# taz.de -- Rechte „M1llion“-Bewegung in Plauen: 10.000 fordern „Merz muss weg“
       
       > Plauen in Sachsen hat sich dieses Wochenende zum gesamtdeutschen Mekka
       > der Generalfrustrierten verwandelt. Auch Grüne mit Deutschlandfähnchen
       > waren da.
       
 (IMG) Bild: Plauen: Paradies für rechte Regierungskritiker
       
       An der Autobahnabfahrt Plauen-Ost konnte man am Samstagvormittag zum
       Deutschlandhasser werden. Konvois von hunderten in Schwarz-Rot-Gold
       reichlich dekorierten Privat-Pkw verstopften die Zufahrtsstraße der B 173
       in die Stadt. Der Rückstau reichte bis auf die Autobahn. Eine Parade von
       Kennzeichen aus ganz Deutschland. Unter den etwa 10.000 Menschen, die dem
       Aufruf der am 8. Juni erstmals in Berlin in Erscheinung getretenen Bewegung
       „M1llion“ folgten, konnte man seine Kenntnis deutscher Mundarten
       überprüfen.
       
       Auf den ersten Blick hat das Projekt „M1llion“ und der Demoanmelder Marcel
       Baldauf aus Hoyerswerda eine Elf-Punkte-Agenda gegen Sozialabbau durch
       Kanzler Friedrich Merz und die schwarz-rote Koalition formuliert. Diese
       sollte sofort zurücktreten, damit die Gesundheitsreform gestoppt, ein
       29-Euro-Bahnticket eingeführt, Energiesteuern gesenkt sowie Mittelstand,
       Handwerk und Landwirtschaft gerettet werden können.
       
       Und wer wollte an einer „Verschlankung des Staats und radikaler
       Entbürokratisierung“ etwas auszusetzen haben? Als ein geradezu warmherziger
       Köder wird eine solidarische Gemeinschaft der Regierungsgegner, eine Art
       Volksfront der Entrechteten, ausgerufen.
       
       Auf den zweiten Blick aber outet sich „M1llion“ als eine voll auf
       rechtsradikaler AfD-Linie liegende neue Bewegung. Wie diese fordert man
       hier einen Migrationsstopp und eine „Neuausrichtung der Migrationspolitik“.
       Auch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk wollen sie grundlegend
       umgestalten.
       
       Zu weiteren Forderungen zählen das Ende der Ukraine- und der
       Entwicklungshilfe, Abschaffung der CO₂-Steuer und klimaschutzrelevanter
       Energiebesteuerungen, Finanzierungsstopp für „politische und ideologische
       NGOs“. Im Internet gibt man sich überparteilich. Aber an der Marschroute,
       nämlich am Theaterplatz, stand ein AfD-Wagen, und den rechtsextremen Freien
       Sachsen wurde noch am Abend zuvor erlaubt, mit ihren zahlreichen
       weiß-grünen Königreichfahnen und einem Infostand präsent zu sein.
       
       [1][Konkrete Kritik an Regierungspolitik], gar das Eintreten für positive
       Alternativen, spielte bei den Rednern am Albertplatz und vor allem bei
       Äußerungen der Teilnehmenden kaum eine Rolle. Die wollten vor allem ihren
       Generalfrust abladen. Und der verbindet inzwischen Ost und West, die
       Einheit besteht darin, dass hier alle gegen alles sind.
       
       Anders der hochbetagte Friedensengel namens Michael, der sich zumindest auf
       die [2][untergegangene Sowjetunion] positiv bezieht. So lässt der ehemalige
       DDR-Bürger seine schwäbischen und oberfränkischen Mitdemonstrierenden
       wissen: „Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen.“ Die jetzige
       Regierung treibe die Bevölkerung in einen völlig sinnfreien Krieg, ruft er
       – jene „Idioten, die auch nur an einen Funken militärischer Chance gegen
       Russland glauben“.
       
       ## Warum Plauen?
       
       In Berlin hielt sich die Resonanz auf die „Millionäre“ in Grenzen, warum
       nun Plauen, die vogtländische Hauptstadt? Wobei die Minderheit der
       Einheimischen genau genommen gegen sich selbst demonstrierte. Denn niemand
       sonst in der finalen DDR hatte es eiliger auf den ersten
       Montagsdemonstrationen 1989, in der ersehnten Bundesrepublik aufzugehen.
       
       Die muss jetzt wieder weg, oder wenigstens ihre Repräsentanten, und im
       Dagegensein sind die störrischen Bürger aus der „autonomen Gebirgsrepublik
       Vogtland“ Spezialisten. Mit spezifisch regionalem Akzent, 2015 musste der
       Pegida-Ableger hier eben „Wir sind Deutschland“ (WSD) heißen. Eine typische
       „Muss weg“-Demonstration, erst Merkel, nun Merz, und in fünf Jahren
       vielleicht die AfD?
       
       „Der Zug ist abgefahren, es sind doch nur noch Dumme an der Macht“, sagen
       zwei Gewerkschafterinnen völlig resigniert. Sie kamen von der patriotischen
       Demo, nicht von SPD, Grünen und Linken. Am Nachbartisch beim Imbiss
       schwärmt eine Gruppe von den alten Reußenfürsten und schimpft, wie dem
       Deutschen Reich angeblich der Erste Weltkrieg „aufgezwungen“ wurde. Dann
       preisen sie die DDR als „begehrtes Wirtschaftsland“, das schon 1949 von den
       Westalliierten und später von der BRD kaputtgemacht worden sei.
       
       Vor dem Zug erinnert eine größere Trommlergruppe an die Fanfarenzüge der
       DDR. Sie wurde zunächst von der Polizei gestoppt, rhythmisches Trommeln
       verstieß gegen die Demoauflagen. Erlaubt waren hingegen Fußballtröten und
       ein Hornist, der die „Wacht am Rhein“ blies.
       
       Viele Demoteilnehmer hätten die DDR ihrem Alter nach noch live erlebt haben
       können. Eine Leipzigerin schwenkt eine Deutschlandfahne mit der Aufschrift
       „Jesus“. Aber auch die Bündnisgrünen mit ihrem am Nachmittag gut besuchten
       Stand am Einheitsdenkmal irritieren mit Schwarz-Rot-Gold neben ihrer
       Parteiflagge. „Weil wir das Feld nicht den Falschen überlassen wollen“,
       begründet das der Landesparteivorsitzende Martin Helbig.
       
       ## 400 protestieren dagegen
       
       Trotz guter Organisation hielt sich der Protest gegen den Protest in
       Grenzen. Die Polizei zählte 400 Teilnehmende. Thomas Rußner, Koordinator
       des regionalen „Bündnisses für Demokratie, Toleranz und Zivilcourage“
       bestätigt den Versuch eines Schulterschlusses durch die „Millionäre“. Im
       Rahmen ihres Gemeinschaftspostulats wollen sie offenbar eine Querfront
       bilden, in die sie auch die sozialen und linken Gegner der Merz-Politik
       einbeziehen. Doch nach einem einstündigen Telefonat „haben wir aber nur
       zwei Sekunden darüber diskutiert, trotz partieller Übereinstimmung bei der
       Regierungskritik“, berichtet Rußner. Er erklärt die geringe Resonanz des
       Gegenprotests mit der Ferienzeit, ausschließlich regionaler Mobilisierung
       und der Konzentration auf den kommende Woche stattfindenden CSD in Plauen.
       Auf den wies auch das Plakat am Lautsprecherwagen hin.
       
       9 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
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