# taz.de -- Estland und der russische Angriffskrieg: Und wenn sie kommen?
       
       > Die baltischen Staaten sind Russland nicht nur geografisch nahe. Doch der
       > Nachbar im Osten droht wieder gefährlich zu werden. Begegnungen in
       > Estland.
       
 (IMG) Bild: Nur einen Steinwurf von Russland entfernt: Findlinge im estnischen Lahemaa-Nationalpark
       
       Wenn es Nacht wird, dann kann Triin Saks die Lichter sehen. Jeden Abend,
       seit Monaten. Am Horizont reihen sich die hellen Punkte auf, wie an einer
       Kette, die über dem Meer baumelt. Ihr Anblick hat fast etwas Romantisches.
       Es sind die Lichter von riesigen Containerschiffen. Manchmal sind es nur
       fünf bis zehn, an vielen Tagen sind es mehr. Sie gehören [1][zu Russlands
       sogenannter Schattenflotte], warten auf ihre Einfahrt in den nächsten
       russischen Hafen.
       
       Triin Saks lebt in Käsmu im Norden Estlands, rund 30 Kilometer von der
       russischen Grenze entfernt. „Kapitänsdorf“ wird der Ort auch genannt, er
       ist bekannt für seine jahrhundertelange Seefahrergeschichte. Saks und ihr
       Mann betreiben dort eine Art Heimatmuseum, direkt am Dorfhafen. Das Haus
       ist vollgestopft mit Fundstücken: Fischernetze, jahrhundertealte Bücher,
       Seekarten, Tonkrüge. Das Meeresmuseum von Saks und ihrem Mann ist zugleich
       ihr Zuhause, ein Haus voller Erinnerungen an die Geschichte Käsmus, an den
       Ersten und Zweiten Weltkrieg, die sowjetische Besatzung, die Zeit der
       Unabhängigkeit seit Beginn der 1990er Jahre. Dabei spielt Russland immer
       eine zentrale Rolle.
       
       Seit Anfang des Jahres hat Triin Saks eine Webcam am Fenster zum Strand
       aufgehängt, die rund um die Uhr das Meer im Blick hat und in der Nacht die
       Schattenflotte aufnimmt. Seit die ukrainischen Streitkräfte in den
       vergangenen Monaten begonnen haben, gezielt Häfen und andere
       militärstrategische Ziele an der Küste Russlands anzugreifen, seien es mehr
       Schiffe geworden, die auf ihre Einfahrt warten, sagt Saks. So komme der
       Krieg näher. Näher als je zuvor, seit die russische Vollinvasion in der
       Ukraine 2022 begann.
       
       Die Grenze Russlands zu Estland ist nur rund 294 Kilometer lang, meist
       führt sie durch Wälder, Sumpf- und Wassergebiete, durch dünnbesiedelte
       Regionen. [2][Gemeinsam mit den beiden anderen baltischen Ländern Litauen
       und Lettland] zählt Estland seit Kriegsbeginn zu den stärksten
       Unterstützern der Ukraine. Sicherheitsexpert:innen und Geheimdienste
       warnen in unregelmäßigen Abständen von einer russischen Attacke auf eines
       der drei baltischen Nato-Länder. Sicher ist: Die Kriegsfolgen sind zu
       spüren. Und Estland macht sich bereit.
       
       ## Verklumptes Öl am Strand
       
       An einem Nachmittag Anfang Mai geht Triin Saks mit ihrem Hund spazieren, an
       dem steinig-sandigen Strand, der bis nach Laheema führt, einem Schutzgebiet
       für Wasservögel. Dabei entdeckt sie einen schwarzen Klumpen, eine zähe
       Masse, die das Meer angespült hat. Es ist verklumptes Öl. Saks steckt den
       Klumpen in eine Mülltüte und entsorgt ihn. Sie hat eine Ahnung, woher er
       kommen könnte. Ukrainische Drohnen hatten wenige Tage zuvor die russische
       Ölraffinerie im Hafen von Ust-Luga angegriffen, an der Lugabucht im
       Finnischen Meerbusen unweit der Grenze zu Estland. Die Raffinerie brannte,
       Öl lief aus. Nun hat das Meer Reste davon an Käsmus Strand gespült.
       
       In dieser Zeit gibt es ähnliche Meldungen auch aus dem Küstendorf Vainupea,
       östlich von Käsmu, noch näher an der Grenze zu Russland.
       Umweltschutzverbände warnen vor gravierenden Folgen für das
       Naturschutzgebiet. Es sind nicht nur die brennenden Raffinerien, die sie
       beunruhigen, sondern auch die Schattenflotte, deren Treibstoff in der
       Ostsee landet und deren Crews ihren Müll im Meer entsorgen.
       
       „Unsere russischen Freunde rufen uns heute nicht mehr an“, sagt Triin Saks
       – 60 Jahre alt, der Blick sanft-bestimmt. Sie versucht aus der
       Vergangenheit Schlüsse für die Gegenwart zu ziehen. Die Grenze ist
       gefährlich geworden. Saks steht in ihrer Küche, durch die die
       Besucher:innen des Meeresmuseums hindurch müssen, wenn sie in den Raum
       mit den alten Seekarten wollen. Sie blättert in einem Buch, dass sich mit
       der Arbeit von Männern und Frauen in den 1940er Jahren in den Dörfern, auf
       den Feldern in der Region beschäftigt. Die Kleider der Menschen auf den
       Fotos haben Flicken, manche Löcher. Die Arbeit ist hart, der Lohn gering.
       Ihre Gesichter sind stolz.
       
       Die Esten und die Russen sagt Saks, sie waren und sind keine Feinde. Sie
       haben eine gemeinsame Geschichte. Und jetzt? Was passiert, wenn es zum
       Ernstfall kommt? Zu einem Angriff mit Drohnen, mit Raketen? „Wir haben hier
       auch Dolche und jahrhundertealte Waffen“, sagt Triin Saks bitter. „Damit
       können wir kämpfen.“ Und dann fügt sie hinzu: „Wo soll ich denn hingehen?“
       
       ## Eine App für den Stadtkern
       
       Mit dieser Frage beschäftigt sich auch Sergo Kohal, rund 80 Kilometer
       entfernt von Saks’ Meeresmuseum. Und zwar mitten in Tallinn, Estlands
       Hauptstadt, in der rund eine halbe Million Menschen leben und die rund
       sechsmal so viele Tourist:innen jedes Jahr besuchen. Kohal ist
       Spezialist für Krisenvorbereitung in der Abteilung Zivilschutz der Stadt
       Tallinn.
       
       In der Altstadt Tallinns sind an Bahnhöfen, Märkten, Unterführungen oder
       Parkhäusern blaue Dreiecke zu finden. Sollte es Luftalarm geben, sind das
       Räume, in denen die Menschen Schutz suchen können. Die App „Ole Valmis“ –
       „Sei bereit“ – informiert über den aktuellen Stand, wann die Gefahr vorüber
       ist und wo es Hilfe gibt. Doch was ist mit den zahlreichen Bezirken
       außerhalb des Stadtkerns, vor allem dort, wo die ärmere Bevölkerung lebt?
       
       Zum Beispiel im Stadtteil Lasnamäe im Norden Tallinns. Mitte der 1970er
       Jahre bis zur Unabhängigkeit Estlands 1991 wurde dort eine riesige
       Plattenbausiedlung aufgebaut. Rund 100.000 Menschen wohnen dort heute, der
       Großteil ist russischsprachig. In der Platte in Lasnamäe kommen auch die
       unter, die wenig Geld haben. Die Wege sind sauber gefegt, auf den immer
       gleich aussehenden Spielplätzen eine bunte Rutsche, ein quadratisches
       Klettergerüst.
       
       An diesem Dienstagmorgen Anfang Juni rasen Schulkinder auf E-Rollern über
       die betonierten Wege zwischen den Wohnhäusern. Ein paar Frauen, sicher über
       70, schleppen Plastiktüten, aus denen Porree ragt, ein Dackel schleppt sich
       an der Leine hinterher.
       
       ## 0,75 Quadratmeter Sicherheit für jeden
       
       Sergo Kohal steht hier vor dem Eingang zu seinem Showroom, einem
       Modellprojekt für einen unterirdischen Schutzraum. Ein solcher Raum soll
       möglichst vielen Menschen Platz bieten, er muss stabile Wände und Decken
       haben, gut erreichbar sein, effektiv im Katastrophenfall – und preiswert in
       der Bereitstellung. Mehr als 10.000 Euro darf die Einrichtung nicht kosten.
       
       Das Haus in Lasnamäe, in dem Kohal seinen Showroom eingerichtet hat, ist
       fünf Stockwerke hoch, rund 100 Menschen leben dort. Hinter einer schweren
       Metalltür im Erdgeschoss führt eine kurze Treppe runter in den
       Modellschutzraum. „Viele Gebäude aus der Sowjetzeit haben einen Keller wie
       diesen“, sagt Kohal, Ende 40, kurz geschorenes braunes Haar. Die
       dunkelblaue Uniform aus Arbeitsschuhen, Handwerkerhose und engem Blouson
       mit den Abzeichen der Stadt Tallinn lässt ihn strenger wirken, als er wohl
       sein will. Die meisten, die hierher kommen, hätten eine Million Fragen,
       sagt er. Sie wüssten nicht, wie sie mit einfachen Mitteln einen Schutzraum
       bauen sollen.
       
       Kohals Schutzraum ist eigentlich ein kleiner Komplex. Die Räume entlang des
       schmalen Flurs sind funktional aufgeteilt: Aufenthaltsraum, ein Ort für
       Kinder, Küche, Lagerraum, Sanitäranlagen. Es ist kalt an diesem Junimorgen.
       Sicherheit riecht bleich, verstaubt.
       
       In einem Schutzraum in Estland soll jede Person rund 0,75 Quadratmeter zur
       Verfügung bekommen. Kohal zeichnet mit seinem Zeigefinger den Platz nach.
       Man wird sich hinsetzen, sich einmal um sich selbst drehen können. Viel ist
       es nicht, aber eine Größe, mit der die Eigentümer arbeiten sollen. Kohal
       weiß, dass das nicht reicht, etwa für Menschen, die im Rollstuhl sitzen
       oder liegen müssen. „In Estland ist eines der größten Probleme, dass bei
       Wohnanlagen alles Geld kostet“, sagt er, fast schon ein wenig verzweifelt.
       Es muss also billig sein – und Platz kostet Geld.
       
       ## Strom, Wasser, Spielzeug, Kurbelradio
       
       Erst seit April schreibt die estnische Regierung per Gesetz vor, dass jedes
       Gebäude einen Schutzraum haben muss. Allerdings gilt dies nur für Neubauten
       und nicht für Bestandsgebäude. „Wir haben etwa 10.000 private
       Wohnungseigentümergemeinschaften in Tallinn. Wir können ihnen nicht
       vorschreiben, wie sie vorgehen sollen.“ Der Showroom, die Beratung, die
       Infoveranstaltungen sollen die Eigentümer überzeugen.
       
       Immer wieder führt Sergo Kohal die Ukraine als Beispiel an. „Nehmen wir an,
       es gibt einen Bombenangriff“, sagt er. Die Menschen liefen nach unten. Der
       wichtigste Ort im Schutzraum würde für sie dann der Aufenthaltsraum.
       Manchmal dauert der Alarm dort wenige Stunden, manchmal den ganzen Tag.
       Darauf müssen sich die Menschen einstellen. Und vor allem auf die Kinder
       achten. „Das ist wirklich wichtig. Sie sollen vergessen, was draußen
       passiert“, sagt er mehrfach. Bilder, Puppen, Spielzeug, Malsachen – das
       alles müsse da sein.
       
       Für jedes Gebäude mit Schutzraum muss es eine zuständige Person geben, die
       verantwortlich ist, dass der Raum funktioniert und benutzt werden kann.
       Inklusive Sandsäcken, die dann vor die wenigen Fenster müssen. 72 Stunden
       Vorbereitungszeit sind vorgesehen, vom Alarm bis zum ersten Einschlag.
       
       Die Basics sind Strom, Wasser, Essen für rund 100 Menschen, die auf engstem
       Raum, vermutlich in Panik ausharren sollen. Kohal geht in die Küche,
       vielleicht 10 Quadratmeter groß. Platz zum Kochen auf einem Campingkocher
       und vor allem für einen Wassertank gibt es dort. 1.000 Liter kann jeder
       fassen. 3 Liter sind pro Person für 24 Stunden vorgesehen. In einem
       weiteren Nebenraum können Vorräte, Konserven, Nudeln, Reis, Öl, Mehl
       gelagert werden. Wieder in einem anderen Werkzeuge, Schaufeln, Geräte, um
       etwa einen Weg freizuräumen, wenn der Alarm vorbei ist.
       
       Strom laufe im Ernstfall über Generatoren, Licht werden soll es im Notfall
       mit einer Kerze oder LED-Lampen, Batterien brauche es, eine einfache
       Komposttoilette mit Vorhang für ein bisschen Privatsphäre beim Geschäft.
       Ein Kurbelradio für Nachrichten, wenn Internet und Mobilfunk nicht mehr
       funktionierten.
       
       ## Eine Drohne flog schon über Estland
       
       Und dann kommt Kohal zu den eigentlichen Knackpunkten des Schutzraums. Die
       fünf- oder neunstöckigen Gebäude, die zu Sowjetzeiten gebaut wurden, sind
       in der Regel nicht bombensicher. Schutzräume brauchen also Stützbalken und
       Träger, damit sie bei einem Angriff nicht einstürzten. Kohal erzählt,
       welches Material passt, von Größen, der Dichte und Beschaffenheit. Genauso
       wichtig sind Belüftungssysteme, die im Notfall auch ohne Strom laufen. Die
       Variante in Lasnamäe ist eine schwedische Idee und funktioniert im
       Handbetrieb mit einer Kurbel. Man kann natürlich auch Löcher in die Wände
       bohren, um für den Luftaustausch zu sorgen, sagt er. Er kann das alles im
       Schlaf aufsagen und weiß, dass es genau bei diesen Punkten viel
       Überzeugungsarbeit braucht. „Es ist eigentlich alles ganz einfach.“
       
       Aber wie kann das sein, dass die Menschen in Estland, unmittelbar an der
       russischen Grenze und seit Jahren in einer Bedrohungslage, sich noch
       überzeugen lassen müssen, wenn es um Schutz bei Bombenalarm geht? „Estland
       hat sich in Bezug auf den Zivilschutz und die Unterbringung von Menschen
       überhaupt nicht vorbereitet“, sagt Sergo Kohal trocken. „Jetzt, da der
       Krieg in der Ukraine begonnen hat, tun wir etwas.“ Es seien nicht Millionen
       und Abermillionen Euro, die es brauche, sagt er dann schon fast
       aufgebracht: Man solle einfach etwas machen, um die Decke zu stabilisieren.
       „Triff hier ein paar Vorkehrungen, bau eine Beleuchtung ein, steck hier ein
       paar Batterien rein.“ Und er selbst?
       
       „Ich bin ein Landjunge“, sagt Kohal. „Ich bin an einem Ort aufgewachsen, wo
       wir alles mit den Händen gemacht haben.“ Kohal hat privat vorgesorgt, nicht
       mit einem Keller, aber in einem stabilen Haus außerhalb Tallinns mit
       Vorräten und Generatoren. Auf die Regierung allein verlässt er sich nicht.
       „Vorbereitet zu sein, liegt auch in der Verantwortung jedes Einzelnen.“
       
       ## Drohnenkurse für Zivilist:innen
       
       Vorbereitet fühlt sich Taavi Kotka, auf jeden Fall. Kotka ist so etwas wie
       ein estnischer Mäzen, einer der mit IT-Lösungen viel Geld gemacht hat.
       Einer, der von sich sagt: „Mit 35 habe ich mich zur Ruhe gesetzt.“ Jetzt
       mit 47 organisiert er Drohnenkurse für Zivilist:innen in Viimsi, in
       einem schicken Vorort von Tallinn. Diese zivile Armee soll, wenn es darauf
       ankommt, den russischen Aggressor bekämpfen.
       
       Was treibt Kotka um? Will er verdienen an der aktuellen Lage? Ist er quasi
       eine Art Kriegsgewinnler durch den Zivilschutz? Er wiegelt ab. Seit
       November 2025 gibt es die Drohnentrainingskurse, koordiniert mit Hilfe der
       Organisation „Angry Eagle“. „Angry“ – wütend – deshalb, weil Kotka in einer
       Welt des Friedens solche Probleme nicht angehen würde. „Es macht uns
       wütend, dass wir unser Leben einfach nicht wieder normal leben können. Wir
       müssen uns auf einen Krieg vorbereiten.“
       
       Kotka sagt dies nur wenige Wochen, nachdem eine Drohne in Estlands Luftraum
       eingedrungen ist und von einem Nato-Kampfjet abgeschossen wurde. Er sagt
       dies im Frühjahr, als es in der Grenzregion Lettlands zu Russland Luftalarm
       gibt und im litauischen Vilnius die Menschen in Schutzräume fliehen sollen,
       [3][da eine Drohne gesichtet wurde]. In Zeiten, in denen estnische
       Regierungsvertreter über die Erhöhung der Verteidigungsausgaben sprechen,
       über Rüstungsparks in Estland und Drohnendeals mit der Ukraine.
       
       Rund 2.000 Menschen haben bisher an den Trainings teilgenommen, das
       Mindestalter ist 13 Jahre, der älteste Teilnehmer ist über 70 und hat schon
       mehrfach mitgemacht. Geübt wird unter anderem im Garten in Viimsi, an Taavi
       Kotkas Arbeitsstätte. An diesem Junitag stürmt und regnet es. Ein Blick aus
       dem Fenster aufs Meer hinaus offenbart, wie rau das Klima hier werden kann.
       Kotka, der Mann, der einer der Wegbereiter Estlands auf dem Weg zum
       „Silicon Valley Europas“ ist und der in seinen Büroräumen in Viimsi darauf
       achtet, dass jeder Besucher sofort seine Schuhe auszieht, dieser Mann
       spricht gern in Bildern. So sieht er die Drohnenpilot:innen wie einen
       Bienenschwarm, der gemeinsam gegen den Bären kämpft, der an den Honig will.
       
       Und dann kommt doch der Unternehmer in Kotka durch, der sich mit Angebot
       und Nachfrage auskennt. „Drohnen sind technisch gesehen extrem einfache
       Geräte“, sagt er. Problematisch sei das Fliegen einer Drohne. „Um ein
       geübter Pilot zu werden, braucht man zwei volle Monate. So viel Zeit hat
       niemand.“ Deswegen die Kurse am Wochenende und in Häppchen. „Wir wollen,
       dass die Leute mehr Fähigkeiten erwerben, aber wir wollen auch, dass sie
       die Welt der Drohnen besser verstehen.“
       
       ## Keine Angst vor russischen Spionen
       
       Zum Verstehen gehört auch eine einfache Rechnung: Drohnen sind relativ
       preiswert im Einkauf – Kotka spricht von rund 500 Euro pro Stück – und sie
       sind effektiv bei einem Angriff. „Aber man besetzt kein Land mit Drohnen.
       Wenn man ein Land besetzen will, braucht man Truppen vor Ort“, sagt er,
       öffnet Estland auf Googlemaps und projiziert die digitale Landkarte auf
       eine Leinwand. Wenn die Russen die Grenze überquerten, dann würden die
       Esten da sein. Mit den Drohnen die Aggressoren abwehren, auch wenn sie in
       der Unterzahl seien. Einen Truppeneinmarsch hält Kotka aber ohnehin für
       unwahrscheinlich.
       
       Was ist mit dem Narva-Szenario, das einen Einmarsch russischer Streitkräfte
       nach Estland skizziert und somit einen Krieg mit der Nato auslösen könnte?
       Für den Unternehmer macht dieses Planspiel keinen Sinn und besonders ein
       Punkt darin: Warum sollte die russische Minderheit im Norden Estlands,
       unmittelbar an der Grenze zu Russland, sich gegen die Esten stellen?
       Weniger Rente, weniger Lohn, schlechtere Infrastruktur und keine Freiheiten
       mehr – das wäre die Folge, wenn sich die Menschen dem russischen Regime
       unterwerfen würden.
       
       Mehr Sorgen als das Narva-Szenario macht Taavi Kotka Lettland, das
       ebenfalls eine Grenze zu Russland hat. Er möchte dem baltischen Nachbarn
       Hilfe anbieten. Wenn Lettland seine Trainingsinhalte nutzen wolle, dann
       würde er sie kostenlos weitergeben. „Das ist kein Geschäft. Niemand
       verdient Geld mit diesem Projekt, außer die Kursleiter.“ Was er, der Mann
       mit den Turnschuhen und der blauen Leinenhose sagt, klingt einerseits
       großzügig, und irgendwie doch überheblich.
       
       Halbe Sachen habe er noch nie gemacht, sagt Kotka. Weder als er die
       Digitalisierung in Estland vorangebracht habe, noch als er ein Programm für
       Mädchen in den Natur- und Ingenieurswissenschaften gegründet habe – und so
       sei es auch bei seiner Drohneninitiative. Hunderte, vielleicht mehr Drohnen
       lagert Kotka in Viimsi. Wie viele es genau sind und welche Drohnentypen er
       auf Lager hat, will er nicht sagen. Aber gern ein Exemplar zeigen.
       
       Die Drohne, die Kotka aus dem Regal holt, wirkt wie ein Spielzeug. Die vier
       Beinchen, der kleine Körper. Man könnte sie umarmen, wenn man wollte.
       Schwer ist sie, ein paar Kilo sind es schon, die die Militärdrohne nach
       Nato-Standard wiegt. Das Gerät kann problemlos einen Sprengsatz oder
       Munition transportieren. Das ist also das Objekt, mit dem die
       Zivilist:innen üben. Auf die Frage, ob den Teilnehmer:innen klar
       sei, dass sie mit den Drohnen auch Menschen töten können, reagiert Kotka
       achselzuckend. Was sonst?
       
       ## Lob vonseiten der Regierung
       
       Wenn es zum Ernstfall kommt, dann übernimmt die estnische Regierung. Mit
       der Rekrutierung von Soldaten hat Kotka nichts zu tun. Die Übergänge sind
       aber fließend. Estlands Verteidigungsministerium hat die Initiative Angry
       Eagle ausdrücklich gelobt, und es gibt sogar eine gemeinsame Vereinbarung.
       Alle Teilnehmer:innen müssen sich mit ihren Daten registrieren und
       werden auch von den Sicherheitsbehörden überprüft. Wer das nicht tut,
       fliegt raus.
       
       Vor russischen Spionen hat Kotka keine Angst. Die hätten sich ihm zufolge
       schon in Kurse eingeschleust. „Sollen sie doch wissen, dass die Esten
       bereit sind, wenn es darauf ankommt“ – und dass sie über die selben Drohnen
       verfügten, die die ukrainischen Streitkräfte gegen die russische Armee
       einsetzen.
       
       Der Widerstand der Esten, stark sein, die eigene Identität bewahren – im
       Kapitänsdorf Käsmu denkt Triin Saks darüber viel nach. Vor rund 20 Jahren
       kam die studierte Kunsthistorikerin an die Nordküste Estlands, damals
       wollte sie vergilbte Fotos restaurieren. Sie blieb. „Ich habe gesehen, hier
       gibt es für mich viel zu tun“, sagt sie. Seitdem kümmert sie sich um das
       Meeresmuseum, um die Besucher:innen, die es hierher verschlägt, um das
       Dorf. Regelmäßig lädt Saks zu sich ein. Dann wird in einem Hinterzimmer des
       Museums gelesen, diskutiert, sich unterhalten. Es geht ihr auch darum,
       Gemeinschaft aufrechtzuerhalten, gerade in Zeiten, in denen der Krieg näher
       rückt und doch noch nicht da ist.
       
       „Manchmal fühle ich mich wie in einem Kloster“, sagt sie und lacht. Nicht
       verzweifelt, sondern bestätigend. Saks verlässt Käsmu und das Museum
       eigentlich so gut wie gar nicht. Höchstens zweimal im Jahr fährt sie in die
       Hauptstadt Tallinn, fünf-, sechsmal im Jahr verschlägt es sie nach Rakvere,
       dem nächstgrößeren Ort, rund 20 Kilometer entfernt. Alles, was sie braucht,
       hat sie in Käsmu. Direkt gegenüber vom Museum ist ein kleiner Laden, wo die
       wichtigsten Lebensmittel verkauft werden. Natürlich wird sie bleiben, sagt
       sie und setzt an, von der Gesangskultur der Esten zu erzählen und davon,
       welche Rolle Kunst und Kultur für das Baltenvolk spielen. Und davon, wie
       viele tausend Menschen jedes Jahr zu ihr ins Meeresmuseum kommen.
       
       Ein Touristenpaar unterbricht Saks’ Redefluss. Die beiden sprechen Englisch
       mit diesem typischen skandinavisch-näselnden Akzent und wollen bei Saks
       Fisch essen. Heute nicht, sagt sie. Die Saison hat noch nicht begonnen.
       Doch Saks lädt die beiden trotzdem ein, in ihre Küche zu kommen.
       
       Tanja Tricarico ist Redakteurin im Auslandsressort der taz. Im Mai und Juni
       war sie im Rahmen des IJP-Austauschprogramms in Estland.
       
       29 Aug 2026
       
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