# taz.de -- Das neue Syrien: Kommt das Alkoholverbot in Damaskus?
> Im März erklärte die Provinzverwaltung der Kapitale: Nach 3 Monaten solle
> der Ausschank von Alkohol verboten werden. Doch bislang hat sich nichts
> verändert.
(IMG) Bild: Damaskus: Seit dem 16. März 2026 ist der Verkauf und der Ausschank von Alkohol eingeschränkt
Drei Monate betrug die Frist der Provinzverwaltung von Damaskus, im Juni
nun soll der Ausschank von Alkohol in der syrischen Hauptstadt verboten
werden. Den Bars und Nachtclubs der Stadt ermöglicht dies einen letzten
Abschied. Noch strömen die Nachtschwärmer:innen in ihre Lieblingslokale
– im Bewusstsein, dass das Ende dieser Ära kurz bevorsteht.
Die Damaszener Verwaltung hatte [1][Mitte März 2026 eine Verordnung
erlassen], die den Verkauf von Alkohol auf lizenzierte Geschäfte in einigen
christlich geprägten Vierteln wie Bab Tuma, Bab Scharqi und al-Qassaa
beschränkt. Der Ausschank soll ganz verboten werden.
Selbst in den düstersten Jahren des Krieges hatte sich die Hauptstadt ein
Nachtleben bewahrt, das den Einwohner:innen das Gefühl gab, aufatmen zu
können. Die Bars sind weit mehr als bloße Verkaufsstellen für Alkohol oder
Orte flüchtiger Unterhaltung. Sie funktionieren als Zufluchtsorte, sich von
der Last des Alltags und dem gesellschaftlichen, wirtschaftlichen sowie
politischen Druck zumindest für kurze Zeit zu befreien.
## „Ist Alkohol in Damaskus wirklich das Problem?“
An einem Aprilabend sitzt der 27-jährige George Farah im Kreis seiner
Freunde in der Bar „Floyd“ in al-Qassaa und wiegt sich zu den Klängen der
Oud. Den Beschluss will der Programmierer aus Damaskus nicht direkt
kommentieren, er sagt aber gegenüber Qantara, dass er sich „voller Wehmut
von diesen Orten verabschiedet“, da er befürchtet, dass sich „die
fröhlichen Nächte hier nicht wiederholen werden“. Er fragt: „Warum wird
Alkohol verboten? Und wen schädigt er überhaupt? Ist Alkohol in Damaskus
wirklich das Problem?“
Der 46-jährige Muwaffaq Sanadiki aus Bab Scharqi macht seine Ablehnung der
Verordnung deutlich: „Es ist traurig und inakzeptabel. Der Beschluss ist
eine eklatante Verletzung der persönlichen Freiheit und eine
ungerechtfertigte Einschränkung. Und das nur, um sich das Wohlwollen einer
bestimmten Gruppe zu sichern.“ Er fordert, dass die Verwaltung den
Beschluss zurücknimmt.
Rula Rizkallah, Angestellte in einer Medienproduktionsfirma in Damaskus,
verweist auf die potenziell negativen Auswirkungen des Beschlusses auf den
Tourismus und den Dienstleistungssektor. Sie bezeichnet den Beschluss gar
als „Verbrechen“ an dem Image der Hauptstadt.
Doch nicht [2][alle Damaszener:innen] sehen in dem Beschluss eine
illegitime Einschränkung des öffentlichen Lebens. Der 32-jährige Buchhalter
Kinan al-Harsch ist der Ansicht, dass die vielen Bars nicht zur Identität
der Stadt passen. Historisch gesehen habe diese „nie auf einer Kultur der
Bars und des Nachtlebens basiert“. Diese Phänomene seien stets auf kleine
soziale Schichten beschränkt gewesen. Al-Harsch betont, die Behörden hätten
das Recht, die Stadt gemäß den Wünschen der sozialen und kulturellen
Mehrheit zu verwalten.
## Der konservative Diskurs ist stärker geworden
Der Beschluss hat unter Syrer:innen eine breite Debatte ausgelöst. Neben
der befürchteten Einschränkung der Freiheitsrechte geht es auch darum, dass
der Alkoholverkauf künftig auf christliche Viertel beschränkt werden soll.
Anwohner:innen fürchten, dass sich die Spaltung der Gesellschaft anhand
religiöser Zugehörigkeit zuspitzen könnte.
Einige Tage später hielten Anwohner:innen im Viertel Bab Tuma eine
[3][Kundgebung] ab. In Reaktion darauf entschuldigte sich die
Provinzverwaltung in einer [4][Erklärung] vom 21. März bei den
Einwohner:innen der Viertel Bab Tuma, al-Qassaa und Bab Scharqi für
das, was sie als „Missverständnis“ bezeichnete. Die Behörde stellte klar,
dass „der Beschluss rein organisatorisch ist und darauf abzielt, die
Sicherheit und die öffentliche Moral zu wahren, die Gewerbelizenzen zu
regulieren und das Chaos einzudämmen, ohne die persönlichen Freiheiten der
Bürger zu verletzen“.
Unter Bar- und Kneipenbesitzer:innen herrscht Skepsis. Die meisten
warten ab, obwohl die wirtschaftlichen Schäden des Beschlusses bald
Realität werden könnten. Es wirkt nicht so, als hätten sie bereits mit den
Vorbereitungen für eine Schließung begonnen.
Sumer al-Hazim, Besitzer einer Bar im Viertel Bab Scharqi, bestätigt, dass
sich bislang weder am Alkoholkonsum noch dem Andrang der Gäste etwas
geändert habe: „Wir als Besitzer von Bars und anderen Lokalitäten, die in
Damaskus Alkohol ausschenken, haben keinerlei direkte Aufklärung oder
Anweisungen von den zuständigen Behörden erhalten.“
Die neue Alkoholverordnung steht im Kontext weiterer umfassender
Veränderungen, die sich im [5][öffentlichen Raum] in vielen syrischen
Städten im vergangenen Jahr etabliert haben. Der konservative Diskurs ist
spürbar stärker geworden, zum Beispiel ist der Begriff der „öffentlichen
Moral“ zunehmend präsent. Sie wird zur Begründung herangezogen, um in die
Details des alltäglichen Lebens einzugreifen. Von Vorschriften betroffen
sind etwa Kleidung, Musik oder das Zusammenkommen der Geschlechter.
Dieser Text erschien bei [6][Qantara]. Die taz veröffentlicht eine gekürzte
Version.
29 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Neue-Alkoholregeln-in-Syrien/!6163816
(DIR) [2] /Zwischen-Syrien-und-Israel/!6170209
(DIR) [3] https://www.france24.com/en/live-news/20260322-syrians-protest-alcohol-sale-limits-curbs-on-personal-freedom
(DIR) [4] https://www.facebook.com/sana.gov/posts/%D8%A3%D8%B5%D8%AF%D8%B1%D8%AA-%D9%85%D8%AD%D8%A7%D9%81%D8%B8%D8%A9%D9%8F-%D8%AF%D9%85%D8%B4%D9%82-%D8%AA%D9%88%D8%B6%D9%8A%D8%AD%D8%A7%D9%8B-%D8%A7%D9%84%D9%8A%D9%88%D9%85-%D8%A7%D9%84%D8%B3%D8%A8%D8%AA-%D8%AD%D9%88%D9%84-%D8%A7%D9%84%D9%82%D8%B1%D8%A7%D8%B1-%D8%B1%D9%82%D9%85-311-%D9%85%D8%AA-%D8%A7%D9%84%D9%85%D8%AA%D8%B9%D9%84%D9%82-%D8%A8%D8%AA%D9%86%D8%B8%D9%8A%D9%85-%D9%85%D9%87%D9%86%D8%A9/937290812367680/
(DIR) [5] /Kurdische-Diaspora-und-Syrien/!6150691
(DIR) [6] https://qantara.de/artikel/alkoholverbot-syrien-abu-george-feiert-damaskus-bald-nuechtern
## AUTOREN
(DIR) Scham Al-Sabsabi
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