# taz.de -- 150 Jahre Bayreuther Festspiele: Eine rehabilitierte Monsteroper und ein gefloppter KI-Ring
       
       > Die Bayreuther Festspiele feiern ihr 150. Jubiläum mit der erstmals dort
       > erklingenden Oper „Rienzi“ und einem grandios gescheiterten Experiment.
       
 (IMG) Bild: „Siegfried“ bei den Bayreuther Festspielen
       
       Die [1][ersten Tage der Bayreuther Festspiele] waren hochpolitisch. Schon
       mit der ersten Rede des Eröffnungsabends hatte Katharina Wagner
       eindringlich bekannt, die Aufarbeitung der Verstrickung der Festspiele mit
       dem NS-Regime sehr ernst zu nehmen. Auch [2][Michel Friedmans] fulminante
       Rede am Folgetag setzte Zeichen der Veränderung, des Aufbruchs bei
       wachsendem Problembewusstsein.
       
       In dieser gelösten Stimmung ging es dann zur Premiere von „Rienzi“, Wagners
       dritter Oper, die noch nie zuvor in Bayreuth erklungen ist, denn der
       Komponist selbst hatte seine „große tragische Oper“ später als
       „Jugendsünde“ abgetan. Ungekürzt ist „Rienzi“ das längste Werk, das Wagner
       überhaupt jemals komponiert hat.
       
       Angeblich soll sie Hitlers Lieblingsoper gewesen sein. Das fünfaktige
       Riesenwerk handelt vom Aufstieg und Fall des italienischen Volkstribunen
       Cola di Rienzo, als Vorbild diente Wagner damals die französische Grand
       opéra mit ihren großen Tableaus und Theatereffekten. In Bayreuth wird nun
       glücklicherweise eine Strichfassung präsentiert.
       
       Einzig die Ouvertüre ist im kollektiven Musikgedächtnis verankert, ein
       feierlich schreitender Satz, der bereits die besten Melodieeingaben der
       Oper bietet – aber eben auch regelmäßig zur Eröffnung der Reichsparteitage
       gespielt wurde. Dieses musikalische Sahnestückchen des Abends nutzt das
       Regieduo Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka, um eine Vorgeschichte
       zu erzählen, die zwar so nicht im Buche steht, aber bei Wagner nahe liegt,
       nämlich die inzestuöse Beziehung zwischen Rienzi und seiner Schwester
       Irene, als Vorgriff auf das spätere Geschwisterpaar Siegmund und Sieglinde
       in der „Walküre“. Ein kleiner Junge, vermutlich des Paares, leidet offenbar
       an einer Lungenerkrankung und stirbt.
       
       ## Zwischendurch lustig und selbstironisch
       
       Daraus resultiert ein Lebenstrauma der Geschwister, auf das wiederholt
       angespielt wird. Zwischendurch wird es aber auch richtig lustig und
       selbstironisch, wenn in der langen Instrumentalstrecke ein kleiner goldener
       Hörl-Wagner radschlagend die Bühne entert, und auf einer Kopie der
       Bayreuther Bühne Wagners Opern im Schnelldurchlauf angedeutet werden. Da
       kommen dann Rauschebärte und Flügelhelme zum Einsatz und eine Senta huscht
       mit leerem Bilderrahmen umher und sucht vergeblich den passenden
       „Holländer“-Kopf für den Rahmen.
       
       Überwiegend aber spielt das Geschehen in einer dystopischen, grauen, nur
       von kalt leuchtenden Bildschirmen und Telefondisplays erhellten Welt, in
       der das Volk in tristen Betonkuben Fake News verfolgt. Der römische
       Volkstribun, der gegen den Adel kämpft, Opfer seiner Hybris wird und im
       brennenden Kapitol stirbt, ist also ein heutiger Politiker, der die Wahl
       mit 41 Prozent zu gewinnen scheint, davon künden jedenfalls Hochrechnungen
       und Nachrichtensendungen und das TV-Format „Live from the Capitol“.
       
       Szemerédy/Parditka inszenieren ansonsten am Text entlang, immer
       unterhaltsam, fantasievoll, mit fulminanten Bildern und aufwändigen
       Verwandlungen, Nathalie Stutzmann im Graben nimmt die wuchtige Partitur
       französisch leicht und macht so die Passagen musikalischer Meterware
       erträglicher, wobei immer wieder auch der reife Wagner bereits aufblitzt.
       Die mörderisch schweren Solopartien sind festspielwürdig besetzt. Am Ende
       große, fußtrampelnde Begeisterung für eine beherzte Annäherung an ein
       problematisches Werk.
       
       Nach diesem spektakulären Auftakt war die Spannung groß auf den neuen
       „Ring“, Wagners XXL-Kapitalismus- und Machtkritik, sein politischstes Werk.
       Doch es kam ganz anders, denn es wurde leider völlig unpolitisch, ein
       intellektuell zahnloser Bilderreigen, der in seinen schlimmsten Momenten an
       einen wildgewordenen Bildschirmschoner erinnerte. Denn bei diesem „Ring“
       führt eine KI Regie, eigentlich eine Sparmaßnahme, weil das Geld für einen
       richtigen neuen „Ring“ fehlte.
       
       ## Kitschtriefender Bilder- und Bedeutungssalat
       
       Als zukunftsweisend war das Projekt angekündigt, aber bereits bei
       „Rheingold“ stellte sich herbste Ernüchterung ein. Zu erleben war ein
       chaotischer, oft kitschtriefender Bilder- und Bedeutungssalat, der das Auge
       beleidigte und das Hirn ermüdete. Die Sänger, verbannt in einen schmalen
       Kanal zwischen Rückprojektionswand und Gazevorhang, standen wie die
       Ölgötzen bewegungslos herum in steifen Feder- und Folienkostümen und
       lieferten ab. Das Ergebnis war schon nach „Rheingold“ ein Buh-Gewitter.
       
       Vor der „Walküre“ hörte man aus gut informierten Kreisen, die Bilderauswahl
       würde nun sinnfälliger, passender, tatsächlich hagelte es weiter
       beziehungslose Motive und verzerrte Gesichter. Nach einem „Ring“-freien Tag
       war bei „Siegfried“ dann endlich ein leicht gedrosseltes Tempo spürbar,
       auch das hinter der Gaze eingesperrten Sängerpersonal fing nun einfach an
       zu spielen, was wie eine Erlösung wirkte.
       
       Vor der „Götterdämmerung“ soll das Programmierteam bis morgens um vier Uhr
       umprogrammiert haben, tatsächlich standen Bilder jetzt minutenlang, die
       Fehlgriffe der KI, die sich im Zeitstrahl nun bis ins letzte halbe
       Jahrhundert vorgearbeitet hatte, präsentierten aber erneut Albernheiten wie
       die Sonderbriefmarke zur deutschen Wiedervereinigung, oder Helmut Kohl und
       Ronald Reagan. Aber auch immer wieder verschwommene Fotos des
       Schlussgesangs der Brünnhilde aus Patrice Chéreaus legendärem
       „Jahrhundertring“. Bilder, die noch immer die Kraft dieser Inszenierung und
       ihrer ästhetischen Reichweite atmen.
       
       Aber dem heutigen „Ring“ konnten sie nicht mehr aufhelfen, er war einfach
       nicht mehr zu retten. Weil das Konzept die Sänger höhnisch auf die
       Tonproduktion reduziert, weil die KI mit Blödsinn gefüttert wurde und nicht
       weiß, wie Theater funktioniert. Aber Schwamm drüber, dieser „Ring“ wird
       nicht wiederholt und verschwindet vom Spielplan.
       
       ## Wagner-Fans wollen es analog
       
       Bemerkenswert aber war, wie sich die Musik, die selbst mit Christian
       Thielemann am Pult zunächst etwas pauschal und statisch klang, mehr und
       mehr freischwamm, wie Thielemann im „Siegfried“ das Orchester zu
       impressionistischen Farbspielen ermunterte, wie fein er dosierte und wie
       die Musik anfing zu sprechen, plastisch zu werden. Parallel dazu befreiten
       sich auch die Sänger aus dem Stehknast. In der „Götterdämmerung“ gab es
       dann – erleichtert durch das gedrosselte Bilderprasseln – einige reine
       Glücksmomente wie Siegfrieds Trauermarsch, bei dem sich der Vorhang
       schloss. Das hier gehört mir, wollte Thielemann damit wohl sagen. Am
       Schluss großer Jubel und ein einhelliger, unwidersprochener Buh-Orkan für
       das KI-Team, das ausgesprochen kleinlaut wirkte.
       
       Dazu passt, dass der „Parsifal“ von 2023, der mit Augmented Reality und
       Datenbrillen konzipiert war, nun stillschweigend abgerüstet wurde. In
       diesem Jahr gibt’s keine Datenbrillen mehr, denn die waren erstens zu
       teuer, zweitens verkauften sie sich schlecht und drittens war das
       ästhetische Ergebnis mehr als dürftig. Die Wagner-Fans wollen es halt
       analog. Bitte merken!
       
       Ansonsten gibt es sängerische Marathonleistungen zu vermelden. Klaus
       Florian Vogt, an dessen hellem Tenor sich die Geister scheiden, bringt in
       diesem Jahr das Kunststück fertig, im „Ring“ nicht nur den Feuergott Loge
       im „Rheingold“, sondern auch Siegmund in der „Walküre“ und beide Siegfrieds
       im Rest der Tetralogie zu verkörpern, und das meist grandios und immer
       mühelos. Das dürfte ihm derzeit niemand nachmachen. Der zweite
       Marathon-Mann der Festspiele ist der großartige Michael Volle, der Wotan
       und Wanderer im „Ring“ ist und nebenher noch im „Parsifal“ den Amfortas
       gibt, spürbar erleichtert, ohne Gaze und Kostümkorsett spielen zu dürfen.
       
       3 Aug 2026
       
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