# taz.de -- Nahverkehrspläne in Hamburg: Oberirdisch schlägt unterirdisch
> Der Hamburger Senat stellt die Fahrgastzahlen der U5 viel zu positiv dar,
> kritisiert eine Studie der Linken. Eine Stadtbahn wäre schneller – und
> günstiger.
(IMG) Bild: In Bremen gehts doch auch: Straßenbahnen schaffen hier richtig viele Fahrgäste weg
Viel Kritik, aber auch einen [1][innovativen Vorschlag] beinhaltet eine
Studie, die Hamburgs Linke am Mittwoch veröffentlichte. Titel:
„[2][Alternative für eine Fortsetzung der U5 ab Borgweg]“. Die U5 soll
eines Tages von Hamburg Bramfeld aus in einem Bogen durch die Innenstadt
bis hoch oben Osdorf in Hamburgs Westen führen. Die Verkehrsexperten Dieter
Doege und [3][Jens Ode] analysierten im Auftrag der Fraktion heutige
Fahrgastdaten und kommen zu dem Schluss, dass sich der Bau der U-Bahn gar
nicht lohnt und die Stadt von stark übertriebenen Steigerungen ausgeht.
Doch die erste Teilstrecke der U5-Ost von Bramfeld bis zur City Nord ist
längst im Bau. Deshalb schlagen die beiden vor, diesen Teil fertig zu bauen
und ins bestehende Netz einzufädeln. Auf der übrigen Strecke könne man die
U5 aber sein lassen und durch ein Netz von vier neuen
[4][Straßenbahnlinien] ersetzen.
Für die Verkehrspolitikerin der Linken, Heike Sudmann, die die Studie
vorstellte, kommt die U5 vor allem viel zu spät. So soll der erste
Abschnitt erst 2033 fertig sein und der letzte erst in den 2040ern
beginnen. „[5][Das ist zu spät] für die dringend [6][benötigte
Mobilitätswende]“, sagt Sudmann.
Hinzu komme, dass angesichts der angespannten Haushaltslage in Bund und
Land die Finanzierung der bislang veranschlagten Kosten von 16,5 Milliarden
Euro sehr unsicher sei. Auch sei während der Baumaßnahmen mit jahrelangen
Sperrungen von Hauptverkehrsstraßen zu rechnen. „Der Tunnel für die U5 ist
nicht die Lösung für Hamburgs Verkehrsproblem“, sagt Sudmann, die sich seit
Jahren vergeblich für eine Straßenbahn engagiert.
## Nicht zu spät für eine Straßenbahn
Es heißt immer wieder, es sei zu spät für eine Straßenbahn. Doch Doege und
Ode haben nun eine Lösung erarbeitet, wie Hamburg beides verbinden könnte:
ein bisschen U5 und ganz viel Straßenbahn.
Als „U5neo“ könnten, so Doege, die von Bramfeld und Steilshoop kommenden
Züge an den bestehenden U-Bahnhöfen Borgweg oder Saarlandstraße ins Netz
der heutigen Linie U3 einfädeln. An der Saarlandstraße gibt es sogar
bereits einen zweiten Bahnsteig. Die Fahrgäste aus Steilshoop könnten so
auch den regional wichtigen Bahnhof Barmbek erreichen und von dort Richtung
Süden über Berliner Tor und den Hauptbahnhof auf der Linie U2 weiter bis
Hagenbecks Tierpark fahren.
Die bisher geplante neue U5-Linie, die in einem tiefen Bogen unten um die
Alster führt, verläuft nahezu parallel zu den bestehenden Linien. Der neue
Bahnhof St. Georg ist fußläufig zum Bahnhof Lohmühlenstraße geplant, und
der neue Bahnhof Uhlenhorst wäre nah am Bahnhof Uhlandstraße. Diese beiden
neuen Haltepunkte hätten also gar keine U-Bahn nötig, so die
Studienautoren. Die „U5plan“, wie sie die Reststrecke nennen, kreuzt allein
sieben Haltestellen, die es heute schon gibt, erschließt dort also kein
neues Gebiet.
Entsprechend misstrauen Doege und Ode den prognostizierten Fahrgastzahlen
der Hamburger Hochbahn, die insgesamt von mehr einer halben Million
Fahrgäste für die neue Linie pro Werktag ausgeht. Am Hamburger Bahnhof
Stephansplatz zum Beispiel hält schon heute die blaue Linie U1, die aus dem
Nordosten aus den Walddörfern kommt und im Nordwesten Norderstedt erreicht.
Hier steigen heute täglich 19.869 Fahrgäste ein und aus.
Für die U5 rechnet die Stadt dort mit 68.800 Ein- und Ausstiegen täglich.
„Das sind fast dreimal so viele Fahrgäste, wie heute schon die U1 und die
beiden Buslinien M4 und M5 nutzen“, sagt Jens Ode. Auch an den meisten
anderen der 24 geplanten Haltestellen lägen die prognostizierten Zahlen um
ein Vielfaches über dem, was realistisch scheint. „Die von uns ermittelten
Fahrgastzahlen aufgrund der heutigen Nutzung zeigen, wie sehr der Senat und
die Hochbahn die Zahlen schönen“, sagt Ode.
## Jeder Euro muss mehr als einen Euro Nutzen bringen
Wichtig sind diese Zahlen für das Nutzen-Kosten-Verhältnis. Hier muss der
Faktor über eins liegen – also jeder Euro muss mehr als einen Euro Nutzen
bringen –, damit der Bund einen Teil der Kosten übernimmt.
Laut einer aktuellen Haushaltsdrucksache zur U5, die die Mehrkosten wegen
aufwendigerer Planungen beinhaltet, liegt das Nutzen-Kosten-Verhältnis der
U5 von Bramfeld bis zu den Arenen am Volkspark derzeit bei 1 zu 1,27. Der
Bund hatte laut Senat eine Teilfinanzierung des ersten Abschnitts im
November 2023 schon zugesagt und das Vorhaben in das
Gemeindefinanzierungsgesetz aufgenommen.
Doch für die Berechnung dieses Nutzenverhältnis gelten laut Doege gewisse
Kriterien. Wenn Fahrgäste das Auto stehen ließen, zähle dies mit rein. Wenn
aber nur Fahrgäste von einer U-Bahn-Linie zur anderen abgeworben werden,
gäbe es kein Geld. „Wenn da ein paar ausgeschlafene Beamte der
Bundesregierung nachgucken, sieht es für Hamburg finster aus.“ Sprich: Die
Stadt könnte auf den Milliarden-Kosten sitzenbleiben.
## Straßenbahn wäre laut Studie günstiger als U-Bahn
Mit einem Kilometerpreis von maximal 35 Millionen Euro wäre es wesentlich
günstiger, in Hamburg doch eine Straßenbahnlinie zu bauen. Doege und Ode
haben dafür entlang des Einzugsbereichs der geplanten U5 vier Korridore
identifiziert, entlang derer so ein Straßenbahnbau sinnvoll wäre.
Eine Linie führe von Niendorf Markt aus an der Universität Hamburg und St.
Georg zum Bahnhof Mundsburg. Dort würde auch eine weitere Linie halten, die
im Norden weiter bis zum Borgweg und im Süden bis zur Veddel führt. Jene
Haltepunkte, die durch einen Verzicht auf den Weiterbau der U5 über die
City Nord hinaus dann doch keine U-Bahnhöfe werden, würde die Straßenbahn
trotzdem anfahren. Dabei wären sie angenehm oberirdisch unterwegs.
Laut den Berechnungen der Studie wären die Menschen von Haustür zu Haustür
außerdem 40 Prozent schneller als mit der bisher geplanten U5, weil es
statt 24 ganze 91 Stationen und damit kürzere Wege dahin gibt. Die dritte
Stadtbahn-Linie führe von der Kellinghusenstraße an der Uniklinik vorbei
nach Altona. Eine vierte von der Uniklinik über Stellingen bis nach Osdorf.
So könne man wesentlich mehr Hamburgern einen bequemen Wechsel vom Auto zum
ÖPNV bieten, sagt Ode. „Und das nicht nur in deutlich kürzerer Zeit,
sondern auch zu einem Bruchteil der Kosten.“
Heike Sudmann will die Studie an Behörde und Verkehrsausschuss weitergeben.
„Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass der Senat sich von seiner
[7][unterirdischen Verkehrspolitik] verabschiedet“, sagt sie doppeldeutig.
Die Verkehrsbehörde nimmt die Studie zur Kenntnis und werde sich, so teilte
sie der taz mit, damit auseinandersetzen. Sie halte die bisherige
U5-Planung aber für die beste Lösung für die Mobilitätsentwicklung
Hamburgs.
13 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Folgen-aus-Hamburgs-Klima-Entscheid/!6114321
(DIR) [2] https://www.linksfraktion-hamburg.de/wp-content/uploads/2026/08/Studie-U5-Alternativen-ab-Borgweg.pdf
(DIR) [3] /Studienautor-ueber-Hamburger-Nahverkehr/!5876752
(DIR) [4] /Klimaschutz-in-Hamburg/!6121322
(DIR) [5] /Stadtbahndebatte-in-Hamburg/!5881633
(DIR) [6] /Hamburger-Debatte-um-Nahverkehr/!5858347
(DIR) [7] /Verkehrs-Streit-in-Hamburgs-SPD/!5938340
## AUTOREN
(DIR) Kaija Kutter
## TAGS
(DIR) Straßenbahn
(DIR) Öffentlicher Nahverkehr
(DIR) Hamburg
(DIR) Verkehrswende
(DIR) Die Linke Hamburg
(DIR) Umweltbehörde Hamburg
(DIR) Hamburg
(DIR) Verkehrswende
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Folgen aus Hamburgs Klima-Entscheid: Die Stadtbahn hat wieder Chancen
Im Gutachten zum Klima-Volksentscheid ist die Straßenbahn kein Thema. Das
bedeute aber keine inhaltliche Ablehnung, sagen die Verfasser.
(DIR) Nahverkehrs-Politik im Hamburg-Wahlkampf: Alstersegler sollten Linke wählen
Nur Kleinparteien, Linke und Grüne wären für die Straßenbahn. SPD und CDU
setzen auf teure U5. Aber deren Bau braucht riesige Flächen in der City.
(DIR) Teure Verkehrwende in Hamburg: Eine U-Bahn für über 16 Milliarden
Hamburgs Senat legt eine Kostenschätzung für die neue U5 vor und hofft,
dass der Bund 75 Prozent trägt. Kritiker finden das Vorhaben so oder so zu
teuer.