# taz.de -- Wasserknappheit am Colorado River: Zu wenig Fluss für zu viele Wünsche
> Der alte Traum vom grenzenlosen Westen kollidiert am Colorado mit der
> Dürre. Während in Cave Creek nur abgewartet wird, zeigt Phoenix neue Wege
> auf.
(IMG) Bild: „Badewannenrand“: Mineralhaltige Ablagerungen markieren die früheren Wasserstände des Lake Mead, Nevada (USA)
Shawn Kreuzwiesner wirkt erstaunlich gelassen. Der drahtige Mittfünfziger
lehnt sich in seinem Bürostuhl in der Stadtverwaltung von Cave Creek, einem
5.000-Seelen-Ort in der Wüste von Arizona, zurück und zeigt auf die
Versorgungskarte seiner Gemeinde. Sie ist übersät von blauen und grünen
Punkten, die zeigen, woher die einzelnen Anwesen ihr Wasser beziehen: Blau
ist die Hauptwasserversorgung aus einem Kanal, der das Wasser des Colorado
River abzweigt, grün sind wild gebohrte Grundwasserbrunnen.
Eigentlich müsste Kreuzwiesner in Panik verfallen. Denn 90 Prozent des
wohlhabenden Ortes, der zu einem Großteil aus großzügigen Villen im
Wildweststil besteht, bezieht das Wasser aus dem Colorado. Und die
US-Bundesregierung hat gerade einen Plan zur Neuverteilung des Flusswassers
veröffentlicht, demgemäß Arizona rund 80 Prozent weniger zusteht als
bislang. Cave Creek hätte über Nacht ein massives Problem. „Die
Pferdekoppeln und Pools der Ranches müssten erst einmal verschwinden“, sagt
Kreuzwiesner.
Natürlich weiß der Versorgungsdezernent von Cave Creek, der vorher in einer
ähnlichen Position in der Großstadt Tucson gearbeitet hat, dass die
Katastrophe nicht über Nacht eintritt. Der neue Plan für den Colorado soll
Ende des Jahres in Kraft treten. Bis dahin wird es Klagen geben. Klagen
einzelner Gemeinden und Städte und vor allem Klagen der Staaten des unteren
Colorado Basins – Arizona, Nevada und Kalifornien -, die von den Kürzungen
am stärksten betroffen sind.
Außerdem hat Kreuzwiesner selbst für den Extremfall einen vorläufigen Plan:
Es werden drastische Sparmaßnahmen verordnet. Und die rund 30 Kilometer
südlich liegende Stadt [1][Phoenix, die weit besser vorgesorgt hat, hat
bereits Hilfe zugesagt].
## Gefährliche Vermeidungsstrategie
Dennoch drängt die angedrohte Neuverteilung des Colorado-Wassers die
Menschen hier akut dazu, sich mit einer Frage zu beschäftigen, die sie seit
langer Zeit zu vermeiden suchen. Die sieben Staaten entlang des Colorado –
neben Arizona, Kalifornien und Nevada auch Neu Mexiko, Utah, Wyoming und
Colorado – sind komplett von dem Fluss als Lebensader abhängig. Sie haben
eine Bevölkerung von 40 Millionen Menschen.
Der Colorado hat jedoch schon lange nicht mehr genügend Wasser für so viele
Menschen. Die [2][Region befindet sich seit 15 Jahren in einer
Dürreperiode], wie es sie hier seit 1.200 Jahren nicht mehr gegeben hat. Am
größten Stausee des Colorado, dem Lake Mead, ist der um mehr als 20 Meter
gesunkene Wasserpegel an Salzrändern an den Felsen rundum abzulesen. Kein
Experte rechnet mehr damit, dass der See je wieder die alte Höhe erreicht.
Die Turbinen am Hoover Dam haben jetzt schon nicht mehr genügend Wasser, um
sich zu drehen.
Diese Dürre ist nicht vorübergehend. Die Wasserknappheit wird bleiben.
Deshalb ist die zuständige Bundesbehörde, das Bureau of Reclamation, nun
gezwungen den mehr als 100 Jahre alten Verteilungsschlüssel für das
Colorado-Wasser den neuen Realitäten anzupassen.
## Veränderung steht an
So steht die Mega-Region an einem Scheideweg. Wie die Gemeinde Cave Creek
muss die gesamte Hochwüste von den Rocky Mountains bis an den Pazifik rasch
und radikal ihre Lebensgewohnheiten ändern. Sonst droht ein Mad-Max-artiges
Szenario von Geisterstädten, von absinkenden Böden über einem entwässerten,
ausgehöhlten Grund und mit dem Sterben einer Landwirtschaft, die mehr als
die Hälfte des Obstes und Gemüses der USA produziert.
Das Tragische an der jetzigen Krise ist, dass sie lange vorhersehbar war.
Im Grunde war sie bei der Besiedlung des Westens von Anfang an angelegt.
Als zu Beginn des 20. Jahrhunderts der amerikanische Westen durch die
Eisenbahn und die Urbanisierung rasant wuchs, schlossen die sieben Staaten
einen Vertrag, wie das Wasser des Colorado verteilt werden sollte, den
„[3][Colorado River Compact]“. Doch der Vertrag, der sogenannte, war von
Beginn an zu optimistisch.
Auf die sieben Bundesstaaten wurden 16,5 Milionen „acre feet“ verteilt, die
Wassermenge, die dazu nötig ist, einen US-amerikanischen Acre – rund ein
Drittel eines Fußballfeldes – einen Fuß tief, also etwa 30 Zentimeter unter
Wasser zu setzen. So viel Wasser hatte der Fluss in den Jahren vor dem
Vertragsabschluss geführt. Doch es waren außerordentliche nasse Jahre,
schon wenig später gab der Fluss diese Menge nicht mehr her.
## Mehr Menschen erfordern neue Maßnahmen
Parallel dazu erfuhr der Südwesten eine Bevölkerungsexplosion, wie sie 1922
niemand hätte voraussehen können. Als etwa im Sun Valley, dem zentralen Tal
von Arizona, Theodore Roosevelt den Salt River anstauen ließ, rechnete er
damit, dass er die Versorgung für 100.000 Menschen sichern würde. Das Tal,
das sich rund 100 Kilometer weit zwischen den McDowell Mountains, den
Superstitions und den White Tank Mountains erstreckt, beheimatet heute
jedoch eine gigantische urbane Region mit knapp fünf Millionen Menschen,
die sich auf die Städte Phoenix, Tempe und Tucson verteilen.
Und der Boom im Valley reißt nicht ab. Nachdem ab den 70er Jahren
vorwiegend wohlhabende Pensionäre des Klimas und der vergleichsweise
geringen Lebenshaltungskosten wegen hierherzogen, zieht vor allem der
Großraum Phoenix heute die Technologie- und die Rüstungsindustrie an.
Halbleiter-Produzenten und Hardware-Hersteller für sensible Waffentechnik
haben das Gebiet entdeckt und eine ganze Kultur junger Tech-Arbeiter und
Start-ups mit sich gebracht.
Sie alle folgen noch immer dem alten Versprechen des Westens – der offenen
„Frontier“, eines unberührten Landes mt unbegrenzten Ressourcen und
Möglichkeiten. Zu dieser uramerikanischen Vision der Terra Nullius passt es
auch, dass indigene Nationen im Colorado River Compact von 1922 überhaupt
nicht vorkamen. Es war so, als existierten sie nicht. Erst in den
vergangenen 50 Jahren gelang es ihnen nach und nach, ihre Anteile am
Colorado River-Wasser einzuklagen.
Heute hat das Valley genügend Wasser für seine fünf Millionen Bewohner,
weil in den 70er Jahren ein 200 Kilometer langer Kanal durch das Tal gebaut
wurde, der das Wasser des Flusses von der Grenze zu Kalifornien in die
Mitte des Staates bringt. Durch die Betonwanne des Central Arizona Project
fließen jährlich 1,4 Billionen Liter, das Äquivalent von knapp einer halben
Million olympischer Schwimmbecken.
## Wie umgehen mit der drohenden Knappheit?
Sollte der jetzige Plan der Trump-Regierung in Kraft treten, würde über
Nacht der Wasserstand in dem großen Kanal drastisch absinken, der mitten
durch das Tal führt. Arizona hätte den größten Anteil an den Kürzungen der
Colorado-Kontingente. Eine akute Notlage, die manche im Valley noch immer
nicht wahrhaben wollen.
Die Gemeinde Scottsdale etwa, der reiche Nachbar von Phoenix, den man auch
das „Beverly Hills von Arizona“ nennt, hat gerade aus seinem neuen Haushalt
300 Millionen US-Dollar wieder gestrichen, die für eine
Abwasseraufbereitungsanlage geplant war. Dabei hängt Scottsdale zu 70
Prozent vom Wasser des Colorado ab, die Kürzungen hätten hier wie in Cave
Creek dramatische Auswirkungen.
Doch anstatt alles dafür zu tun, die Unabhängigkeit vom Colorado
voranzutreiben, marschiert das republikanisch regierte Scottsdale in die
andere Richtung. Die demokratische Stadtverordnete Solange Whitehead, die
sich für die Wasseraufbereitung einsetzt, wurde in einem Video-Clip als
„Kloaken-Solange“ verspottet. Ihre politischen Gegner hielten ein Glas
ungeklärtes Wasser hoch und sagten: „Die Linken wollen euch zwingen, das zu
trinken.“ Das Projekt der neuen Anlage wurde „Von der Toilette zum
Wasserhahn“ getauft.
Whitehead macht das verrückt. „Die Leute denken nur an sich selbst und an
das Hier und Jetzt. Sie stecken einfach den Kopf in den Sand.“ Dass die
Ressourcen im Südwesten knapp sind, dass man aufhören muss, Raubbau an der
Natur zu treiben, wolle einfach nicht in die Köpfe hinein.
In der Nachbarstadt Phoenix macht man es besser. Die neue
Abwasseraufarbeitungsanlage für 330 Millionen US-Dollar steht kurz vor der
Fertigstellung. Die 1,5-Millionen-Einwohner-Stadt hat in nassen Jahren
große unterirdische Wasserreserven angelegt. Und sie verbraucht heute
weniger Wasser als in den 50er Jahren, als gerade einmal 360.000 Menschen
hier lebten. Selbst wenn der neue Plan der Bundesregierung umgesetzt wird,
hat Phoenix noch genug Wasser, um umliegenden Gemeinden wie Scottsdale und
Cave Creek auszuhelfen.
So macht das Beispiel von Phoenix Hoffnung. Die demokratische
Bürgermeisterin Kate Gallego führt unter anderem eine Kooperation der
Gemeinden von Arizona an, die durch einen Austauschplan die Versorgung
sicherstellen soll. Parteizugehörigkeit soll dabei keine Rolle spielen.
Ob Arizona und der gesamte Südwesten rechtzeitig die Kurve zur
Nachhaltigkeit schaffen, ist dennoch alles andere als sicher. Die Zeit
läuft der Region davon – und somit den gesamten USA. Ein Dahinsiechen einer
der produktivsten und innovativsten Gegenden des Landes hätte
unvorstellbare Folgen.
9 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Wie-in-Las-Vegas-erfolgreich-der-Wassermangel-bekaempft-wird/!6127391
(DIR) [2] /Historische-Hitzewelle-durch-Klimawandel/!6164928
(DIR) [3] https://www.usbr.gov/lc/region/g1000/pdfiles/crcompct.pdf
## AUTOREN
(DIR) Sebastian Moll
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