# taz.de -- Verherrlichung der Sowjetunion: Pathos statt Aufarbeitung
> 18 Millionen Russen wurden unter Stalin in Lager verschleppt. Doch im
> heutigen Russland ist das Erinnern an die Opfer unerwünscht: Geschichte
> soll Erfolgsgeschichte sein.
(IMG) Bild: Wieder gesellschaftsfähig: Die Sehnsucht nach der Stalinzeit
"Wie lange wollen Sie noch an den Gulag erinnern und die Menschen
aufwühlen? Es ist Zeit, zu verzeihen und zu vergessen." Unzählige Briefe
empörter Bürger mit dem immer selben Tenor gingen Jahr für Jahr bei
Alexander Jakowlew ein. Bis zu seinem Tod 2005 leitete der Architekt der
Gorbatschowschen Perestroika die Kommission zur Rehabilitierung
stalinistischer Opfer in Russland, die im Kreml beim Präsidenten
angesiedelt ist. Die Politik mischte sich in seine Arbeit nicht ein.
Gleichwohl klagte Jakowlew damals schon über die Gleichgültigkeit, mit dem
der Staat den Millionen Opfern begegnete. Als er starb, hinterließ er
400.000 unerledigte Fälle. Um die Kommission ist es seither noch ruhiger
geworden. Auch der siebzigste Jahrestag des Großen Terrors hat daran nichts
geändert.
Im Juli 1937 hatte der Volkskommissar, Nikolai Jeschow, den Erlass mit der
Nummer "00447" unterzeichnet. Hinter der unscheinbaren Zahl verbarg sich
der Befehl, mit dem der KPdSU-Generalsekretär Josef Stalin die Zeit des
Großen Terrors einleitete. Noch im selben Jahr vollstreckten Stalins
Schergen 353.074 Todesurteile, 328.000 Menschen wurden 1938 liquidiert.
"Volksfeinde" und "Schädlinge" verschwanden zu Hunderttausenden in den
30.000 Lagern des staatlichen Gulag-Systems. Zwischen 1928, der "Zweiten
Revolution", und dem Todesjahr des Diktators 1953 waren 18 Millionen
Menschen durch die Lager gegangen und sechs Millionen als "Sondersiedler"
in unwirtliches Exil geschickt worden.
Der Kreml überging den Jahrestag zunächst. Erst Ende Oktober, am Tag der
Opfer des Stalinregimes, erschien Präsident Wladimir Putin überraschend auf
einer Gedenkfeier in einem Waldstück am Rande Moskaus, wo 20.000 Opfer der
ersten Hinrichtungswelle verscharrt wurden. Der russische
Menschenrechtsbeauftragte Wladimir Lukin soll es dem Kremlchef dringend
nahegelegt haben. Ein schwerer Gang muss dies für den Präsidenten gewesen
sein, unter dessen Ägide die sowjetische Vergangenheit, eine Geschichte der
Gewalt, wieder als ein gelungenes Projekt mit unvermeidlichen
Kollateralschäden ausgelegt wird.
Russland wehrt sich gegen eine Aufarbeitung der Geschichte. Wer Fragen
stellt, forscht und gar von außen kommt, kein Russe ist, maßt sich etwas
an, was ihm eigentlich nicht zustehe. Das Verschweigen hat fast alle
Gesellschaftsschichten erreicht. Ein euphorischer, manchmal paranoid
anmutender Jubel erweckt den Eindruck, als solle mit aller Kraft die Tragik
übertönt werden. Dabei wird nicht die menschenverachtende Politik der
Sowjetunion als Katastrophe empfunden, sondern der Zusammenbruch des
Sowjetsystems.
Ein befremdliches Pathos durchzieht auch ein aktuelles Lehrerhandbuch zur
Geschichte, das der Kreml in Auftrag gab. Das Autorenkollektiv um den
Historiker Alexander Filippow stellt die Entwicklung der UdSSR seit dem
Zweiten Weltkrieg als eine unbefleckte Erfolgsgeschichte dar, die 1991
durch unglückliche Umstände ein unverdientes Ende fand. In dieser
Nachkriegshistorie kehrt Diktator Stalin als herausragender Staatsmann
zurück. "Einerseits sieht man in Stalin den erfolgreichsten Staatsführer
der Sowjetunion Im größten aller Kriege wurde ein Sieg errungen und es fand
eine industrielle, wirtschaftliche und kulturelle Revolution statt."
Terror und Millionen Tote werden nicht ganz verschwiegen, aber an den Rand
verbannt. Sie erscheinen als Materialeinheiten, die der Staatsräson auf dem
Altar der Modernisierung dargebracht werden mussten. "Unter Stalins
Herrschaft erlebte das Land einige Wellen großer Repressionen. Initiator
und Theoretiker der ,Verschärfung des Klassenkampfes' war Stalin selbst.
Ganze Gesellschaftsschichten wurden vernichtet." Von einem Leben ohne
Gefahr könne keine Rede gewesen sein, räumen die Autoren ein. Dennoch: "Die
Sowjetunion hatte das beste Bildungssystem der Welt, gehörte zu den
führenden Ländern in der Wissenschaft und hatte die Arbeitslosigkeit fast
besiegt." Der Mensch kommt in dieser Konstruktion weder als Individuum noch
als handelndes Subjekt vor, sodass die Opfer in einem Morast historischer
Tragik entsorgt werden.
Das war mal anders. In der Umbruchzeit der Perestroika rissen sich Medien
um Erinnerungen von ehemaligen Gulag-Häftlingen, kaum ein Tag verging, an
dem nicht neue Gräueltaten der Todesschwadronen des Geheimdienstes NKWD
angeprangert wurden. Kristallisationspunkt der Aufarbeitung des Terrors war
ab 1988 die Bürgerrechtsorganisation "Memorial", die sich zu einer
politischen Bewegung mauserte. Heute ist sie nur noch ein Schatten ihrer
selbst, ihre Arbeit findet wenig Resonanz und sie überlebt nur dank
westlicher Finanzhilfe.
Oleg Chlewnjuk, der Historiker und Autor der umfassendsten russischen
Gulag-Geschichte, ist bis heute auf westliche Stipendien angewiesen. Wer
sich der sowjetischen Vergangenheit kritisch nähert, bleibt im akademischen
Betrieb chancenlos. Ähnliche Erfahrungen machte auch der frühere Dissident
und Memorial-Mitbegründer Nikita Petrow. Jahrelang hat er einen russischen
Verlag für seine Biografie des Volkskommissars Jeschew gesucht, die im
Westen längst verlegt worden war. Selbst der Zugang zu sensiblen Archiven
wird nach und nach erschwert. Eine unkritische Sehnsucht nach der
Stalinzeit hat die Gesellschaft erfasst, glaubt Petrow. Das sei vor
fünfzehn Jahren schlicht undenkbar gewesen.
Die Aufarbeitung der Geschichte wird auch durch die beispiellose Willkür
des Sowjetterrors erschwert. Auf dem Höhepunkt der Repressionswelle gab es
keine Kriterien mehr, die jemanden als Opfer prädestinierten. Dem wahllosen
Terror trug Memorial in den 80ern auf besondere Weise Rechnung: es machte
keinen Unterschied zwischen Tätern und Opfern und bezog beide in die
Erinnerung mit ein. Oft hatten Täter keine andere Wahl und wurden über
Nacht selbst zu Opfern. Alle fünf Hauptleiter des Gulag-Systems wurden in
den Dreißigerjahren nacheinander erschossen. Nicht selten lebten Überwacher
und Bewachte nach der Lagerzeit in derselben Stadt als Gefangene desselben
Systems, das ihnen eine freie Wahl des Wohnortes untersagte. Schweigen
konnte auch Kompromiss und Versuch eines neuen Anfangs sein. Der Wunsch,
Teil des Kollektivs zu sein, führte jedoch auch zu dem verbreiteten
Phänomen, dass ehemalige Häftlinge die vorsichtige Haltung der
Mehrheitsgesellschaft bis in Sprache und Ritual verinnerlichten. Als sei
die eigene Erfahrung etwas Äußerliches.
Das allumfassende Leugnen der Vergangenheit deutet auf tiefere kollektive
Ängste hin. Der Publizist Gerd Koenen hält in seiner "Utopie der Säuberung"
die intellektuell kaum zu bewältigende Vorstellung des selbst verschuldeten
Verbrechens für ein entscheidendes Motiv der Verweigerung. Schon um sich
selbst zu schützen, führt die Suche nach Schuldigen nach "draußen" oder zu
"inneren Feinden", die sich wiederum auch nur als "Fremde" entpuppen.
Vom Stigma des "inneren Feindes" konnten sich die Lagerinsassen nie richtig
befreien. Und wer sich einmal öffnete, lief Gefahr, eines Tages wieder
marginalisiert zu werden. Denn das Pendel der Liberalisierung konnte auch
wieder zurückschwingen. Sehr viele Häftlinge waren auch nicht bereit, den
Staat als Rechtsnachfolger des Terrorsystems um Rehabilitierung zu bitten.
Das kam einer erneuten Unterwerfung gleich. Sie schwiegen lieber.
Das Schicksal Antonina Golowinas steht für das von Millionen: Die Tochter
eines in den 30er-Jahren zwangskollektivierten Kulaken fälschte Papiere, um
sich von dem Fluch, Kind eines Volksverräters zu sein, zu befreien und
einen Ausbildungsplatz zu erhalten. Fast fünfzig Jahre behielt sie alles
für sich. Erst als sich das politische Klima Ende der 80er-Jahre änderte,
erfuhr sie nach mehr als zwanzig Jahren Ehe, dass auch ihr Mann seine
Jugend in Lagern und Sondersiedlungen verbracht hatte.
Systematisch sind die psychischen Folgen von Verdrängung und Haft nie
untersucht worden. Posttraumatische Behandlungen, wie sie für Überlebende
des Holocaust eine Selbstverständlichkeit darstellen, sind in Russland
unbekannt. Das liegt auch daran, dass Traumata und psychische Krankheiten
generell in der Gesellschaft tabuisiert werden. Der russischen Vorstellung
ist ein individualistischer Zugang noch fremd. Ein Leben mit Geheimnissen
entspricht daher im atomisierten Kollektiv der russischen Gesellschaft auch
heute oft der Norm. Zudem erschienen angesichts der schwierigen materiellen
Lebensbedingungen psychische Probleme schlicht wie überflüssiger Luxus. In
der UdSSR praktizierten auch nur wenige Psychologen, die sich als
Angestellte im Staatsdienst nicht unbedingt als Vertrauenspersonen
empfahlen.
Von der eigenen Historie hat die Mehrheit der Bevölkerung nur verschwommene
Kenntnisse, stellten Soziologen des Meinungsforschungsinstituts Lewada
fest: Viele Bürger seien nach wie vor in mythologisierten Darstellungen der
Sowjetzeit befangen, die auch die jüngere Generation unhinterfragt
übernimmt. Bis heute gibt es kein zentrales staatliches Mahnmal für die
Opfer und nicht eine Gedenktafel in Moskau. Verdrängung beschränkt sich
jedoch nicht auf die Wahrnehmung der Geschichte, so die Soziologen. Eine
"neurotische Kollektivpersönlichkeit" habe sich herausgebildet, die für
Egozentrismus, Xenophobie und Aggression nach innen wie außen sehr anfällig
sei. Eine unreife, frustrierte und autoritäre Persönlichkeit, die das
Angebot der politischen Führung, für Gegenwart wie Vergangenheit
Verantwortung abzulehnen, bereitwillig aufgreife.
22 Nov 2007
## AUTOREN
(DIR) Klaus-Helge Donath
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