# taz.de -- „Mekka-Pakt“: Vorstoß ins Vakuum
       
       > Das Neue Dreierbündnis im Nahen Osten ist die Antwort auf die
       > Instabilität, die der Irankrieg gebracht hat – und den schrumpfenden
       > Einfluss der USA
       
 (IMG) Bild: Der neue Pakt wurde in der vergangenen Woche unterzeichnet
       
       In der Nahost- und Golfregion herrscht ein Chaos, das mit dem Irankrieg
       einen neuen Höhepunkt erreicht hat. Es wird immer deutlicher: Die alte
       Sicherheitsordnung in der Region funktioniert nicht mehr. Nun beginnen
       einige der Regionalmächte mit einer neuen zu experimentieren. Das ist, kurz
       gesagt, der Hintergrund [1][des neuen saudisch-türkisch-pakistanischen
       Verteidigungspaktes], den die drei Staaten vor ein paar Tagen im saudischen
       Mekka unterschrieben haben. Der sogenannte Mekka-Pakt sieht vor, dass ein
       Angriff auf einen der Unterzeichner als Angriff auf alle drei Staaten
       gewertet wird.
       
       Entstanden ist die Idee des neuen Bündnisses aufgrund der instabilen Lage
       am Golf, nach dem israelisch-amerikanischen Angriff auf Iran und der
       Unfähigkeit der USA, die Golfstaaten zu schützen. Ein bisher
       ungeschriebenes Gesetz wurde gebrochen, das lautet: Die Golfstaaten sorgen
       für billigen und ungehinderten Ölfluss und die USA garantieren die
       Sicherheit der Golfstaaten. Als Folge tun sich nun das finanzstarke
       Saudi-Arabien, die Türkei mit der zweitgrößten Armee der Nato und die
       Atommacht Pakistan zusammen, um gemeinsam ihre gegenseitige Sicherheit zu
       garantieren.
       
       Unwahrscheinlich ist zunächst, dass es in einer solchen Situation zu einem
       wirklich militärischen Beistand käme. Es scheint vielmehr ein Pakt der
       gegenseitigen diplomatischen Unterstützung zu sein. Alle Seiten betonen
       auch, dass ein Angriff auf einen von ihnen keinen automatischen
       militärischen Beistand auslösen würde, sondern zunächst nur gemeinsame
       Konsultationen. Es wird also erst einmal nicht so heiß gekocht.
       
       Trotzdem könnte dieser Vertrag das Fundament für eine neue
       Sicherheitsarchitektur in der Region legen. Jeder der Unterzeichner hat
       dabei auch seinen eigenen Interessen. Saudi-Arabien erhofft sich Schutz vor
       Angriffen aus Iran oder von den Huthis in Jemen. Für die Türkei dürfte sich
       dort ein Absatzmarkt für ihre Waffenindustrie bieten. Und Pakistan baut
       seinen Einfluss weiter aus.
       
       Aus den USA kommen zu diesem Pakt bisher nur verhaltene Reaktionen. Manche
       Beobachter argumentieren, dass mit dem Pakt in der Region etwas erfüllt
       wird, was Trump immer schon nicht nur von den Europäern gefordert hat: mehr
       Einsatz, um für die eigene Sicherheit zu sorgen und die USA zu entlasten.
       Das bedeutet zwar weniger Verantwortung für Washington, aber damit geht
       eben auch ein schwindender politischer Einfluss der USA in der Region
       einher.
       
       In der Realität dürfte der Pakt weniger die Türkei und Pakistan
       verteidigen, sondern hauptsächlich Saudi-Arabien. Aber gegen wen ist er
       gerichtet? Auch wenn es in der gemeinsamen Erklärung nicht namentlich
       benannt wird: Er richtet sich eindeutig gegen Iran und Israel. Und das ist
       durchaus kein Widerspruch. Er ist darauf ausgelegt, langfristig dafür zu
       sorgen, dass Iran nicht bei jeder Bedrohung die Golfstaaten zur Geisel
       nehmen kann. Gleichzeitig kann er aber auch als Gegengewicht gegen das
       israelische Projekt dienen, die Region militärisch und politisch zu
       dominieren.
       
       Die Reaktion in Iran ist übrigens auch verhalten. Pakistan, die Saudis und
       die Türkei sind wichtige Vermittler bei den Gesprächen mit den USA. In
       Teheran betont man deshalb, dass der Mekka-Pakt den schwindenden Einfluss
       der USA in der Region besiegelt. Dass er auch gegen die gegenwärtige
       iranische Politik gerichtet ist, dazu herrscht diplomatisches Schweigen in
       Teheran.
       
       Der zweite Adressat [2][der neuen Allianz ist Israel]. Für die
       Unterzeichnerstaaten unterminiert die gegenwärtige israelische Politik die
       regionale Stabilität. Die israelischen Interventionen in Libanon und Syrien
       werden als regionale Bedrohung angesehen. In weite Ferne gerückt ist mit
       der Gründung des neuen Pakts, dass Saudi-Arabien im Rahmen der
       Abrahams-Abkommen seine Beziehungen mit Israel normalisiert.
       
       Nun ist die Frage, ob sich andere Länder diesem Pakt anschließen könnten.
       Wahrscheinlichster Kandidat wäre Ägypten, das bereits bei dem Versuch, im
       Irankrieg und in Gaza zu vermitteln, mit Saudi-Arabien, der Türkei und
       Pakistan zusammengearbeitet hat. In Kairo selbst herrscht allerdings noch
       Funkstille dazu. Ägypten zögert, weil es kein Interesse hat, einem
       Militärpakt beizutreten, der gegen Iran gerichtet ist. Denn Kairo sieht
       Iran – anders als die Golfstaaten – aus geografischen Gründen nicht als
       eine direkte Bedrohung seiner Sicherheit an.
       
       ## Ägypten wartet ab
       
       Ägypten ist durchaus an einem politischen Pakt interessiert – nicht aber,
       eine Verpflichtung zu einem militärischen Beistand einzugehen. Das Land
       scheint abwarten zu wollen, wie sich die neue Allianz entwickelt – ob es
       bei einem diplomatischen Pakt bleibt, oder ob er doch militärische Einsätze
       erzwingt.
       
       Der Pakt ist einerseits das Resultat der iranischen und israelischen
       Vorgehensweise der letzten Jahre und andererseits der US-Einseitigkeit im
       Nahostkonflikt – bei gleichzeitigem schwindenden US-Einfluss auf die
       Region. Er ist der Versuch, die Sicherheit des Nahen Ostens und der
       Golfstaaten zu regionalisieren, sich nicht mehr auf die USA zu verlassen
       und eine eigene Sicherheitsstruktur aufzubauen.
       
       Und nein, der Pakt ist bei Weitem nicht so etwas wie eine Nahost-Nato. Er
       ist vielmehr ein Experiment für einen Nahen Osten, der nicht mehr von
       Washington, sondern von Regionalmächten selbst bestimmt wird. Das birgt
       viele Risiken, aber auch große Chancen. Schlimmstenfalls entstehen ähnliche
       Bündnisgeflechte und Bündnisfälle, die in Europa einst zum Ersten Weltkrieg
       geführt hatten. Bestenfalls führt die Regionalisierung der Sicherheit weg
       von Fremdbestimmung und ausländischen Interventionen.
       
       Bei alledem ist die Stoßrichtung klar: Wenn sich eine alte Ordnung,
       angeführt von den USA, auflöst, muss diese durch irgendetwas ersetzt
       werden. Das gilt übrigens für den Nahen Osten und den Golf genauso wie für
       Europa.
       
       16 Aug 2026
       
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