# taz.de -- Dokumentarfilm „Blame“: Jemand muss doch schuld sein
> In seinem Dokumentarfilm „Blame“ geht Christian Frei coronabedingten
> Verschwörungsmythen nach, die WissenschaftlerInnen zu Sündenböcken
> machten.
(IMG) Bild: In Schutzanzügen erkunden die Forscher die Population
Dieser Film ist eine augenöffnende Nachhilfelektion in vielerlei Hinsicht.
Nebenbei lernt mensch Wissenswertes über Fledermäuse; zum Beispiel, dass
sie, neben den Flughunden, die einzigen fliegenden Säugetiere sind (na gut,
darauf wäre man mit etwas Nachdenken vielleicht selbst gekommen). Oder,
weit wichtiger, dass sie über ein absolut einzigartiges, aus unserer Sicht
beneidenswertes Immunsystem verfügen. Fledermäuse sind immun gegen
praktisch alles und können daher eine Vielzahl von Erregern in ihrem
Organismus beherbergen, ohne daran zu erkranken – im Gegensatz zu anderen
Lebewesen, die mit ihnen oder ihren Ausscheidungen in Berührung kommen.
Letzteres passiert häufig, denn Fledermausguano wird in ganz Ostasien
gesammelt und als Dünger eingesetzt. Eine eindrucksvolle Einstellung gegen
Ende des Films zeigt eine Fledermaushöhle, in der zwei sehr verschiedene
Gruppen von Menschen parallel ihrer Arbeit nachgehen: eine Gruppe von
VirologInnen in Ganzkörper-Schutzanzügen und Atemmasken – und eine Gruppe
von Guanosammlern, ungeschützt in Alltagskleidung.
Der [1][Schweizer Dokumentarfilmer Christian Frei] hat für seinen Film drei
WissenschaftlerInnen begleitet beziehungsweise befragt: Linfa Wang, Experte
für zoonotische Krankheiten,aus Singapur. Den [2][britischen Zoologen und
Krankheitsökologen Peter Daszak], der mit seiner (wegen gestrichener
US-Subventionen inzwischen aufgelösten) EcoHealth Alliance den Zusammenhang
zwischen tierischer und menschlicher Gesundheit erforschte. Und die
[3][chinesische Virologin Zhengli Shi], der staatlicherseits die Mitwirkung
am Film untersagt worden war, weshalb sie nur in Zoom-Gesprächen und
Archivmaterial präsent sein, aber nicht direkt vor Freis Kamera auftreten
kann. Zhengli leitete das Institut für Virologie in Wuhan, als es in der
Zeit der coronabedingten Lockdowns als potenzieller Ursprungsort des
Sars-CoV-2-Virus durch die Medien gereicht wurde.
Freis Film zerpflückt diese sogenannte Laborhypothese (die letztlich sogar
von einem ausführlichen CIA-Bericht zurückgewiesen wurde) sehr gründlich.
Er zeigt, wie die VirologInnen, allen voran Zhengli, die seit Jahrzehnten
an durch Fledermäuse übertragenen Coronaviren forschte, und Daszak, der
nach der ersten Sars-Epidemie vor zwanzig Jahren einen ähnlichen Ausbruch
in den nächsten Jahrzehnten vorausgesagt hatte, von Teilen der (nicht nur
sozialen) Medien als Seuchenbringer dämonisiert und zu Akteuren in diversen
Verschwörungsmythen fiktionalisiert wurden.
Vor allem in den USA – KonsumentInnen seriöser europäischer
Nachrichtenmedien haben davon wenig mitbekommen – wurden einschlägige Fake
News von politischer Seite befeuert und finanziert. Auf der anderen Seite
des Einflussspektrums taten die chinesischen Behörden alles, um zu
verschleiern, dass auf dem Markt in Wuhan entgegen geltender Gesetzeslage
lebende Tiere verkauft wurden. Unter, wie Bilder eines unabhängigen
Fotografen zeigen, die Frei in seinem Film verwendet, teils entsetzlichen
hygienischen Verhältnissen. Bodenproben aus dem geschlossenen Markt wurden
später im Labor an mehreren Stellen positiv auf den Corona-Erreger
Sars-CoV-2 getestet.
## Prekäres Verhältnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit
Es geht Frei um mehr als um die mediale Rehabilitation der zu Unrecht
angegriffenen WissenschaftlerInnen. Sein Film ist auch eine Reflexion
darüber, wie und warum wir Menschen dazu neigen, hinter allem Unheil, das
uns zustößt, eine Absicht erkennen zu wollen. Das prekäre Verhältnis der
Wissenschaft, mit ihren nicht leicht zugänglichen und oft unbefriedigenden
Erkenntnissen, zur allgemeinen Öffentlichkeit thematisiert er im Gespräch
mit dem Schweizer Wissenschaftsblogger Philipp Markolin und der
chinesischen Journalistin Jane Qiu.
Insbesondere Qiu lässt deutlich erkennen, dass sie auch Frei gegenüber ihre
kritische Haltung bewahren will und zudem dem Seuchenexperten Peter Daszak
misstraut, der in der öffentlichen Kommunikation Fehler gemacht habe. Der
Off-Kommentar bestätigt diese Einschätzung prinzipiell; detaillierter
steigt Frei an diesem Punkt aber nicht ein, was schade ist.
„Blame“ ist kein Popcorn-Movie; die vielen talking heads und der
reichhaltige Info-Input erfordern geistige Mitwirkung bei den
ZuschauerInnen. Die mentale Arbeit wird belohnt durch eindrucksvolle
visuelle Exkurse. Impressionen aus asiatischen Großstädten, aufgenommen mit
der Autokamera bei der Fahrt durch vegetationslose Häuserschluchten,
illustrieren die Naturferne menschlicher Existenzformen. Im Kontrast dazu
spenden grüne Urwälder, in denen die Forschenden auf Fledermauskotjagd
gehen, Balsam fürs Auge.
Ein anderer, denkbar scharfer Kontrast, besteht zwischen
Fledermausdarstellungen in der europäischen Kunstgeschichte, wo die
geflügelten Säuger meist als Sendboten des Bösen dargestellt wurden, und
Filmaufnahmen realer Fledermäuse, die im Labor aus Pipetten gefüttert
werden. Wenn ihr Schnäuzchen so niedlich zwischen behandschuhten
Menschenhänden hervorschaut, erinnern sie mit ihren kleinen Öhrchen und
großen Augen an kleine Hundewelpen. Kaum vorstellbar, dass diese grazilen
Tiere uns das Sars-CoV-2-Virus beschert haben sollen. Aber bis heute ist es
immer noch die wahrscheinlichste Erklärung.
15 Apr 2026
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