# taz.de -- Debatte um Rente: Nicht einlassen auf das Krümelverteilergerede von oben
       
       > In Köln pfeifen die Sittiche vom Generalstreik. Außerdem: Deutsche Medien
       > im Instakachel-Modus in Ceuta, Männer, die sich raffen müssen – und
       > Ariana Grande.
       
 (IMG) Bild: Ariana Grande auf dem roten Teppich bei den 83. jährlichen Golden Globes in Beverly Hills, 2026
       
       taz: Frau Irmschler, was war schlecht vergangene Woche? 
       
       Paula Irmschler: In meiner Stadt, die keine Ausnahme ist, geht es mit jeder
       Woche menschenfeindlicher zu. Die Armut wird größer, der Fluss verpufft, es
       gibt keine saftigen Wiesen mehr, stattdessen liegt überall Stroh herum und
       jeder weiß warum. Überleben sollen am Ende nur Autos und Straßen und dafür
       wird alles getan, gebaut und verdrängt. Zudem werden [1][Leute mit
       Autoritätsfetisch] mit immer mehr davon ausgestattet – Security, Polizei,
       Mitarbeiter hier und da –, um Leute, die keine kühlende Bleibe haben, bei
       ihrer Suche danach zu vertreiben. Der Nächstenliebe-Eintritt zum Kölner Dom
       beträgt jetzt zum Beispiel 12 Euro und damit irgendein Dödel mit hässlicher
       Weste die öffentliche Toilette in der Innenstadt vor kranken, armen Leuten
       beschützt, gibt die Stadt eine halbe Million pro Jahr aus.
       
       taz: Und was wird besser in dieser? 
       
       Irmschler: Die letzten überlebenden Vögel pfeifen hier von den Dächern,
       dass die Leute sich das nicht mehr gefallen lassen und sich zusammentun und
       streiken. Von Generalstreik wird gar von den hier ansässigen grünen
       Halsbandsittichen herumgezwitschert. Man darf gespannt sein.
       
       taz: 45 Jahre sind ein langes Arbeitsleben, das für eine Rente ohne
       Abschläge reichen muss, sagt Brandenburgs SPD-Regierungschef Dietmar
       Woidke. Stimmen Sie zu? 
       
       Irmschler: Ich habe diese verrückte Idee, dass man sich auf diese Art
       [2][Krümelverteilergerede von oben] gar nicht einlassen muss. Wieso Zeit
       damit verschwenden, zu überlegen, warum man Leuten unterschiedlich wenig
       geben sollte, damit sie dann unterschiedlich schlecht davon leben, während
       andere einfach mehr und mehr und mehr mit unseren Grundbedürfnissen (wie
       zum Beispiel wohnen, essen, leben) Profit machen, statt es diesen Reichen
       einfach wegzunehmen? Ich als Politikerin sage: Alle sollen haben, was sie
       brauchen. Egal wer wie viel arbeiten kann oder konnte. Es gibt ja gar nicht
       zu wenig.
       
       taz: Bis zu 60.000 Menschen sind von Marokko in die spanische Exklave Ceuta
       geflüchtet. Ist die Berichterstattung in Deutschland dem Thema gerecht
       geworden? 
       
       Irmschler: Nö. Deutsche Medien lassen sich seit Jahren von Plattformlogiken
       herumschubsen und setzen online auf Effekthascherei und viel zu behämmerte,
       verkürzte Sprache, die in Fällen von Migration und Krieg fast nur noch
       populistisch ist. So gut wie jedes Medium verfiel bereitwillig der inneren
       rassistischen Verlockung und umschrieb die Menschen und deren Not mit
       Begriffen wie „Flut“ und „Sturm“. Das war wirklich totale Scheiße, die
       deutsche Medien da abgezogen haben, um es Zitatkachel-like zu sagen.
       
       taz: Die Popwelt blickt gerade mal wieder auf Ariana Grande. Gibt es
       überhaupt einen guten Weg über Promis und ihre Körper zu reden? 
       
       Irmschler: Über Körper selbst wahrscheinlich nicht, weil man einfach nicht
       wissen kann – und es einen auch nichts angeht –, wie es einem anderen
       Körper geht und weshalb er wie aussieht. Die Leute ziehen Schlüsse, denn
       sie haben irgendwann in den 80ern (welchen Jahrhunderts auch immer)
       gelernt: dick = faul, viel am Essen und wertlos, dünn = Disziplin, gut
       beherrschbar, zart. Stimmt aber alles nicht, Körper entwickeln sich aus
       vielen Gründen unterschiedlich und weisen unterschiedlich viel Stärke oder
       Fitness auf. Schön sind eh alle. Worüber man, gerade in der Kultur, besser
       sprechen kann, ist Performance, Darstellung, Symbole, denn darum geht es
       ja. Wieso sehen weibliche Körper im Pop zum Beispiel immer mehr aus wie von
       Ausbeutern aus der Sexindustrie ausgedacht oder wieso verkaufen Popstars
       uns Produkte, die uns einschnüren und unbeweglich machen sollen
       (Shapewear), mit denen wir unseren Körper bekämpfen sollen (Abnehmprodukte)
       oder sinnlose, giftige, wirklose Cremes (Anti-Ageing)? Wieso hauchen
       weibliche Popstars ihre Songs teilweise nur ins Mikro und wieso kriechen
       sie bei Auftritten auf dem Boden herum? Wieso rasieren sie sich alle
       kollektiv den ganzen Körper?
       
       taz: Der Terroranschlag auf den Berliner CSD liegt nun gut zwei Wochen
       zurück. Worüber ist zu wenig gesprochen geworden? 
       
       Irmschler: Darüber, dass viel zu schnell zu viele bereit waren, die Sprache
       der Polizei und ihre Erzählung hinzunehmen. Wie schnell zum Beispiel linke
       Online-Aktivist:innen und Journalist:innen das Fahndungsbild einer
       migrantisierten Person durch soziale Netzwerke jagten, war nach allem, was
       spätestens seit den „Dönermorden“ über unsere liebe Polizei herausgekommen
       ist, ganz schön irritierend. In der Nacht drauf hat Deutschland übrigens
       wieder Menschen nach Afghanistan abgeschoben.
       
       taz: Schon wieder steht ein Mann vor Gericht, der mehrere Frauen betäubt,
       vergewaltigt und dabei gefilmt haben soll. Diesmal wird es der Berliner
       Pelicot-Fall genannt. Wie können wir damit umgehen, ohne an der
       überwältigenden Anzahl von Taten zu verzweifeln? 
       
       Irmschler: Man kann damit nicht umgehen und man muss daran verzweifeln. Es
       ist so banal und warum auch immer so schwer: Männer müssen aufhören,
       [3][diese unsägliche Scheiße zu bauen]. Männer müssen sich raffen. Männer
       müssen aufhören, Frauen zu hassen, sie auszubeuten, sie zu missbrauchen,
       sie sich schwach und halb oder ganz tot zu wünschen. Sie können damit heute
       noch aufhören, wenn sie es wollten.
       
       Fragen: Selina Hellfritsch 
       
       Paula Irmschler ist Autorin und Musikjournalistin. Sie vertritt an dieser
       Stelle für zwei Wochen Friedrich Küppersbusch.
       
       9 Aug 2026
       
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