# taz.de -- Religion in Estland: Die Schonfrist ist vorbei
> Ein neues Gesetz verpflichtet die Estnische Christliche Orthodoxe Kirche,
> ihre Beziehungen zu Moskau zu kappen. Das dürfte nicht einfach werden.
(IMG) Bild: Nach einem russischen Luftangriff auf das Kyjiwer Höhlenkloster Lawra brennt das Dach der Kirche, 15. 6. 2026
In Estland erhielten in dieser Woche alle Religionsgemeinschaften Post vom
Innenministerium. Mit der Mitteilung wurden die Adressaten davon in
Kenntnis gesetzt, dass am 27. Juni ein überarbeitetes Religionsgesetz in
Kraft getreten sei. [1][Besagtes Gesetz war bereits im Frühjahr 2025 im
Parlament (Riigikogu) in Tallinn verabschiedet], dann jedoch von Präsident
Alar Karis gestoppt worden. Im Juni erging jedoch ein Urteil des
Verfassungsgerichts, wonach die neuen Bestimmungen verfassungskonform
seien.
Ihnen zufolge ist es Kirchen, Gemeinden und Klöstern künftig verboten,
organisatorisch oder wirtschaftlich mit einem geistlichen Zentrum im
Ausland verbunden zu sein, das eine Gefahr für die Sicherheit des
estnischen Staates sowie die verfassungssrechtliche oder öffentliche
Ordnung darstellen könnte. Laut Gesetz haben religiöse Organisationen jetzt
sechs Monate Zeit, um ihre Satzungen, Leitungsgremien und Aktivitäten mit
den neuen Anforderungen in Einklang zu bringen.
An wen sich das neue Gesetz richtet, ist klar: Die Estnische Christliche
Orthodoxe Kirche (EchOK), die nach wie vor eng mit der Russisch-Orthodoxen
Kirche verbunden ist. Daneben existiert in dem baltischen Staat mit rund
1,3 Millionen Einwohner*innen die Estnische Apostolische Orthodoxe
Kirche (EAÕK). Sie ist eine autonome Kirche und untersteht seit 1996 dem
Ökumenischen Patriarchen Bartholomäus I.
Vor allem seit dem Beginn von Russlands vollumfänglichen Angriffskrieg in
der Ukraine hat die estnische Regierung die EchOK verstärkt im Visier. Aus
guten Grund: Der Moskauer Oberhirte, Patriarch Kyrill I., steht beim
Feldzug gegen das Nachbarland stramm an der Seite von Kremlchef Wladimir
Putin. Er propagiert die Vernichtung der ukrainischen Unabhängigkeit und
bezeichnet Russlands Invasion als „heiligen Krieg“.
## Auf Distanz zur Mutterkirche
Nicht zuletzt als Zeichen der Distanzierung von der Mutterkirche sagte sich
die EchOK 2024 von Moskau los und entfernte die Bezeichnung Moskauer
Patriarchiat aus ihrem Namen. Als Schritt in dieselbe Richtung könnte ein
Schreiben des Tallinner Metropoliten Jewgeni an Onufrij, seines Zeichens
Metropolit von Kyjiw und der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche (früher Moskauer
Patriarchiat), vom [2][15. Juni 2026 anlässlich eines russischen
Luftangriffes auf das Kyjiwer Höhlenkloster Lawra] gewertet werden.
Darin heißt es: „Unsere Kirche betet für ein Ende der Feindseligkeiten und
des Beschusses von Städten – Handlungen, die den Verlust von Menschenleben
sowie die Zerstörung heiliger Stätten und des kulturellen Erbes der Ukraine
zur Folge haben. Krieg ist ein Übel und ein Akt der Gewalt, der
Menschenleben, Wohnstätten und Gotteshäuser vernichtet. Er ist unvereinbar
mit dem Evangelium des Friedens und widerspricht dem Willen Gottes, der die
Liebe ist.“
Zwar sind die Absetzbewegungen der EchOK von Moskau, die zwischen 150.000
und 160.000 Mitglieder – meist Angehörige der russischsprachigen Minderheit
– in 31 Gemeinden zählt, unübersehbar. Das ändert jedoch nichts an der
Tatsache, dass die EchO laut Statut auch weiterhin Kyrill I. untersteht.
Doch genau dieses Statut müsste jetzt verändert werden. Derartige Versuche
wird Kyrill I. zu torpedieren wissen.
Auch müsste die EchOK einen neuen Metropoliten wählen. Aktuell bekleidet
dieses Amt Eugeni alias Waleri Reschetnikow. [3][2024 wurde der heute
68-Jährige, nachdem ihm die Verlängerung seiner Aufenthaltserlaubnis
verweigert worden war, des Landes verwiesen]. Der Estnische
Auslandsnachrichtendienst (ISS) war zu dem Ergebnis gekommen, Reschetnikow,
der die russische Staatsbürgschaft besitzt, sei eine Bedrohung für die
nationale Sicherheit des Landes. Derzeit führt er die Kirchengeschäfte von
Russland aus.
## Viele weitere Fragen
Doch das neue Gesetz wirft noch weitere Fragen auf. Was passiert mit den
Priestern der EchOK, die, wie Reschetnikow, die russische
Staatsbürgerschaft besitzen? Sollte sich eine Gemeinde dazu entschließen,
sich vom Moskauer Patriarchat zu lösen und sich der EAÕK anzuschließen,
wäre ihnen eine Rückkehr nach Russland wohl verwehrt.
Zudem haben sie eine Aufenthaltserlaubnis, die an ihren Dienst in einer
estnischen Kirche geknüpft ist. Es besteht jedoch die Möglichkeit, dass der
Staat diese befristeten Genehmigungen nicht verlängert. Zudem dürften
zahlreiche juristische Streitigkeiten über Eigentumsfragen auf den Tisch
kommen. Manche Kirchengebäude gehören nicht den Gemeinden der EchOK,
sondern sind im Besitz von angeschlossenen gemeinnützigen Organisationen
oder Stiftungen.
Das Innenministerium rechnet übrigens mit einer Propagandawelle in
Zusammenhang mit dem neuen Gesetz. So werde das Narrativ verbreitet werden,
die Regierung wolle alle Kirchen der EchO schließen und deren Gläubige
vertreiben. Diese Behauptungen entbehrten jedoch jeder Grundlage, heißt es
in einer Erklärung.
Dessen ungeachtet hat sich die EchO bereits positioniert. Sie vertritt die
Auffassung, dass das renovierte Kirchengesetz einer Einmischung in
religiöse Angelegenheiten gleichkomme und gegen die Verfassung verstoße.
Seine Kirche habe kein Interesse an einer Konfrontation, sagte Bischof
Daniel, Vikar der Diözese Tallinn der EchO.
„Wenn uns Anweisungen erteilt werden, die auf der Annahme beruhen, wir
seien eine Art feindliche Kraft, so widersprechen wir dem kategorisch. Wir
haben dem in der Vergangenheit nicht zugestimmt und wir werden dem auch in
Zukunft nicht zustimmen.“ Die EchO schließe nicht aus, die Angelegenheit
vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu bringen, um eine
umfassende Bewertung des Gesetzes zu erwirken.
10 Jul 2026
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