# taz.de -- Hippies, Punks und Druiden: Unser Weg zur Sonne
> Ulrich und Klaus reisen nach 37 Jahren zur legendären Sommersonnenwende
> nach Stonehenge in Südengland. Beim letzten Mal wurden sie von der
> Polizei verhaftet.
(IMG) Bild: Das war wohl nix. Zum begehrten Steinkreis haben es unser Autor (l) und seine beiden Freund*innen Malcolm (M) und Alex in der Nacht der Nächte nicht geschafft
Leicht entnervt sage ich: „Ja, was denn nun, Klaus?“, und blicke zum
Beifahrer zu meiner Linken. Früher, als wir in den Achtzigern zusammen
unterwegs waren, saß Klaus auch oft links neben mir. Damals war er am
Steuer, heute ich, obwohl wir genauso sitzen wie früher. Nur dieses Mal in
einem englischen Mietwagen, und das ist für jemanden wie mich, der es nicht
gewohnt ist, nervenzehrend und motorisch herausfordernd. Ich muss mit der
Linken schalten. Noch stressiger ist es, wenn der Beifahrer und das Telefon
ständig widersprüchliche Anweisungen geben. „Wie, warum denn jetzt
umdrehen, Klaus?“ Ich halte an, wir müssen das klären.
Es ist Freitagvormittag, der 19. Juni 2026. Am Mittwochabend sind wir im
Süden von England angekommen. Dass Klaus und ich zusammen hier sind,
versetzt mich in heitere Aufgeregtheit. Endlich haben wir es geschafft,
diese Reise in die Vergangenheit anzugehen. Ich kann Klaus ansehen, dass
auch er ein bisschen aufgeregt ist. Wir sind wirklich nach England
geflogen! Es hat ein paar Jahre gedauert, unseren Plan zu verwirklichen,
okay. Aber jetzt sind wir hier, um einen Kreis zu schließen. Vor 37 Jahren
waren wir schon einmal hier. Wir wollten die Sommersonnenwende [1][in
Stonehenge] erleben, stattdessen wurden wir verhaftet. England ist uns
etwas schuldig.
Ich kenne Klaus, seit ich 14 war. Wir waren beide Ministranten bei den
Dillinger Franziskanerinnen. Wir hatten uns in roten Röcken kennengelernt
und abwechselnd das Weihrauchfass geschwungen. Dann aber fanden wir andere
Substanzen spannender und tauchten in die Jugendkultur ein. Ich entfärbte
meine Jeans mit Domestos, was sie schneller zerlöchern ließ, schmierte mir
Seife in die Haare, damit sie gut abstanden, und wurde Punk, der einzige in
meiner bayerischen Kleinstadt.
Klaus war Cure-Fan, und bald sah er aus wie der jüngere Bruder von
Cure-Sänger Robert Smith. Hochtoupiertes schwarzes Haar, für die Party
manchmal Lippenstift. Leute wie er wurden mit leisem Spott Gruftis genannt.
Die Mädchen liebten Klaus, der trotz seines düsteren Aussehens eine
Frohnatur war. Mir wiederum eilte ein Ruf als „Denker“ voraus. Ich war aber
vor allem langsam und nach dem Sport immer der Letzte, der sich die Schuhe
zuband.
Als Teenager waren Klaus und ich oft gemeinsam unterwegs. Wir tranken Bier,
rauchten Joints und öffneten die Pforten der Wahrnehmung. Wir studierten
den Rausch, aber wir wussten, anders als andere Freunde, meistens
maßzuhalten. Wir fuhren zu Festivals, am liebsten zu solchen, die
anarchistisch und selbst organisiert waren, an Pfingsten regelmäßig zum
Allmend-Fest in Zürich.
Woher wir wussten, wohin wir fahren mussten?
Aus Punk-Fanzines, meist aber durch Mundpropaganda. Ich war überzeugt, dass
das auch der Grund für unseren Stonehenge-Trip war. Klaus aber korrigiert
mich: „Über die Randale zwischen den Travellers und der Polizei in
Stonehenge habe ich 1988 in der Tempo gelesen und gedacht: Da muss ich
hin.“ Für die Jüngeren unter den Lesenden: Tempo war in den Achtzigern ein
cooles deutsches Magazin und die Travellers Leute, die ohne festen Wohnsitz
in umgebauten Bussen und Transportern umherfuhren.
Nun also machen Klaus und ich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder einen
Roadtrip. Damals waren wir mit der Ente von Klaus gut 1.000 Kilometer
gefahren. Klaus, Alex, Sabine und ich. Von Bayern nach Calais, von dort aus
mit der Fähre nach Dover und schließlich nach Wiltshire. Unser Ziel war das
Stonehenge Free Festival, von dem wir zu jener Zeit nicht viel mehr
wussten, als dass es jedes Jahr am längsten Tag des Jahres, zur
Sommersonnenwende, stattfand. Und das an einem spektakulären Ort:
[2][Stonehenge, jenen magischen Steinen, 2.700 Jahre vor Christus erbaut.]
## Spirituell waren wir nicht, aber …
Es gibt da diese Theorie. Laut dem englischen Antiquar Alfred Watkins ist
England von „ley lines“ durchzogen, einem unsichtbaren Netz, das antike
Stätten, Kirchen und ähnliche Wahrzeichen in direkter Linie verbindet.
Später behaupteten Esoteriker, durch diese Linien fließe eine Art
Erdenergie, und in Stonehenge träfen 14 dieser Linien zusammen. Stonehenge
gilt manchen daher als energetischer Hotspot.
Bis auf unsere kurze Episode als Ministranten in der katholischen Kirche
waren Klaus und ich nicht gerade das, was man „spirituell“ zu nennen
pflegt, an Energien glaubten wir aber durchaus. An Energien, die entstehen,
wenn Leute gemeinsam etwas machen. Als Klaus mir von der Tempo-Story
erzählt, der wir unseren Trip verdankten, suche ich in meinen Archivkisten
nach der alten Ausgabe und finde sie nicht. Klaus wird beim Googeln fündig.
Immerhin, das Inhaltsverzeichnis steht im Netz. Tempo kündigte seine
Stonehenge-Story 1988 so an: „Befreit die Steine: Hippies. Punks.
Buddhisten. Jesus-Freaks. Jedes Jahr zur Sommersonnenwende ziehen sie nach
Stonehenge. Dort erwartet sie das Kelten-Heiligtum. Und die Bullen.“
Die Travellers haben eine lange Geschichte in Irland und Großbritannien.
Sie setzten sich traditionell aus verschiedenen Minderheiten zusammen. Die
neuen Travellers, manchmal auch als New-Age-Travellers bezeichnet, waren
meist Crusties, eine Mischung aus Hippies und Punks. Als wir im Sommer ’89
in der Umgebung von Stonehenge ankamen, schlossen wir uns einem ihrer
Konvois an. Wir brauchten einen Platz zum Campieren. Wir fuhren dem Konvoi
hinterher, hielten und drehten um, wenn es wegen einer Polizeisperre nicht
weiterging.
Mit den Travellers verstanden wir uns damals sofort. Wir sahen so aus wie
sie, und wir mochten ihre anarchistische Mission: die Commons, also jene
Wege und Plätze, die nicht in Privatbesitz sind, als Orte der Freiheit zu
bewahren. 37 Jahre später fahren Klaus und ich in den Ausläufern der
Kleinstadt Amesbury herum und wollen den Platz finden, auf dem wir einst
campiert hatten. Wir fahren und fahren, aber die meisten Feldwege, die uns
Google Maps anzeigt, sind Privatwege und mit Gattern versperrt. Selbst die
Felder sind abgezäunt. Unser altes Basislager finden wird nicht.
Die Zeit der großen Auseinandersetzung um Stonehenge ist vorbei. In der
Nacht vom 20. auf den 21. Juni 2026 wird English Heritage, die Stiftung,
die für die archäologischen Stätten im Land verantwortlich ist, ganz
offiziell ein Festival im Kreis der Steine ausrichten. 15.000 bis 50.000
Menschen werden erwartet, der Eintritt ist frei. Wo früher Crusties darum
kämpften, zur Sonnenwende zu den Steinen zu dürfen, wird heute ein Fest für
die ganze Familie veranstaltet. Ein Parkplatz für einen Pkw kostet 25
Pfund, für einen Camper oder Wohnwagen 35 Pfund. Das wollen wir natürlich
sehen, auch wenn wir ahnen, dass es wenig aufregend sein wird. Wichtiger
ist uns ohnehin, die Orte wiederzufinden, mit denen uns eine Erfahrung
verbindet.
Denn irgendwann waren wir nachts losgegangen Richtung Stonehenge. Unser
neuer englischer Freund Malcolm führte uns. Wir stiegen über Zäune,
wanderten über Wiesen. Kaum waren wir auf freiem Feld, kamen die
Helikopter. Sie flogen sehr tief, wir sprinteten los. Wir hatten in
Vorbereitung auf unsere Begegnung mit den Steinen zwar nur eine moderate
Dosis LSD genommen, aber von Helikoptern gejagt zu werden, war nicht gerade
das, was wir jetzt brauchten. Wir ruhten kurz aus im Feld, geduckt, in der
Hoffnung, nicht gesehen zu werden, da war der Helikopter wieder da. Fuck!
Wir rannten weiter, über uns der Lärm der Rotoren. Auf der anderen Seite
des Highways entdeckten wir eine Baumgruppe, dort versteckten wir uns unter
einem. Wir fühlten uns wie Kinder, die Versteck spielten, Klaus, Sabine,
Alex, Malcolm und ich, und vielleicht dachten wir auch so wie Kinder: Wenn
wir niemanden sehen, kann uns auch niemand sehen. Es war schön, auf der
Erde zu liegen, während der Baum über uns wachte. Nur hin und wieder
schlief ein Bein ein, dann positionierte ich mich vorsichtig neu. Es
herrschte die stillschweigende Übereinkunft, dass wir ruhig sein mussten.
Als Klaus und ich unseren Baum wiederfinden, schauen wir uns an und müssen
lachen. Es fühlt sich verrückt an, dass wir beide wieder zusammen hier
sind. „Ja, das ist unser Baum“, sagt Klaus, „das muss er sein!“ Es ist nur
noch ein Stumpf von ihm übrig. Klaus erinnert sich: „Hier haben wir den
Highway überquert. Wir kamen vom Feld gegenüber. Dann sind wir ins Grüne
geschlichen, hier an dieser Ecke. Das ist er.“ Wir sagen dem Rest des Baums
Hallo und sind traurig, dass er keine Krone mehr hat. Andererseits bestärkt
mich das auch: Der Baum ist tot, wir sind noch da.
„Als wir in der Morgendämmerung herausgekrochen sind, haben wir Stonehenge
gesehen – und verstanden, wie nah wir schon dran waren“, erinnert sich
Klaus. „Einmal den Hügel runter und wieder hoch, dann wären wir da
gewesen!“ Ich kann ihm die Enttäuschung noch heute anhören. Einen Tag
später empfängt uns die hügelige Landschaft mit strahlender Sonne und ihrem
weiten Himmel, als hätte sie auf uns gewartet. Wir sausen mit offenen
Fenstern über die schmalen Landstraßen zum Hauptquartier der Polizei von
Wiltshire. Eine gute halbe Stunde später streiten Klaus und ich darüber, wo
wir hinmüssen. Wer hat recht, das Navi und ich oder Klaus?
Wir befinden uns in einer Vorstadt von Salisbury. Klaus beharrt darauf,
dass uns die Polizei damals, nach unserer Verhaftung, nach Salisbury
transportiert hat. Das Telefon und ich sind der Meinung, dass sich das
Hauptquartier der Wiltshire Police in der Stadt Devizes befindet, rund 30
Kilometer entfernt.
Denn obwohl wir damals erst aus unserem Versteck gekrochen kamen, als der
Sonnenaufgang längst vorüber war, wurden wir doch noch verhaftet. Wieder
auf der Straße, hatten wir uns der Gruppe angeschlossen, die sich langsam
von Stonehenge wegbewegte. Sie alle hatten nachts die Steine zu erreichen
versucht und befanden sich nun zurück auf dem Weg zum Travellercamp. Da
kamen von hinten zwei Mannschaftswagen der Polizei angerast. Ein
Überraschungsangriff. Wir rannten los, wurden aber schnell umzingelt.
„Als wir eingekesselt auf dem Highway standen, hat sich das angefühlt wie
in einem Monty-Python-Film“, erinnert sich Klaus. Und es blieb auch so.
Denn kurz darauf wurden wir in zwei von der Polizei gecharterten
Reisebussen zum Parkplatz von Stonehenge gefahren und dort mit einer Nummer
vor der Brust fotografiert. Das hatte uns besonders erbittert. Die halbe
Nacht hatten wir versucht, dort hinzukommen, nun karrte uns die Polizei wie
zum Hohn selbst hin.
## Herr Officer, wir hätten da eine Frage
37 Jahre später wollen Klaus und ich die Polizei zur Rede stellen. Im
Neubau der Stadtverwaltung neben dem Salisbury Arts Center belegt sie zwei
Schreibtische hinter Glas. Links sitzt ein Polizist um die 60. „Hello!“,
sage ich. „Wir sind Ulrich und Klaus. Wir kommen aus Deutschland. 1989
waren wir schon mal in Wiltshire. Wir wollten zum Stonehenge Free Festival.
Aber es gab keines, weil die Regierung eine Viermeilenzone um die Steine
ausgerufen hatte, die man 24 Stunden lang nicht betreten durfte …“ Der
Polizist schaut leicht amüsiert.
Das Detail mit den psychedelischen Substanzen lasse ich aus. Ich habe mich
mit Klaus beim Frühstück über die hiesige Mentalität unterhalten, wir waren
uns einig: Der Engländer liebt zwar den Exzentriker, aber er mag Leute
nicht, die Regeln brechen. Deutschen Hysterikern, die sich und die Welt
infrage stellen, antwortet er: „Keep calm and carry on.“ Das ist einerseits
bewundernswert, andererseits auch ein bisschen autoritär.
„Dann aber kamen die Helikopter“, fahre ich fort, „deswegen haben wir uns
unter einem Baum versteckt.“ Während ich erzähle, wird das Lächeln des
Polizisten immer breiter. „Jetzt würden wir uns gern unsere Polizeiwache
anschauen. Ist die hier in Salisbury oder in Devizes?“
Der Officer, den ich hier gerade zutexte, heißt Daryn Pearce. Er ist
pensioniert, verdient sich hier im Ruhestand aber etwas dazu. Im Februar
1989 sei er aus London zur Wiltshire Police versetzt worden, erzählt er,
und in ebenjenem Jahr zum ersten Mal in Stonehenge eingesetzt gewesen. Wir
können es kaum fassen: „Ernsthaft? Sie waren 1989 in Stonehenge?“
Meine zwei Wochen zuvor gestellte Anfrage an die Wiltshire Police, ob sie
unsere Akte noch haben und uns einen Beamten vermitteln könnten, der 1989
im Einsatz war, wurde schnell beantwortet: Nein, die Akte sei nicht mehr
auffindbar. Kontakt zu Beamten werde man gern herzustellen versuchen, aber
das würde eine Weile dauern. Das hatte mich geärgert. Wie immer alles auf
die letzte Minute, hättest ihnen ja mal früher schreiben können. Dann aber
dachte ich, dass wir vor 37 Jahren auch nicht besonders gut vorbereitet
waren. „Going with the flow“ war das Motto, und so würden wir das jetzt
auch machen.
Polizist Daryn zieht sein Smartphone aus der Tasche und zeigt uns ein Foto
von damals, das er auf seinem Handy gespeichert hat: sieben lächelnde,
übermüdete Polizisten mit Helm und Schild im Morgenlicht. Hinter ihnen die
Steine, auf denen einige Crusties herumlungern. „Wir konnten sie nicht
herunterholen“, sagt er, „das wäre zu gefährlich gewesen. Also haben wir
gewartet, bis sie von selbst runterkamen.“ Er selbst habe zwar eine
Ausbildung zur Krawallbekämpfung erhalten, in Stonehenge hätten sie die
meiste Zeit aber nur herumgesessen. Später, in den Neunzigern, seien sie,
zwei-, dreimal, nur, wenn es nötig wurde, in ihrer Ausrüstung in den
Steinkreis getreten. Das habe schon gereicht, um die Leute zur Ordnung zu
rufen.
Daryn erklärt uns, die Polizei von Wiltshire habe damals nur einen
Hubschrauber gehabt. Aber in der Nähe befinde sich eine Basis der
britischen Armee. Die sei in jenen Nächten gern mit ihren Helikoptern übers
Feld geflogen, um zu schauen, was los ist. Vielleicht hatten sie aber auch
Lust, Leute übers Feld zu jagen, denke ich.
Die Kollegen von Daryn hatten uns zwar fieserweise gefangen, obwohl es
keinen Grund mehr dafür gab, ansonsten hatten sie sich ausgesprochen
zivilisiert und fürsorglich gezeigt. Rückblickend sieht es so aus, als
hätten wir Glück gehabt. Vier Jahre zuvor, 1985, hatten sich ganz andere
Szenen abgespielt.
## Zuvor kam es zu Polizeigewalt
Bereits 1985 wurde anlässlich der Summer solstice, übersetzt
Sommersonnenwende, eine Sperrzone von vier Meilen um die Steine ausgerufen,
was im „Battle of the Beanfield“ zwischen den Travellers und der Polizei
gipfelte. Konvois von Travellers waren am 1. Juni 1985 eingetroffen. Über
tausend Polizisten warteten auf sie. Polizisten schlugen die Scheiben von
Fahrzeugen ein, zogen die Insassen heraus. Ihr Schläge trafen selbst Mütter
mit Babys auf dem Arm. Menschen rannten blutüberströmt umher.
Ein Jahr zuvor waren 6.000 Polizisten im Dorf Orgreave in South Yorkshire
ebenso brutal gegen 5.000 Bergarbeiter vorgegangen. Es war eine Zeit
heftiger Auseinandersetzungen. Je stärker ihre Politik der Privatisierung
britischer Industrie kritisiert wurde, desto weniger ließ sich
Premierministerin [3][Maggie Thatcher] von ihrem Umfeld beraten. Die
Eiserne Lady war begeisterte Leserin der Schriften Ludwig Erhards, dem der
Wohlfahrtsstaat als Ort galt, an dem „jeder die Hand in der Tasche des
anderen“ habe. Das sah Thatcher auch so. Sie glaubte, so etwas wie
Gesellschaft gäbe es nicht. Sie glaubte an den Markt.
Thatcher erklärte die Bergleute und die Travellers zu Staatsfeinden. Mehr
als 530 Menschen wurden 1985 bei Stonehenge verhaftet, die größte Zahl an
Verhaftungen bei einem Einzelereignis in Großbritannien seit Ende des
Zweiten Weltkriegs, wie manche Quellen behaupten. Knapp zwei Dutzend Kläger
gewannen sechs Jahre später einen Prozess gegen die Polizei von Wiltshire
wegen unrechtmäßiger Verhaftungen und illegaler und exzessiver Ausübung von
Gewalt.
„Das war sehr altmodisches Polizeidenken damals. Die Idee der Deeskalation
hat sich erst langsam in den 1990ern durchgesetzt“, sagt Polizist Daryn.
Irgendwann sei man in Bezug auf Stonehenge zum Schluss gekommen, dass es
keinen Sinn hat, Verordnungen durchzusetzen, für die man quasi jeden
Polizisten im Land einsetzen muss.
In Salisbury habe es früher eine größere Polizeiwache gegeben, sagt Daryn,
wir aber seien in Devizes in Gewahrsam gewesen. Hab ich’s nicht gesagt,
Klaus? Daryn erinnert sich gut an die dortigen Squashhallen. Die seien zur
Sammelzelle umfunktioniert worden. Klaus ist lange skeptisch, aber
schließlich überzeugt. „Interessant, wie sich Erinnerungen verfestigen,
auch wenn manche Details ganz und gar nicht stimmen. Wir hatten ja keinen
Schimmer, wo sie uns hinbringen.“
Klaus, Sabine, Alex und unser englischer Freund Malcolm saßen zusammen in
einem der zwei Reisebusse, die uns nach Devizes fuhren, ich allein unter
Engländern im anderen. Ich erinnere mich daran, dass ein Polizist fragte,
ob man „Tea or coffee?“ wolle. Dass man, als wir noch eine Weile vor der
Wache im Bus saßen, dem Beamten ein paar Pfund für Zigaretten in die Hand
drücken konnte und er mir eine Schachtel Benson & Hedges zurückbrachte.
Endlich wurden wir in die Squashhallen des Polizeireviers gebracht, wo die
Engländer bald sagten, wir hätten ein Recht auf Verpflegung. Wir durften
Bestellungen aufgeben: vegan, vegetarisch oder normal.
Von unserem Trip sind nur wenige Dokumente übrig: eine vergilbte Ausgabe
des Evening Chronicle vom 21. Juni 1989. Die Titelstory berichtet über den
„Summer Solstice Clash“ zwischen der Polizei und 200 „Hippies“ in der Nacht
zuvor. Hinzu kommen einige Fotos aus der wasserdichten Pocketkamera, die
Klaus mit 10 bei einem Preisausschreiben gewonnen hatte, lange bevor er
eine Ausbildung machte und für Bravo arbeitete. Eines der Bilder von 1989
zeigt Malcolm mit neonpinkem Haar, Alex mit braunem Pixie und mich mit
wasserstoffblonder Frisur von hinten. Auf dem Foto sind links die Steine zu
sehen, am Horizont die Baumgruppe mit unserem Baum. Malcolm scheint gerade
in seine Richtung zu zeigen. Das Foto entstand, nachdem wir nach unserer
Freilassung nach Stonehenge gefahren waren, um die Steine zu besichtigen.
Die Sperrzone war am Nachmittag des 21. Juni aufgehoben worden.
In Salisbury ist es nun später Nachmittag, und wir machen uns auf den Weg
Richtung Stonehenge. Klaus und ich wollen zu den Steinen wandern, das
hatten wir uns bis jetzt aufgespart. Zuerst geht es an den Barrows vorbei,
großen Hügelgräbern. Dann öffnen wir das Gatter zur Stonehenge Avenue, die
durch Schafweiden führt. Auf dem prähistorischen Weg pilgerten bereits vor
Jahrtausenden einmal im Jahr bis zu zehntausend Menschen nach Stonehenge.
Das große Fest fand aber, wie jüngere Ausgrabungen zeigen, ein paar
Kilometer entfernt statt. Dort verspeisten die Pilger gemeinsam gebratene
Schweine. Allerdings nicht zur kürzesten Nacht des Jahres, sondern zur
Wintersonnenwende, heute nennen wir es Weihnachten.
Klaus und ich hätten natürlich auch den offiziellen Weg zu den Steinen
nehmen können, mit dem Auto zum Parkplatz und so weiter, aber wir wollen
das Pilgergefühl, also laufen wir. Die Avenue ist nicht viel mehr als ein
breiter Pfad über eine Wiese, es geht den Hügel runter. Noch ein Gatter,
dahinter wird der Weg mit einem Mal schmal, er ist von Disteln überwuchert.
Dann geht es den Berg hoch, und wir sind da. Eine Gruppe Erwachsener mit
Kindern schaut sich die Steine an, sonst ist kaum jemand da.
Ein Zaun trennt uns vom äußeren Rundgang. Ein alter Hippie auf einem
Mountainbike steht auf der anderen Seite und sagt: „Springt rüber, das ist
die korrekte Art und Weise, sich den Steinen zu nähern.“ Der Hippie stellt
sich uns als Maisey vor. Er sei zum ersten Mal zum Stonehenge Free Festival
1976 hierhergekommen, erzählt er: „Ich war von zu Hause weggelaufen.
Hawkwind haben gespielt. Hier habe ich auch meine erste nackte Frau
gesehen.“ Maisey lacht übers ganze Gesicht. Und was macht er heute hier?,
fragen wir. „Ich warte auf meine Freunde, die Druiden.“ Klaus und ich
schauen uns an. Wir hatten damals schon von den Druiden gehört, aber wir
haben keine Ahnung, wer die Druiden sind.
Einmal mehr sind wir zur richtigen Zeit am richtigen Ort, freuen wir uns
und nehmen es, vermutlich durch unseren Trip in die Vergangenheit
beflügelt, als Zeichen dafür, dass unsere Kanäle immer noch offen sind. Wir
haben ihn noch, den Spirit. Egal, was um uns herum passiert ist: Im Kern
sind Klaus und ich dieselben geblieben.
Ein Autokonvoi nähert sich. Heraus steigen die Druiden und ihre Freunde.
Einige Frauen tragen Blumenkränze im Haar. Manche haben weiße Roben an,
einige Männer breitkrempige Hüte mit Kränzen aus Eichenlaub.
Zeremonienmeisterin Alix ruft die Druiden und ihre Gäste aus der Pagan
Community zusammen: „Wir werden uns gleich mit den Energien dieses Tempels
verbinden. Das ist eure heilige Arbeit. Nehmt euch die Zeit, spürt die Luft
auf eurer Haut, euren Atem. Spürt, wie die Landschaft euch umfängt. Seid
ihr bereit?“ Dann marschiert der Zug los. Vorneweg Alix und ein Mann mit
langem weißem Haar und langem weißen Bart. Sie nennen ihn „Merlin of
England“, er scheint der Älteste zu sein. Trommlerinnen geben den Takt vor.
Als Letzter der Prozession geht gemessenen Schritts ein alter Hippie mit
Armeehosen und Springerstiefeln unter dem grünen Umhang. Er hat sich uns
eben noch als „Wizard of Tottenham“ vorgestellt. Jetzt schaut er sich
verstohlen nach uns um. Klaus und ich schauen uns an und kommunizieren ohne
Worte. Gehen wir mit? Na klar, was denn sonst.
Der Zug umrundet die Steine. Dann halten wir vor einem der Durchgänge. Alix
ist die Gatekeeperin. Sie wedelt heiligen Rauch auf die jeweilige Person,
die Einlass begehrt. Nach einer Weile haben fast 30 Leute den Steinkreis
betreten außer dem Wizard of Tottenham, seiner Begleitung und uns. Klaus
und ich schauen uns wieder an. Ich sehe, dass er dasselbe denkt wie ich.
Wir können uns nicht einfach vor Alix präsentieren, das wäre respektlos.
Gerade als ich denke, wir sollten jetzt besser gehen, sonst wird es
peinlich, fragt der Wizard of Tottenham: „Wollt ihr mitkommen?“ Ja klar,
wenn wir dürfen, wäre das eine große Ehre, sagen wir.
„Ich spreche mit Alix“, sagt der Wizard. Kurz darauf kehrt er zurück: Wir
dürfen. Nur fotografieren sollen wir nicht. Ich trete in den Steinkreis.
Links steht eine Druidin und bietet mir das Horn eines Tieres an. Darin ist
Met, er schmeckt süß. Nun salbt mir die rechte Druidin die Stirn. Hinter
mir folgt Klaus. „Die Deutschen schleichen sich immer rein“, sagt der
Wizard, lacht laut und steckt sich eine Selbstgedrehte an.
Aber was hat es mit dieser ominösen Zeremonie einen Tag vor der
Sommersonnenwende auf sich? Wer sind die Druiden?
Simon Banton sei ein zufälliger Druide, sagt er über sich. Eines Tages habe
ihn Merlin zum Astronomdruiden seines Ordens ernannt. Simon erklärt uns mit
der Nüchternheit eines Wissenschaftlers, dass alles mit dem
Altertumsforscher John Aubrey begann, der im späten 17. Jahrhundert
erkannte, dass es sich bei Stonehenge um einen Tempel handelte, einem
Tempel der Druiden. Und ein halbes Jahrhundert später verstand sein Kollege
William Stukeley, dass Stonehenge exakt auf den Sonnenaufgang zur Sommer-
und auf den Sonnenaufgang zur Wintersonnenwende ausgerichtet ist.
Es sei schwer zu sagen, woran ein bestimmter Druide glaube, erklärt Simon.
Gemein seien den Druiden der Respekt vor der Natur, das Feiern des
Jahreswechsels, die Ehrung der Ahnen und der Wunsch, die Wahrheit zu sagen.
Eine Stunde lang stehen wir im Kreis zusammen. Die Geister der vier
Himmelsrichtungen werden angerufen. Wir intonieren I, A und U, das Om der
Druiden. Wir beten für den Frieden. Met und Kuchen machen die Runde. Es
könnte Honigkuchen sein. Der Wizard von Tottenham reicht mir das Horn und
sagt: „May you never thirst.“ Das ist ein guter Wunsch. Ich reiche Klaus
das Horn mit Met und den Wunsch weiter, dass ihn niemals dürsten möge.
Dasselbe wiederholt sich beim Kuchen: „May you never hunger.“
Da stehen wir nun inmitten des Steinkreises, der Menschen seit
Jahrtausenden über Hunderte von Kilometern hierhergebracht hat. Weder Klaus
noch ich wundern uns darüber, dass wir heute hier sind. Aber ich wundere
mich über Klaus. Darüber, wie selbstverständlich er an der Zeremonie
teilnimmt. Entweder ist das der Ministrant in ihm, oder er hat eine Seite,
die ich bis jetzt nicht an ihm wahrgenommen habe. „Weiter entfernt vom
Ministranten könnte ich nicht sein“, sagt Klaus. Aber er habe ja sieben
Jahre lang in einem Hippiedorf in den chilenischen Anden gelebt und dort
häufiger solche Momente erlebt: mit Schamanen, die in die Vergangenheit
blicken, und Klangschalen, die den Körper zum Schwingen bringen.
Als wir durch die nächtliche Wiese zurück zum Auto wandern, können wir
nicht aufhören zu lachen. Wir fahren irgendwohin, und immer passiert
irgendeine absurde Geschichte, die wir in unsere eigene, private Mythologie
einfügen können. Es hört anscheinend nie auf.
## Es ist so weit, nach 37 Jahren
Am nächsten Tag, dem Tag der Sommersonnenwende, findet das Festival statt.
Es gibt keinen Alkohol und nur Bühnen mit akustischer Musik, außerdem eine
Silent Disco, zu der uns Druidin Alix eingeladen hat. Bevor sie startet,
stehen Druiden und Free-Party-Veteranen zusammen im Kreis. Ein Mann mit
einem T-Shirt der britischen Anarchopunkband Crass und einer kleinen
Holzschachtel in der Hand hält eine Ansprache: „1974 fand hier das erste
Stonehenge Free Festival statt, auf Land, das dem Volk von der Regierung
gestohlen worden ist. Jetzt holen wir es uns zurück. Wir sind alle Wallys!“
Wally Hope hatte den Anstoß zur Gründung des Festivals gegeben, ein Jahr
später starb er, nachdem er in die Psychiatrie eingewiesen und mit
Psychopharmaka vollgepumpt worden war. Aber er ist unter uns, seine Asche
befindet sich in dem kleinen Kästchen. Alix sagt uns, dass unser Tanz hier,
an diesem heiligen, magnetischen Ort, das Ritual einer Verwandlung sei.
„Die Sommersonnenwende ist ein Tor. Heute Nacht können wir uns entscheiden,
wer wir in Zukunft sein wollen.“
Weil Alix Klaus und meine Geschichte so süß findet, bekommen wir die
Funkkopfhörer auch ohne Pfand. Zwei DJs spielen gleichzeitig, man kann von
einem Kanal zum anderen springen. Ich entscheide mich für Chris Tofu, einen
Free-Festival-Veteran, der schönen britischen Hardcore spielt. Wir tanzen
auf der Wiese neben den Steinen, als wär’ es 1989, stundenlang.
Es ist so weit, alle blicken gen Osten, die Sonne geht auf. Das wird kurz
gefeiert – und dann ist es vorbei. Schnell leert sich der Ort. „Jeder macht
sein Selfie, weiter geht’s zur nächsten Attraktion“, kommentiert Klaus das
Ganze enttäuscht. „Aber interessiert sich eigentlich irgendwer für den
Hintergrund?“ Da hat er recht, finde ich, und überlege: Wir sind dieselben,
aber die Welt hat sich verändert. Dann denke ich, dass ich dringend ein
paar Stunden Schlaf brauche.
Bevor es noch am selben Tag zurückgeht, haben wir uns ein Café für ein sehr
spätes Frühstück rausgesucht. Wir sind bereits eine halbe Stunde gefahren,
da ruft Klaus plötzlich panisch: „Scheiße!“
Ich sage: „Klaus?“
Klaus sagt: „Ich glaub, ich hab Mist gebaut.“ Er hat sein Handy aufs
Autodach gelegt, bevor wir losgefahren sind.
„Im Ernst, Klaus?“ Ich habe Hunger, es ist heiß, und ich will den Flug
nicht verpassen. Wenn uns dieser Trip jedoch eines gelehrt hat, dann „Keep
calm and carry on“, selbst wenn es 37 Jahre dauert.
„Okay, Klaus, dann kehren wir jetzt um.“
30 Aug 2026
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