# taz.de -- Debütroman von Şeyda Kurt: Schleichende Versumpfung in sieben Tagen
       
       > Fiebertraum statt Revolution: Vor dem Hintergrund der Apokalypse macht
       > sich Şeyda Kurt in ihrem ersten Roman an die Abschaffung bürgerlicher
       > Normen.
       
 (IMG) Bild: Debütiert auf literarischem Gebiet: Şeyda Kurt
       
       Der Unterhaltungswert von Apokalypsen bemisst sich nie an ihrem Ende. Eher
       setzt er sich zusammen aus dem, was man auf dem Weg dorthin erfährt, aus
       den Eskalationsstufen, den eiligen Vorbereitungen, den
       Verteidigungsstrategien. Sie verleihen einer Geschichte Spannung, deren
       Ende ausgemacht scheint. Nach der Logik hat auch Şeyda Kurt ihre Geschichte
       angeordnet. In ihrem Roman „Zeit der Monster“ bringt sie ihre Figuren in
       Stellung zum Kampf um ihr Stadtviertel – und nimmt dabei Bezug auf
       [1][Antonio Gramscis] berühmte Krisenformel „Die alte Welt liegt im
       Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster.“
       
       Doch bei Kurt kommt die Apokalypse nicht mit einem großen Knall. Sie ist
       eine schleichende Versumpfung in sieben Tagen: Das Viertel überflutet, und
       die Figuren verfallen einer rätselhaften Krankheit, die sie mit hohem
       Fieber aus dem Leben und damit aus der Handlung schießt. Gegen diesen
       Untergang hilft selbst die bewaffnete Kommunist:innen-Brigade im Viertel
       nichts, dabei wüsste man gern, wie so eine „Game of Thrones“ -Schlacht
       eigentlich sozialkritisch, links und „radikal zärtlich“ aussähe.
       
       „Zeit der Monster“ ist das literarische Debüt von Şeyda Kurt. Bekannt
       geworden ist die 34-Jährige durch ihre Sachbücher „Radikale Zärtlichkeit.
       Warum Liebe politisch ist“ (2021) und [2][„Hass. Von der Macht eines
       widerständigen Gefühls“ (2023).] Der nun erschienene Roman entstammt Kurts
       intensiver Auseinandersetzung mit bürgerlichen Normen und deren
       Abschaffung.
       
       So gelingt es ihr, Figuren wie die mafiös anmutende
       Fitnessstudiobetreiberin und Kiezchefin Mira zu zeichnen, ohne sie darauf
       zu reduzieren, dass sie auf den Rollstuhl angewiesen ist. Oder es als eine
       Beiläufigkeit zu beschreiben, wie der Bürgermeister, der in anderen
       Geschichten ein klassischer Säufertyp wäre und auch hier nicht ganz ohne
       Plattheit auskommt, einen Geliebten hat, den er täglich mit Linsensuppe
       versorgt. Das Buch erzählt in einer Selbstverständlichkeit von Menschen,
       die in den meisten Geschichten gar nicht erst vorkommen. Und es erzählt von
       Orten, die übersehen oder lieber gleich vergessen werden.
       
       ## Mitten drin die Chemiefabrik
       
       Das Viertel, in dem „Zeit der Monster“ spielt, hat starke Ähnlichkeit mit
       dem Kölner Stadtteil Kalk. Mittendrin liegt eine stillgelegte Chemiefabrik,
       die Ende des 19. Jahrhunderts für Industrialisierung und Wohlstand sorgte.
       Der Aufschwung gipfelte im Verkauf der Chemieprodukte zu Rüstungszwecken,
       zum Beispiel dem Einsatz von lokal produziertem Giftgas im Mord an den
       Kurd:innen. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts wurde die Fabrik gegen den
       Widerstand der Arbeiter:innen geschlossen, die damit ihre Lebensgrundlage
       und oft auch den Grund ihrer Migration in das Viertel, die Stadt, auf den
       Kontinent verloren.
       
       Kurts Roman erzählt vom Widerstand gegen die Missstände eines vergessenen
       Milieus. Da sind zum einen mystisch anmutende Szenen im alten
       Fabrikgebäude, in dem die streikenden Arbeitnehmer:innen seit Jahrzehnten
       in ihren grauen Overalls beim Plenum zusammensitzen, als hätte der
       Fabrikschluss die Zeit eingefroren.
       
       Da ist Mira, die alle Probleme des Viertels im Nachbarschaftsrat zu
       besprechen versucht und sich schließlich aus Frust eine Prophezeiung über
       den nahenden Weltuntergang ausdenkt, um ihre Leute anzuheizen. Oder der
       Pfarrer Angelo, der, wenn auch äußerst missmutig, Menschen aufnimmt, die
       aus Angst angesichts der Prophezeiung Unterschlupf in seiner Kirche finden.
       Die Menschen haben dabei ganz alltägliche Sorgen, so ärgert sich etwa der
       Pfarrer, der schon wieder das Klopapier zu kaufen vergisst: „Er kam einfach
       nicht hinterher. Die Leute in seiner Kirche schissen seit Tagen
       unaufhörlich. Und das in Gottes Haus. Che vergogna!“
       
       Wirklich nah kommt man den Figuren allerdings selten, so bleiben auch ihre
       kleinen Eigenheiten eher Slapstick, wenn etwa Mira über ihre
       Fitnessstudiokundschaft sagt: „Auch Faschos zahlen Abos.“
       
       ## Wuchernder Text
       
       Der Text ist trotz der tageweise erzählten Kapitel formal unübersichtlich,
       sumpfartig wuchert er in alle Richtungen. Handlungsstränge werden
       aufgenommen und wieder fallengelassen, Hauptfiguren treten in den
       Hintergrund und ständig wechselt die Erzählperspektive. Neben den
       Figurenperspektiven gibt es auch eine Erzählstimme in zwischengeschobenen
       „Bestandsaufnahmen zu Mitternacht“, die der Handlung durch Bezüge zum
       Assyrischen Reich und einem mesopotamischen Mythos eine gewollte Tiefe
       verleiht.
       
       Der Mythos lohnt dabei einen näheren Blick, weil er etwas über die
       Erzählweise dieses Romans verrät. Er handelt von sogenannten
       Schicksalstafeln, die das Wissen über den gesamten Menschheitsverlauf
       bergen, der bereits festgelegt ist und den die Menschen nur wenig
       beeinflussen können. Kurt verhandelt hier nicht weniger als die Frage nach
       dem historischen Determinismus: Wenn das Ende – eine befreite Welt – schon
       ausgemacht ist, müssen die Menschen dann nur ausharren, bis das Leid so
       groß wird, dass es zur Revolution kommt? Wird es diese historische
       Notwendigkeit im Moment der Krise geben? Oder wird man von der
       schleichenden Verschlechterung aller Dinge eingelullt sein?
       
       Kurt vermeidet weitgehend den Revolutionskitsch, ihr ganzes Buch ist ein
       Eingeständnis, dass dem Untergang nicht mit großem Widerstand, sondern
       allenfalls mit Plänen für ein Danach begegnet wird. Lediglich in der
       Erzählstimme liegt ein Raunen über eine bessere Welt, die den Untergang der
       alten Welt schicksalshaft erfordere.
       
       Die mythische Monstrosität darin hätte das Buch nicht nötig, denn so
       überliest man beinahe, dass es reale Feinde wie die in der Erzählung
       angedeuteten „grauen Wölfe“ gibt, gegen die sich die Figuren durchaus
       wehren könnten. Sie legen Brände und blockieren die Abwasserkanäle, kurz:
       Sie laden zum Showdown. Währenddessen verfallen die Handelnden wie die
       Lesenden einem Fiebertraum, der sie immer tiefer in den Sumpf hineintreibt.
       
       24 Jul 2026
       
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