# taz.de -- Kölner Technoproduzent Barnt: Seine Melancholie klingt prägnant
       
       > Der Kölner Elektronikproduzent Barnt macht im Album „After Completing the
       > Hex“ kunstsinnigen Techno, der mit der Tradition seiner Heimatstadt
       > bricht.
       
 (IMG) Bild: Nicht voll auf die Zwölf: Barnt lehnt an Beton
       
       Dieser Tage feiert der Produzent Barnt gleich zwei Veröffentlichungen. Da
       ist einerseits die Re-Issue seines ersten Untergrundszenehits „Geffen“: Mit
       einer Synth-Pad-Hookline, die durch die Oktaven über einem eigenwilligen
       Percussion-Beat springt, machte der Kölner 2012 erstmals von sich reden.
       Barnt „bricht mit großer Bereitwilligkeit Regeln und hält sich nicht an
       Genrekonventionen“, hieß es damals richtigerweise.
       
       Um das zu unterstreichen, folgten mehrere Werke, die stets eine bestimmte
       Sache anders machten, als man es normalerweise machen würde; bald eilte ihm
       der Ruf eines „unicorns“ voraus: So einen Produzenten wie Barnt gab es im
       weltweiten DJ-Zirkus nicht noch einmal. Über Jahre lag ihm die Clubwelt zu
       Füßen, er veröffentlichte auf namhaften Checker-Labels wie Hinge Finger in
       London, dazu kamen Einladungen zu Festivals und Clubnächten in aller Welt
       und Remixanfragen v[1][on Szenegrößen wie Jamie xx].
       
       Nebenbei konnte das Label Magazin, das er mit zwei Jugendfreunden betreibt,
       international Aufsehen erregen – er hatte die in seiner Wahlheimat Köln so
       oft besungene „superjeile zick“ (supergeile Zeit). Der Hype war in den
       tanzenden Wogen seines oftmals ekstatischen Publikums deutlich zu spüren,
       doch gleichzeitig blieb der Mensch Daniel Ansorge so obskur und auf gar
       nicht unangenehme Weise verkünstelt wie sein Alias Barnt und die
       rätselhaften Tracknamen: „If She Says She Is a Healer, She Is a Healer“ ist
       ein sehr sprechendes Beispiel.
       
       Wo normalerweise biografische Details zur Klärung beitragen würden, wirkten
       die durchgestochenen Informationen eher wie Nebelkerzen – obwohl sie alle
       korrekt sind: So hat Ansorge vor seiner Hinwendung zum Techno als
       Teilnehmer an DMC-Meisterschaften Turntablism auf höchstem Niveau
       betrieben, außerdem hat er Kunst studiert, wenn er nicht gerade
       achtstündige DJ-Sets in Kölner Bars abriss. Ein grünes Sweatshirt trug er
       dabei stets wie eine Uniform.
       
       Da wirkt es passend, dass in den 2020er Jahren der (durchaus positive) Lärm
       um seine Veröffentlichungen merklich nachließ, was uns zu seinem neuen
       Album führt: „After Completing the Hex“. Ja, auch hier gibt es
       verschlüsselte Tracknamen. Nun heißt der Auftakt „Trig graphs don’t
       match??“. Andere Stücke tragen Namen wie „Ax^2“ und den Zifferncode „02
       0221 490Y-26“. [2][Assoziationen mit dem britischen Duo Autechre] werden
       selbstverständlich erzeugt, der Vergleich mit dem Sound ihres Labels Warp
       ist ohnehin nicht abwegig.
       
       ## Ernsthaftigkeit ist eingekehrt
       
       In den ersten Stücken tastet sich Barnt vor, sie gleichen Fingerübungen,
       klingen nur scheinbar schroff. Unter der Lupe wirken sie zahm wie Lämmchen,
       eine auch in der Vergangenheit bei Barnt immer wieder prägnante Melancholie
       gibt die Stimmung vor. Sein Sound kommt ohne genrekonforme Drums aus.
       Insgesamt wirkt die Musik von „After Completing the Hex“ deutlich
       kompositorischer, als man es bisher von ihm kannte.
       
       In den Sound von Barnt ist eine Ernsthaftigkeit eingekehrt, die noch mal
       vor Augen führt, wie ausschlaggebend Gimmicks und Effekte waren, die Tracks
       wie „Geffen“ und „Ariola“ zum überbordenden Zuspruch verhalfen. Die
       Langlebigkeit beförderten sie nur bedingt. Barnts neue Stücke sind
       zurückhaltender, selbst wenn man bei „Ax^2“ eine Verwandtschaft zum Track
       „Chapel“ erkennt, der damals den Durchbruch in England bedeutete.
       
       Anno 2026 streckt sich Barnt nicht mehr nach den kurzlebigen Hypes des
       britischen Dancefloors, [3][sondern in Richtung Elektronische Avantgarde,
       wie sie etwa der Berliner Künstler Carsten Nicolai betreibt.]
       Glücklicherweise geht Barnts Musik jegliche aufgesetzte Ambienthaftigkeit
       ab. Zwar wird „Lack of Worldliness“ von einer fast schon kitschigen
       Piano-Line akzentuiert, zahlt aber in keiner Sekunde auf den
       Neo-Klassik-Trend ein.
       
       Dass Barnt hier auch mit Verstörung arbeitet, zeigt dafür „Emi“, das mit
       einer nervös herumschwirrenden Synthgewitterwolke aufwartet und etwas
       Hochpsychotisches besitzt. Worin er sich aber treu bleibt: Auch auf dem
       neuen Album klingt nichts wie in anderen Werken dieses Jahres. Das werden
       einige kritische Geister unnötig arty finden, für andere wird es eine
       Aktualisierung des Nimbus bedeuten, der den eigenwilligen Kölner
       Produzenten umgibt. Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte.
       
       18 Aug 2026
       
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