# taz.de -- Opposition in Russland: Aus für die Antikriegspartei Jabloko
> Bei den Wahlen im September wird Jabloko, die Apfel-Partei, nicht
> antreten können. Dabei war sie zu bestimmten Helfern extra auf Distanz
> gegangen.
(IMG) Bild: Jabloko-Chef Nikolai Rybakow am Montag bei einer Gerichtsanhörung über einen Ausschluss seiner Partei von den Wahlen im September
Das war es dann für die liberale russische Oppositionspartei Jabloko
(Apfel). Am Montagabend gab das Oberste Gericht in Moskau nach einer über
siebenstündigen Anhörung einer Klage statt, die Partei nicht bei den Wahlen
zur Duma, die vom 18. bis 20. September stattfinden, zuzulassen. Vor dem
Gebäude in der Powarska-Straße hatten sich zu Beginn der Sitzung des
Gerichtes rund 500 vor allem junge Menschen eingefunden, um ihre
Solidarität zu bekunden. Sie skandierten: „Jabloko, Jabloko!“ Das Gericht
in Moskau begründete sein Urteil mit angeblichen zahlreichen Verstößen
gegen die russische Wahlgesetzgebung.
Den Vorsitz der Anhörung führte Richter Wjatscheslaw Kirilow. Er ist kein
Unbekannter, wenn es darum geht, Kritiker*innen kaltzustellen. Im Juni
2025 gab er einer Eingabe des Justizministeriums statt, was zur Auflösung
der Partei Bürgerinitiative führte. Seinem Richterspruch fiel 2024 auch
[1][die Präsidentenkandidatur von Boris Nadeschdin] zum Opfer, der für die
Bürgerinitiative antreten wollte, jedoch angeblich gefälschte
Unterschriften präsentiert hatte. Auch die Einstufung der internationalen
gesellschaftlichen Bewegung Memorial als „extremistisch“ nebst
Betätigungsverbots in Russland im vergangenen April geht auf Kirilows
Konto.
Bereits in der vergangenen Woche hatten Vertreter zweier, dem Kreml treu
ergebener Parteien den Ton vorgegeben. „Eine Partei, die sich offen gegen
die militärische Spezialoperation ausspricht und verspricht, einen für das
Land beschämenden Frieden zu schließen, zieht in die Staatsduma ein“, sagte
der Vorsitzende der Fraktion von Gerechtes Russland, Sergei Mironow.
[2][Militärische Spezialoperation (SWO) lautet die offizielle Bezeichnung
für Russlands vollumfänglichen Angriffskrieg gegen die Ukraine].
Eine Klage, um Jabloko von den Wahlen auszuschließen – die einzige Partei,
die sich für ein sofortiges Abkommen zur Beendigung des Krieges gegen die
Ukraine ausspricht –, hatte die kremlnahe Partei Rodina (Heimat) am
vergangenen Freitag eingereicht. Sie wirft Jabloko vor, mit ihren
Wahlkampfmaterialien in Form von Fotos und Texten das Recht an geistigem
Eigentum verletzt zu haben.
## Auf der Abschussliste
Weitere Anwürfe beziehen sich auf die Finanzierung des Wahlkampfs sowie
einen „erheblichen Anstieg der Informationsaktivitäten“, die mit der Partei
Jabloko in Verbindung stünden – unter anderem auf Plattformen von
„ausländischen Agenten“.
Die Zuwendungen für die Unterstützung von Jabloko beliefen sich auf mehr
als 88 Millionen Rubel (umgerechnet rund 924.000 Euro), heißt es in der
Klageschrift. Ein dritter Punkt betrifft die Unterstützung der nicht
existierenden „internationalen LGBTQIA+-Bewegung“, die in Russland als
extremistisch eingestuft ist.
Doch Jabloko, auf dem Wahlzettel derzeit noch an zweiter Stelle hinter der
Kreml-Partei Einiges Russland gelistet, steht nicht erst seit der
vergangenen Woche auf der Abschussliste. Ende Juni kippte das Oberste
Gericht Kareliens die Registrierung von Jabloko für die Wahlen zu dem
gesetzgebenden Organ der Republik – ebenfalls auf Initiative von Rodina.
Genauso war es der Partei in den Städten Petrosawodsk und Petersburg
ergangen. In verschiedenen Regionen Russlands wurden 14
Jabloko-Vertreter*innen strafrechtlich verfolgt und wegen
Falschinformationen über die Armee sowie der Verwendung extremistischer
Symbole zu Geldstrafen verurteilt. Damit hat sich eine Teilnahme an den
Wahlen ebenfalls erledigt.
## Kandidat erhält Morddrohungen
Der Jabloko-Kandidat Kirill Rumjanzew aus Saratow berichtete auf seinem
Telegram-Kanal davon, Morddrohungen erhalten zu haben, falls er seine
Kandidatur nicht zurückziehe. Ein gewisser Igor habe ein Foto seines
Hauseingangs veröffentlicht und gedroht, ihn „umzubringen“ und ihm „den
Kopf zu zertrümmern“, falls sich Rumjanzew „noch einmal schlecht“ über
Einiges Russland äußere.
Am Donnerstag vergangener Woche hatten sich auch Unterstützer*innen
aus dem Umfeld [3][des 2024 in russischer Haft zu Tode gekommenen
Kremlkritikers Alexei Nawalny] zu Wort gemeldet und zu einer Stimmabgabe
für Jabloko aufgerufen – darunter auch seine Witwe Julia Nawalnaja.
„Wir müssen die bevorstehenden Wahlen, so unfair sie auch sein mögen, als
die einzige legale und sichere Möglichkeit seit vielen Jahren betrachten,
unseren Widerspruch gegen die Machthaber kundzutun. Das tun wir, indem wir
unser Kreuz bei einer Partei machen, die eine Antikriegshaltung vertritt“,
zitiert der russischsprachige Dienst der BBC Nawalnaja.
Jabloko-Chef Nikolai Rybakow hingegen war zu dieser Art von Wahlkampfhilfe
deutlich auf Distanz gegangen. Eine derartige Unterstützung könne dazu
führen, dass die Partei von den Wahlen ausgeschlossen werde. Jabloko
verfüge über keine ausländischen Finanzierungsquellen, unterhalte keine
Beziehungen zu Organisationen, die in Russland als unerwünscht eingestuft
seien, und betrachte Veranstaltungen, die von wem auch immer im Ausland
durchgeführt würden, nicht als Teil des Wahlkampfs seiner Partei, sagte er.
Letztlich behielt Rybakow Recht. Die Frage, ob auch die unwillkommene
Unterstützung aus dem Ausland ihren Anteil an der Entscheidung hat, bleibt
offen.
10 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Barbara Oertel
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