# taz.de -- Sonnenfinsternis und Rote Riesen: Wenn Himmelskörper ausgrenzen
       
       > Als Kind erlebte unsere Autorin die Sonnenfinsternis von 1999, aber hatte
       > keine Schutzbrille. Eine Geschichte über Ausgrenzung – und explodierende
       > Sterne.
       
 (IMG) Bild: Sonnenfinsternis 1999 mit ungeeigneter Brille: Wer sich selbst eine Schutzbrille bastelt, gefährdet seine Augen
       
       Das Jahr 1999 war ziemlich aufregend. Nicht nur, weil man auf eine
       Jahrtausendwende zusteuerte, sondern auch wegen jenes Tages, der an diesem
       Dienstag genau 27 Jahre her ist: der 11. August 1999. An diesem Tag fand
       eine totale Sonnenfinsternis statt, deren Kernschatten zur frühen
       Mittagszeit genau über Deutschland stand.
       
       Ich war damals zehn Jahre alt, die 5. Klasse auf der neuen, weiterführenden
       Schule hatte gerade begonnen. Wochenlang war die Sonnenfinsternis in aller
       Munde, denn es war ein Ereignis, das in der Konstellation erst wieder am 3.
       September 2081 passieren wird. Zu dem Zeitpunkt werde ich 92 Jahre alt sein
       – es ist also fraglich, ob ich dann noch am Leben bin. All den erwachsenen
       Menschen damals dürfte klar gewesen sein: Sie werden es nicht mehr sein.
       
       Damals konnte man die Brillen für wenige D-Mark kaufen – wobei sie alsbald
       ausverkauft waren – oder man bekam sie als aufgeklebtes Extra bei
       Zeitschriften dazu.
       
       Dennoch hatte ich keine. Ich komme aus einer kinderreichen Familie, das
       Geld war immer knapp, erst recht für Dinge, die verzichtbar waren. Und eine
       Brille, um sich kurz eine Sonnenfinsternis anzusehen, war eben genau das:
       verzichtbar. Eine Brille schaffte es zwar via Extra einer
       Fernsehprogrammzeitschrift in den Haushalt meiner Eltern, aber die
       reklamierte ein anderes Familienmitglied für sich.
       
       ## Ohne Brille musste man im Klassenzimmer bleiben
       
       Und so kam der Tag der historischen Sonnenfinsternis im Jahr 1999. Gegen 11
       Uhr vormittags verschwand die Sonne allmählich hinter dem Mond. Um die
       beiden Himmelskörper zu beobachten, durften alle Schulkinder während der
       Unterrichtszeit nach draußen auf den Pausenhof gehen. Diejenigen, die keine
       Schutzbrille hatten, mussten drinnen bleiben. Weil es gefährlich ist, ohne
       eine solche Brille in Richtung Sonne zu blicken, ließ mein Lehrer die
       brillenlosen Kinder nicht aus dem Klassenzimmer.
       
       27 Jahre sind eine lange Zeit, ich erinnere mich nicht mehr genau, wie
       viele Kinder neben mir im Klassenzimmer bleiben mussten, aber ich weiß
       noch, dass es allenfalls ein paar einzelne waren. Ich weiß auch nicht mehr
       genau, wie es dazu kam, dass ich irgendwann doch auf dem Pausenhof stand
       und mich eine Klassenkameradin kurz durch ihre Brille schauen ließ. Ich sah
       die sich nähernden Ränder der Umrisse von zwei großen Kugeln in riesiger
       Schwärze. Komplett dunkel wurde es dort, wo ich war, nicht, da sich der
       Kernschatten über Süddeutschland bewegte und ich mich in
       Nordrhein-Westfalen befand. Vielleicht erinnere ich mich an ein kurzes
       düsteres Flackern, aber ich bin nicht sicher.
       
       ## Ein guter Grund, um alt zu werden
       
       Auch wenn ich viele Details jenes Tages vergessen habe, erinnere ich mich
       an eine Sache sehr genau: Das bittere Gefühl, ausgegrenzt zu sein, an einem
       großen Spektakel nicht teilhaben zu dürfen, etwas zu verpassen, und zwar
       gleich etwas Einmaliges. Ich dachte: Ich muss auf jeden Fall 92 Jahre alt
       werden, damit ich es mir dann angucken kann.
       
       Wenn ich in diesen Tagen all die Artikel über die partielle
       Sonnenfinsternis lese, die an diesem Mittwochabend über Deutschland
       sichtbar sein wird, dann kommt dieses bittere Gefühl zurück. Ich hoffe,
       dass jedes Kind, das diesen Vorgang beobachten will, die Möglichkeit dazu
       hat. Dass keine [1][Lehrkraft] oder Betreuungsperson Kinder zurücklassen
       wird, sondern sich darum kümmert, dass auch die Kinder ohne eigene Brille
       etwas Besonderes zu sehen bekommen können.
       
       Der Blick in den Himmel ist für uns Menschen oft mit existenziellen Fragen
       verbunden. Was ist das alles? Wo sind wir da drin? Was ist der Grund für
       unser kurzes Dasein? Und was kommt danach?
       
       Bei klarem Nachthimmel lässt sich manchmal mit bloßem Auge im Sternbild des
       Orion der Riesenstern Beteigeuze erkennen. Er ist so riesig, dass unsere
       Sonne im Größenvergleich mit ihm ein nicht zu erkennender Winzling ist: Sie
       ist rund 1.000 Mal kleiner. Wäre Beteigeuze unsere Sonne, würde sie bis zum
       Jupiter reichen.
       
       Rund 550 Jahre vergehen, bis wir das Licht des Sterns bei uns auf der Erde
       sehen können. Seine Farbe ist orange bis rot, in der Antike leuchtete er
       noch gelb. Beteigeuze ist ein sogenannter Roter Riese, ein alternder Stern,
       der bald explodieren und als Supernova am Himmel stehen wird.
       
       ## „Bald“ ist relativ
       
       Das wäre ein Spektakel, gegen das jede Sonnenfinsternis langweilig sein
       dürfte. Denn es würde so aussehen, als stünde ein zweiter Mond am Himmel.
       Ich freue mich immer, wenn ich [2][den Mond] am Himmel entdecke – und würde
       wirklich sehr gerne erleben, wie ein zweiter dazukommt.
       
       Allerdings ist „bald“ bei astronomischen Berechnungen relativ. Die
       Explosion könnte morgen passieren, in hunderttausend oder in 1,5 Millionen
       Jahren. Oder sie ist bereits passiert. Aber damit wir den zweiten Mond noch
       zu unserem Lebzeiten zu Gesicht bekommen, müsste es schon vor 500 Jahren
       passiert sein. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist gering. Und so ist auch die
       Geschichte von Beteigeuze die einer Ausgrenzung.
       
       Der Himmel grenzt uns immer aus. Und zeigt uns dadurch, wo der Ort ist, an
       den wir gehören: die Erde, dieses Wunder von einem Planeten. Er zeigt uns,
       wie kurz unsere Zeit in dieser ganzen Unendlichkeit ist, und dass wir das
       Beste daraus machen müssen. So ist der Blick zu den Himmelskörpern immer
       ein Ereignis – ob mit Schutzbrille während einer Sonnenfinsternis oder
       [3][in jeder einzelnen sternklaren Nacht], die wir erleben.
       
       11 Aug 2026
       
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 (DIR) Eva Fischer
       
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