# taz.de -- Metalunderground in Syrien: Beim Satansanbeten braucht es langen Atem
> In Syrien frönten Metalfans ihrer Leidenschaft zwischen Ausgrenzung,
> Kreativität und Verfolgung über Jahrzehnte im Verborgenen. Ein
> Tatsachenbericht.
(IMG) Bild: Bashar Haroun bei einem Konzert in Latakia/Syrien am 1. Mai 2018
Im März 2007 bereitete ich mich auf meine Abiturprüfungen vor und kehrte
nach einer Lerneinheit mit einem Freund nach Hause zurück. Unterwegs kaufte
ich für meine Familie Manakish und gefüllte Teigtaschen. Als ich das Haus
betrat, sagte ich zu meiner Mutter: „Mach bitte schon mal Tee, ich habe
Frühstück mitgebracht.“
Wenige Minuten später standen drei Männer in Zivil vor der Haustür. „Bist
du Ali?“ Ich nickte. „Sehr gut“, sagte einer. „Jetzt fehlen nur noch Ahmad
und Marwan.“ Sie kannten auch die Namen meiner beiden Brüder. Meine Mutter
fragte besorgt, was sie wollten. Einer der Männer lächelte kühl: „Keine
Sorge, nur eine Tasse Kaffee, wir haben ein paar Fragen und brauchen
Antworten.“
Aus dieser „Tasse Kaffee“ wurde ein Termin beim politischen
Sicherheitsdienst in Masyaf, unserer syrischen Heimatstadt. Dort traf ich
auf mehrere Freunde und den Plattenverkäufer, bei dem wir unsere Kassetten
und CDs kauften. Erst Stunden später erfuhren wir den Grund der
Einbestellung: Man beschuldigte uns, die Musik der „Satansanbeter“ zu hören
– gemeint war Heavy Metal.
## Heimlich und vorsichtig
Wir mussten eine Erklärung unterschreiben, in der wir versprachen, nie
wieder Metalsound zu hören, und wurden entlassen. Unsere Beziehung zu
dieser Musik endete hier jedoch nicht. Im Gegenteil. Wir hörten weiterhin
Metal, taten das allerdings heimlicher und vorsichtiger als zuvor.
Damals ahnte ich nicht, dass diese Nacht Teil einer viel größeren
Geschichte war: die Geschichte einer syrischen Musikszene, die über Jahre
zwischen Leidenschaft und Stigmatisierung, Kreativität und Verfolgung teils
im Verborgenen existierte.
Heavy Metal entstand Ende der 1960er-Jahre in Großbritannien als verzinkte
Weiterentwicklung von Hardrock und Bluesrock. Bands wie Black Sabbath
prägten einen diabolischen Sound mit schweren Gitarrenriffs und kraftvollen
Rhythmen. In den folgenden Jahrzehnten entstanden zahlreiche Subgenres.
Über Kassetten und CDs verbreitete sich die Musik schließlich [1][weit über
Europa und die USA hinaus] – auch nach Syrien.
## Angebot und Nachfrage
Rockmusik war dort bereits seit den 1960ern bekannt. Platten- und
Kassettenläden in Damaskus und Aleppo boten ein breites Sortiment an und
ermöglichten damit jungen Leuten den Zugang zur internationalen Musik. Nach
Angaben des Musikers und Festivalorganisators Hannibal Saad entstanden ab
den 1960ern zahlreiche syrische Rockbands. Viele spielten zunächst
Coverversionen von den Beatles, Pink Floyd, Deep Purple und King Crimson.
Bands wie The Cats, Tigers und später Rockestra traten bald auch öffentlich
auf. Kulturzentren, Theater und ausländische Kulturinstitute boten Räume
für Konzerte. Rockmusik hatte damit einen gewissen Platz im kulturellen
Leben Syriens gefunden.
Heavy Metal stieß dagegen auf größere Vorbehalte. Ende der 1980er- und
Anfang der 1990er-Jahre begann sich das Genre in Syrien auszubreiten. Sein
härterer Klang und seine verzinkte Ästhetik wirkten auf viele Menschen
fremd. Mit der Szene entstanden jedoch Musiker, Bands und Orte, die Metal
über Jahre am Leben hielten.
Jack Power – eine vergessene Stimme
Einer der wichtigsten Pioniere war Jack Power, der Künstlername des Sängers
Akop Sagajan (1959–2021). Bereits als Kind hörte er Rockmusik und wurde
besonders von [2][Ozzy Osbourne und dessen Band Black Sabbath] beeinflusst.
Bekannt war er unter anderem für seine Interpretationen der Songs von Led
Zeppelin, Pink Floyd, Deep Purple und Rainbow.
1989 gründete Sagajan in Aleppo die Band Weltschmerz. Noch im selben Jahr
spielte die Band ein Konzert in der Zitadelle von Aleppo, zu dem nach
Sagajans Erinnerung rund 6.000 Menschen kamen. Es gilt als eines der
wichtigsten Ereignisse der syrischen Metal-Frühgeschichte.
Auch in den 1990ern trat Weltschmerz auf und ebnete so den Weg für andere
syrische Gruppen. Dennoch erhielt Jack Power nie die öffentliche
Anerkennung, die seinem Einfluss entsprach.
## Zuckerwatte und Fruchtsäfte
2014 erlitt er einen Schlaganfall und konnte nicht mehr singen. In einem
Interview kurz vor seinem Tod sprach er verbittert darüber, dass er seit
Jahren nicht mehr auftreten konnte. In seinen letzten Lebensjahren
verkaufte er vor seinem Haus Zuckerwatte und Fruchtsäfte. Im August 2021
starb er nach einer Herzerkrankung.
Vor einiger Zeit stieß ich zufällig auf eine alte Aufnahme, in der er
„Stairway to Heaven“ von Led Zeppelin interpretierte. Bis dato wusste ich
nichts von seinem Tod. Erst in den Kommentaren unter dem Song erfuhr ich,
dass diese wichtige Stimme der syrischen Metal-Geschichte bereits verstummt
war.
Mir wurde erneut bewusst, wie viele Storys dieser Szene verschwunden sind,
nicht weil sie unwichtig waren, sondern weil sie kaum dokumentiert wurden.
Von Coverversionen zur Eigenkomposition
Der nächste Schritt war die Entstehung einer syrischen Metalmusik mit
eigener Handschrift. Eine Schlüsselrolle spielte dabei die Band
Nu.Clear.Dawn, gegründet 1997 in Aleppo. Die Mitglieder hatten zunächst
Stücke von Dream Theater, Metallica, Iron Maiden und Black Sabbath
gecovert, begannen dann aber, eigene Songs zu komponieren.
2001 erschien die Single „To Stand Forever“, 2003 folgte das Album „Poem of
a Knight“. Es gehörte zu den ersten syrischen Metalalben, die vollständig
aus Eigenkompositionen bestanden, und verband im Sound Progressive-Metal
mit einer Geschichte über Rittertum, Krieg, Liebe und Ehre.
Die größte Herausforderung war nicht das Komponieren, sondern die Existenz
der Band. Wechselnde Mitglieder, Migration, fehlende Proberäume und
bürokratische Hürden erschwerten die Arbeit. Mitgründer Shant Hagopian
erinnert sich in einem Interview daran, dass die Künstler von offiziellen
Stellen gefragt wurden, warum sie diese Musik spielten, und teilweise
beschuldigt wurden, Satanismus zu betreiben.
Trotzdem trat Nu.Clear.Dawn in Syrien auf und nahm 2004 am Festival „Rock
The Nations“ in Istanbul teil. In den frühen Nullerjahren entstanden
weitere Bands wie The Hourglass, Olive und Slumpark Correctional. Eine
funktionierende Infrastruktur für unabhängige Musik entwickelte sich in
Syrien jedoch nicht.
Bashar Haroun und der Underground
Während meiner Recherche stieß ich immer wieder auf den Namen Bashar
Haroun. Er wurde 1985 in Aleppo geboren und begann bereits als
Jugendlicher, Musik zu machen. 2004 gründete er das U-Ground Music Center –
einen Ort für Proben, Aufnahmen, Konzerte und Musikunterricht. Für die
Szene, der geeignete Räume fehlten, wurde U-Ground zum wichtigen
Treffpunkt. 2008 wurde das Zentrum von den Sicherheitskräften der Armee in
Aleppo geschlossen. Haroun und mehrere anwesende Musiker wurden
festgenommen. Nach seiner Entlassung mieden ihn manche Bekannte aus Angst,
selbst ins Visier der Sicherheitsbehörden zu geraten.
Haroun beschreibt diese Zeit so: „Der Staat auf der einen Seite, die
Gesellschaft auf der anderen Seite, und du hängst dazwischen.“ Auch der
Zugang zur Musik war schwierig. Als es noch kein Internet in Syrien gab,
waren Metalkassetten und CDs nur schwer zu bekommen. Manche wurden aus dem
Ausland mitgebracht und zu hohen Preisen verkauft. In Plattenläden lagen
Metalaufnahmen nicht offen aus. Wer seltene Werke besaß, genoss innerhalb
der Szene besonderen Status.
Noch schwieriger waren Konzerte. Musiker mussten selbst Plakate aufhängen
und Werbung machen. Gleichzeitig konnten offizielle Genehmigungen
kurzfristig widerrufen werden. Haroun erinnert sich an ein Konzert, bei dem
sie gezwungen wurden, alle Plakate wieder abzuhängen, als die Genehmigung
nur einen Tag vor der Veranstaltung zurückgezogen worden war.
Auch Frauen waren in der Szene kaum sichtbar. Laut Haroun lag das nicht an
der Metalgemeinschaft, sondern am gesellschaftlichen Druck. Viele junge
Frauen hörten Metal nur im Verborgenen „Es gab viele weibliche Metal-Fans,
aber sie machten es heimlich“, sagt er. Eine Frau könne bloßgestellt
werden, wenn sie ein Metalkonzert besuche: „Die Gesellschaft erdrückt sie
vollständig.“
Die andere Seite der Bühne
Eine Musikszene besteht nicht nur aus Bands. Ich spreche deshalb auch mit
syrischen Metalhörerinnen und -hörern. Amer, heute 43, erinnert sich, dass
ihn zunächst politische Botschaften und Songtexte nicht anzogen. Englisch
sei damals keine wichtige Kommunikationssprache gewesen, Texte und
Übersetzungen waren schwer zugänglich. „Am Anfang lag die Faszination an
der Lautstärke und dem ungewöhnlichen Rhythmus“, sagt er.
Salim, 38, hörte mit neun Jahren seinen ersten Metalsong. Sein älterer
Cousin brachte ihm Kassetten und CDs aus Aleppo mit. „Ich möchte ein
Rockstar werden, wenn ich groß bin“, sagte er damals. Mit 18 wurde auch er
während der Kampagne gegen Metalhörer:innen und -musiker:innen
festgenommen. Später lernte er Gitarre und machte Metalmusik, nachdem er
Syrien verlassen hatte.
Leila, 32, besuchte 2018 ihr erstes Metalkonzert in Damaskus. Sie erinnert
sich an ein Gefühl aus Freude und Angst zugleich. Zum ersten Mal habe sie
erlebt, dass sie mit ihrem Musikgeschmack nicht allein war. Gleichzeitig
wusste sie von den früheren Verhaftungen und Stigmatisierungen. Rund 100
bis 150 Menschen besuchten das Konzert in der Mustafa-Ali-Galerie.
Vom Metal-Fan zur Musikerin
Reem, eine 31-jährige Syrerin, die heute als Ärztin in Deutschland
arbeitet, gehört zu den wenigen Frauen, die selbst in einer Metal-Band
spielten. Sie entdeckte Metal mit 14, unter anderem durch die US-Bands
Metallica und Korn. Später wurde die Musik für Reem zu einem Freiraum, in
dem sie experimentieren, selbst spielen und gesellschaftliche Grenzen
überschreiten konnte.
Um 2016 spielte sie bei einer von ihrer Schwester und Freunden in Latakia
gegründeten Band als Gastkeyboarderin. Sie trat bei etwa drei Konzerten
auf; geprobt wurde in Wohnungen oder gemieteten Studios. Eigene Aufnahmen
entstanden nicht.
Trotz der geringen Zahl von Metalmusikerinnen fühlte sie sich in der Szene
nicht gezwungen, sich stärker zu behaupten als Männer. Ihre Familie hatte
keine Einwände, und auch das Publikum habe sie respektvoll behandelt.
Dennoch, sagt Reem, sei die Metal-Szene nicht völlig frei von den
patriarchalen Vorstellungen der syrischen Gesellschaft gewesen – nur etwas
offener.
Mit dem Krieg veränderte sich auch das Leben der Musiker:innen. Einige
verloren ihre Häuser, andere mussten wegen der wirtschaftlichen Lage ihre
Instrumente verkaufen. Einzelne Mitglieder der Band wanderten aus oder
gingen andere Wege; die Gruppe bestand später unter wechselnden Namen
weiter.
Auf die Frage, wie sie sich eine syrische Metalmusikerin dieser Zeit
vorstellt, antwortet sie: „Ein Mädchen, das sich nicht in die vom
gesellschaftlichen Umfeld vorgegebenen Formen zwängen lässt, mutig ist,
sich nicht von negativen Vorstellungen über Metal abschrecken lässt und
nach kultureller und persönlicher Offenheit strebt.“
Diese Erinnerungen zeigen, dass Metal für viele syrische Jugendliche
weniger ein politisches Programm als zunächst eine Möglichkeit war, eine
eigene Welt zu entdecken – eine Welt, in der sie sich von ihrem Umfeld
unterschieden und dennoch Gleichgesinnte fanden.
Eine vergessene Kulturgeschichte
Während des Gesprächs mit Bashar Haroun musste ich an meine eigene
Verhaftung 2007 denken. Ich erinnerte mich daran, wie mein älterer Bruder
aus Angst vor weiteren Problemen alle Kassetten im Haus verbrannte – nicht
nur die Metaltapes. Ich erinnerte mich an die Angst, wenn ein Polizeiwagen
vorbeifuhr, und an einen Freund, der seine langen Haare abschnitt, um nicht
weiter aufzufallen.
Meine Recherche zeigte mir, dass unsere Geschichte kein Einzelfall war.
Musiker:innen und Hörer:innen in verschiedenen syrischen Städten
machten ähnliche Erfahrungen. Der Vorwurf des „Satanismus“ war Ausdruck
einer Mischung aus Angst vor dem Unbekannten, gesellschaftlichen
Vorurteilen und staatlicher Repression.
Gleichzeitig wurde diese Musikszene kaum dokumentiert. In syrischen Medien
erschien Metal häufig nur in vereinfachter Form – etwa als Musik, die den
Tod verherrliche, oder als Ausdruck „verlorener Jugendlicher“. Die Vielfalt
seiner Themen – von Politik und Gesellschaft über Philosophie und
Mythologie bis hin zu Fantasy – blieb weitgehend unbeachtet.
Inzwischen haben sich viele syrische Metal-Bands aufgelöst,
Musiker:innen sind ausgewandert und Aufnahmen verschwunden. Doch Haroun
glaubt nicht, dass die Geschichte von Metal in Syrien schon zu Ende ist.
Noch immer versuchen junge Menschen, mit einfachen Mitteln Konzerte zu
organisieren und das Musikgenre in Syrien lebendig zu halten.
Am Ende unseres Gesprächs sagte er lächelnd zu mir: „Du hast meine
Erinnerungen wieder geweckt und mich an schöne Dinge zurückgebracht.“ Diese
Recherche war nicht nur der Versuch zu verstehen, warum wir vor fast zwei
Jahrzehnten verhaftet wurden, sie war auch der Versuch, die Erinnerung an
eine Musikszene aufrechtzuerhalten, die über Jahrzehnte zwischen
Begeisterung und Missverständnis existierte – und deren Geschichte heute
beinahe verschwunden ist.
19 Aug 2026
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