# taz.de -- Wahlen in Berlin: Abstimmen am Späti
> Noch nie waren in Berlin so viele Menschen nicht wahlberechtigt. Mit
> einer Symbolwahl in Spätis klärt eine Initiative darüber auf, was das für
> Folgen hat.
(IMG) Bild: Hier dürfen alle mit abstimmen: Symbolwahl am Lausitzer Platz
Halil Can sitzt auf einer Bierbank vor einem Späti am Lausitzer Platz
zwischen Leuchtreklame für Bier, Kaffee und Softdrinks. „Wahllokal“ steht
auf einem DIN-A4-Zettel an der Schaufensterscheibe hinter ihm, auf dem
Tisch vor sich hat er eine Plastikbox als Wahlurne aufgebaut.
So ausgerüstet, spricht Can Passant*innen an. Der 19-jährige Önder Akif
Sivrikaya ist am Sonntagabend mit seinen Eltern unterwegs. Der Sohn ist
eingebürgert, die Eltern haben die türkische Staatsbürgerschaft, obwohl sie
ihr gesamtes Leben hier verbracht haben. Can lädt die Eltern ein, ihre
Kreuze zu machen, dafür gibt es einen Zettel mit den Namen [1][der
Spitzenkandidat*innen der Parteien] von Linke, Grünen, SPD, CDU, AfD
und BSW, daneben eine Liste der zur Wahl zugelassenen Parteien. Erststimme
und Zweitstimme steht darüber, und ganz oben, in Rot: „kein amtlicher
Wahlzettel“.
Auf diesen Blättern dürfen am Sonntagabend – rein symbolisch – alle
diejenigen abstimmen, [2][die bei der Berlinwahl im September nicht
wahlberechtigt sind]. Organisiert ist die Symbolwahl [3][vom bundesweiten
Bündnis Pass(t) uns allen] gemeinsam mit dem Migrationsrat, der
Bundeskonferenz der Migrant*innenorganisationen, Berliner Späti e. V. und
der [4][Kampagne Sonntag Spätitag].
Für den 19-jährigen Sivrikaya ist die Wahl zum Abgeordnetenhaus die erste
Wahl, bei der er abstimmen dürfte. Trotzdem sagt er: „Ich habe eigentlich
nicht vor, wählen zu gehen.“ Bundestag, da vielleicht eher, schiebt er
nach. Oft zeigt sich: Wer bei der ersten Wahl nicht abstimmt, der geht auch
später nicht wählen. Sivrikaya sagt, er interessiere sich mehr für die
Politik in der Türkei als für die in Deutschland. Allerdings fällt es ihm
leicht, seine Eltern beim Ausfüllen des Stimmzettels zu beraten.
## Deutscher Pass war nie notwendig
„Sie will auf jeden Fall hierbleiben, und ich will weg, in die Türkei“,
sagt Sivrikaya noch über seine Mutter, diese nickt, dann müssen die drei
weiter. Eine ganz typische Begegnung, sagt Can von der Symbolwahl. „Der
Vater meinte, dass sie es nie für notwendig befunden haben, die deutsche
Staatsbürgerschaft zu beantragen, sie kämen auch ohne den Pass klar“,
erzählt er. Can habe ihm dann gesagt, dass er wohl alle Voraussetzungen
erfülle, um sich einbürgern zu lassen. „Am Ende meinte der Vater, dass es
eigentlich doch sinnvoll wäre“, erzählt Can.
Im Schnitt darf jede*r dritte Berliner*in nicht wählen. Der [5][RBB hat
ausgerechnet, dass rund 1,4 Millionen Berliner*innen] bei der kommenden
Wahl ausgeschlossen sind – etwa, weil sie keine Staatsbürger sind oder weil
sie zu jung sind, die Zahl bezieht sich auf die gesamte Bevölkerung. Das
sind mehr als je zuvor – seit der Wahl 2016 ist die Zahl beständig
gestiegen. Bis 2011 waren konstant etwas mehr als 900.000 Menschen bei
[6][Wahlen in Berlin nicht wahlberechtigt].
„Viele wissen gar nichts von der [7][Reform, mit der es nun möglich ist,
die bisherige Staatsbürgerschaft bei einer Einbürgerung] zu behalten“, sagt
Can. „Die Bundesregierung hätte eigentlich eine richtige Kampagne dazu
machen müssen“, findet er. Der Sohn hingegen habe sich mit den deutschen
Parteien gut ausgekannt. „Warum interessieren sich Menschen nicht für die
Politik hier, obwohl sie gut informiert sind?“, fragt er. „Auf diese Frage
müssen wir eine Antwort finden.“
## Aufruf zur Wahl vom Türkischen Bund
Antworten auf solche Fragen sucht auch der Türkische Bund in
Berlin-Brandenburg (TBB). Mit [8][einer Kampagne wollen sie die
Wahlbeteiligung besonders unter Menschen mit Migrationsgeschichte] erhöhen.
Denn [9][Studien zeigen, dass gerade in der türkeistämmigen Community die
Wahlbeteiligung unter dem Durchschnitt] liegt.
„Viele sagen uns, dass sie nicht wählen gehen, weil sie mit der Politik
unzufrieden sind“, erklärt TBB-Vorstandssprecherin Ayșe Demir. Wenn
Jugendliche sich für die Politik in mehreren Ländern interessieren, sei das
durchaus positiv. „Aber wenn Menschen, die hier geboren sind, sich
abwenden, dann läuft hier im System etwas falsch, etwa dass diese
Jugendlichen starke Ausschlusserfahrungen machen“, sagt Demir.
Generell seien die Menschen aber informiert, ist ihr Eindruck. „Ich sehe
auch viele Berichte in türkischen Medien über die Berlinwahl, und dass wir
eine türkeistämmige Spitzenkandidatin haben“, sagt sie. Die
Wahlberechtigten würden sich inzwischen allen Parteien zuwenden, während
die Community in den 70er Jahren noch sehr SPD-nah war. „Wir sprechen mit
jungen Unternehmern, die die FDP wählen, eher Konservativen, die sich der
CDU nahe fühlen, und auch mit Menschen, die sagen, sie wählen die AfD“,
sagt Demir. Der TBB ruft dazu auf, demokratisch zu wählen.
## Wahlrecht für alle?
Bei der Symbolwahl an den Spätis sind auch die Wahlberechtigten gefragt:
Ihnen händigten die Freiwilligen Zettel mit einer Umfrage aus. „Ich stimme
für das Wahlrecht aller Einwohner*innen – unabhängig vom Pass“ steht
darüber, die Befragten können dort angeben, ob sie das Wahlrecht für alle
unterstützen würden: bei kommunalen Wahlen, bei Landtagswahlen, bei
Bundestagswahlen oder Europawahlen.
„Die [10][meisten sind dafür, dass alle hier auch wählen dürfen]“, ist der
Eindruck von Halil Can nach einem Abend vor dem Späti. Einige hätten
gesagt, dass sie es nur EU-Bürgern zugestehen würden, oder dass es schon
notwendig sei, eine gewisse Anzahl von Jahren in Deutschland gelebt zu
haben. Die Initiative will die Antworten in den kommenden Wochen auswerten.
Am Späti am Lausitzer Platz baut Can langsam sein „Wahllokal“ ab. Die
Initiative will am kommenden Sonntag noch mal symbolisch in Spätis in
Spandau, Charlottenburg, Steglitz, Wilmersdorf, Wedding Neukölln und
Kreuzberg abstimmen lassen. Der [11][Bezirk Mitte plant eine eigene
Symbolwahl] ab Ende August. „Diese Gespräche lösen etwas aus, das ist wie
ein Impuls“, ist Can sich sicher. „Ich vermute, dass die drei aus der
Familie vorhin zu Hause weiter darüber reden“, sagt er. „Wer weiß,
vielleicht ändert der Sohn noch seine Meinung.“
10 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /SPD-Spitzenkandidat-ueber-Enteignungen/!6202334
(DIR) [2] /Hunderttausende-duerfen-nicht-waehlen/!5797714
(DIR) [3] https://passtunsallen.de/
(DIR) [4] https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2026/05/berlin-spaeti-spaetverkauf-volksbegehren.html
(DIR) [5] https://www.rbb24.de/politik/berlin-wahl-2026/beitraege/berlin-wahl-wahlberechtigung-wahlrecht-abgeordnetenhaus-bvv.html
(DIR) [6] https://www.rbb24.de/politik/berlin-wahl-2026/beitraege/wahlrecht-auslaender-eu-buerger-migranten-agh-bvv-partizipation.html
(DIR) [7] /Erfolg-des-Doppelpass/!6183571
(DIR) [8] https://www.tbb-berlin.de/berliner-wahlen-2026
(DIR) [9] https://mediendienst-integration.de/bevoelkerung/tuerkeistaemmige-in-deutschland/politische-einstellungen-tuerkeistaemmiger/
(DIR) [10] /Auf-dem-Weg-ins-Parlament/!6195161
(DIR) [11] http://www.symbolwahl-berlin-mitte.de/
## AUTOREN
(DIR) Uta Schleiermacher
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