwerde der liberalen Oppositionspartei
       Jabloko gegen ihren Ausschluss von den Wahlen zur Staatsduma im September
       zurückgewiesen. Dies teilte die Presseabteilung von Jabloko mit.
       
       A[1][m Montag vergangener Woche hatte das Oberste Gericht entschieden, die
       Liste von Jabloko nicht zur Duma-Wahl zuzulassen]. Diese finden vom 18. bis
       20. September statt. Das Verbot betrifft nicht die Kandidat*innen, die für
       Direktmandate (225 von 450 Sitzen) antreten.
       
       Die Anklagepunkte lauteten unter anderem, Jabloko habe mit ihren
       Wahlkampfmaterialien in Form von Fotos und Texten das Recht an geistigem
       Eigentum verletzt. Weitere Anwürfe bezogen sich auf die Finanzierung des
       Wahlkampfs sowie einen „erheblichen Anstieg der Informationsaktivitäten“,
       die mit der Partei Jabloko in Verbindung stünden – unter anderem auf
       Plattformen von „ausländischen Agenten“.
       
       ## Mindestens 85 Festnahmen
       
       Wie bereits vor einer Woche hatten sich auch an diesem Montag vor dem
       Gericht Unterstützer*innen von Jabloko eingefunden. Mindestens 85
       Personen sollen festgenommen worden sein. Einige sollen kurz darauf nach
       einer Verwarnung wieder auf freien Fuß gesetzt worden sein. Parteivertreter
       von Jabloko kündigten am Montag an, in die dritte Instanz zu gehen. „In
       naher Zukunft wird Jabloko beim Präsidium des Obersten Gerichts eine
       Beschwerde im Wege der Aufsichtsbeschwerde einreichen“, hieß es in einer
       Mitteilung.
       
       Einen weiteren Rückschlag für Jabloko gab es in der Stadt Pskow. [2][Dort
       verurteilte das städtische Gericht den Vizevorsitzenden der regionalen
       Partei Jabloko Lew Schlosberg am Montag zu einer Haftstrafe von elf Jahren
       und einem Monat]. Die Staatsanwaltschaft hatte zwölf Jahre und einen Monat
       Freiheitsentzug gefordert.
       
       Das Urteil erging unter Berücksichtigung einer früheren Strafe: Im November
       2025 war Schlosberg in einem Verfahren wegen Verstoßes gegen die Pflichten
       eines „ausländischen Agenten“ zu 420 Stunden gemeinnütziger Arbeit
       verurteilt worden. Dem 63-Jährigen waren wiederholte Diskreditierung der
       russischen Armee sowie die Verbreitung von Falschinformationen zur Last
       gelegt worden.
       
       Der erste Anklagepunkt bezog sich auf eine auf Odnoklassniki (das russische
       Pendant zu Facebook) veröffentlichte Aufnahme einer Debatte mit dem
       Politiker und Historiker Juri Piwowarow. Unter anderem hatte er sich für
       die Notwendigkeit ausgesprochen, den Krieg Russlands gegen die Ukraine zu
       beenden. Schlosberg hatte dazu angemerkt, ihm werde vorgeworfen,
       „Äußerungen meines Debattengegners verbreitet zu haben – also genau jene
       Position, gegen die ich argumentiert hatte“.
       
       ## Keine eigenen Anwälte
       
       Ein Verfahren wegen Falschinformationen war eingeleitet worden, da auf
       Schlosbergs Telegram-Kanal am 25. Februar 2022 ein Beitrag des mittlerweile
       aufgelösten Hörfunksenders Echo Moskwy geteilt worden war, der eine
       Titelseite der britischen Zeitung Daily Mirror gezeigt hatte. Auf dem Bild
       waren eine blutüberströmte Frau und Russlands Präsident Wladimir Putin zu
       sehen – versehen mit den Worten: „Ihr Blut … Seine Hände“. Der Politiker
       erklärte, der Beitrag sei geteilt worden, nachdem das Gesetz über die
       Kriminalisierung von Fake News über die Armee in Kraft getreten sei. Dieses
       hatte Putin am 4. März 2022 unterschrieben.
       
       Am vergangenen Freitag fanden vor dem Stadtgericht Pskow die
       Schlussplädoyers statt – in Abwesenheit aller drei Anwälte Schlosbergs
       (zwei waren durch andere Prozesse gebunden, einer befand sich im
       Krankenhaus). Die vorsitzende Richterin lehnte es ab, die Verhandlung zu
       vertagen und bestellte – ungeachtet der Einwände Schlosbergs – einen
       Pflichtanwalt zu Schlosberg Vertretung.
       
       Dieser lehnte es ab, den Schlussplädoyers beizuwohnen, richtete jedoch am
       selben Tag seine letzten Worte an das Gericht. Dabei wurde er bei seinen
       Ausführungen mehrfach unterbrochen. Insbesondere als Schlosberg von der
       Notwendigkeit eines Waffenstillstands zwischen Russland und der Ukraine
       sprach, unterbrach ihn die Richterin mit der Begründung, die dargelegten
       Umstände seien für das vorliegende Strafverfahren unerheblich.
       
       Schlosberg ist einer der wenigen russischen Politiker, die trotz Kritik an
       Moskaus Angriffskrieg gegen die Ukraine und der Forderung nach einer
       Einstellung der Kampfhandlungen in ihrem Land blieben. Das führte immer
       wieder zu Zerwürfnissen, mit Bloggern und Politiker, die das Land verlassen
       hatten.
       
       ## „Ausländischer Agent“
       
       Seine Position fasste Schlosberg einmal so zusammen: „Die Bindung zur
       Heimat zu kappen – selbst zu einer Heimat, die einen verstoßen hat –, ist
       eine quälende Zerreißprobe. Um zu bestehen, musst du dir das Gefühl der
       Verbundenheit mit dem Land bewahren – selbst in den dunkelsten Zeiten, wenn
       die Menschen dich weder verstehen noch annehmen, wenn sie dich hetzen und
       deinen Tod herbeiwünschen. Du darfst deinem Volk weder Tod noch Leid oder
       Unglück wünschen – ganz gleich, ob du im Ausland oder im Gefängnis bist
       oder ob dir Haft droht.“
       
       2023 wurde Schlosberg zu einem „ausländischen Agenten“ erklärt, was mehrere
       Strafen nach sich zog. Seit Juni 2025 befand er sich im Hausarrest wegen
       „Diskreditierung der Armee“. Sechs Monate später wurde er in ein
       Untersuchungsgefängnis geschickt. Seine Verurteilung am Montag kommt für
       Putin zur rechten Zeit. Ihr dürften weitere ähnliche Verfahren folgen.
       
       17 Aug 2026
       
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