# taz.de -- Spanischer Wein: Sherry, Sherry, Lady
> Ein Getränk für alte Damen und pensionierte britische Offiziere? Iwo.
> Andalusische Winzer möbeln Sherry gerade mit unkonventionellen Methoden
> auf.
(IMG) Bild: Schmales Glas, komplexer Wein: Sherry, eingeschenkt in einer Bodega
Der Alcázar, eine Festung mit Türmen und Zinnen aus hellem Sandstein,
thront über der Stadt Jerez de la Frontera. Der Bau aus dem 12. Jahrhundert
erinnert an die Zeit, als die maurische Kultur [1][Andalusien] prägte.
Heutzutage findet hier alle zwei Jahre die Vinoble statt, eine der wenigen
Sherry-Messen mit internationaler Resonanz. Und in diesem Jahr herrscht
Aufbruchstimmung in den alten Gemäuern.
Oder ist es eine Jetzt-erst-recht-Laune? Eine junge Generation von
Winzerinnen und Winzern ist dabei, das Image des Sherrys abzustauben. Seit
den 1980er Jahren gehen die Absatzzahlen zurück, auch die Anbauflächen sind
stark geschrumpft. Sherry steht im Ruf, nur [2][zum Kochen] zu taugen oder
vorwiegend von älteren Damen und pensionierten englischen Offizieren
getrunken zu werden, die an überkommenen Gebräuchen festhalten.
Auch gilt er vielen als Dessertwein. Dabei haben Sherrys eine enorme
Spannbreite, von knochentrocken bis rosinensüß. So gibt es wohl nur wenige
Getränke, die so missverstanden werden und polarisieren, beschwärmt und
schnell vergessen wie eine flüchtige Romanze. „Ich kenne viele, die
schwören, Sherry zu lieben und dann einmal im Monat ein halbes Glas davon
trinken“, sagt Raúl Moreno.
Der 46-Jährige blickt weit über die eigene Bodega hinaus. Über 20 Jahre war
er in London, Australien, im Burgund und in Kalifornien unterwegs, zunächst
als Sommelier, dann als Winzer. Heute gehört er zur Unión de Vinificadores
Artesanos, einem Zusammenschluss kleiner, unabhängiger Weingüter, die mit
unkonventionellen Ansichten Wege aus der Krise suchen.
Sherry zählt zu den alkoholverstärkten Weinen, die auch Likörweine genannt
werden. Andalusische Seefahrer nahmen ihn schon im 14. Jahrhundert mit auf
große Fahrt: Dafür wurde der Weißwein der Region mit Destillat
angereichert, um ihn haltbarer zu machen. Bis heute wird Sherry mit
Branntwein aufgespritet – von 11 bis 13 auf bis zu 18 Prozent Alkohol.
Andere bekannte Likörweine sind beispielsweise Portwein und Madeira. Sie
unterscheiden sich aber in ihrer Herkunft, den Rebsorten und im Ausbau. So
ist etwa Portwein meistens rotweinbasiert, Sherry aber immer aus
Weißweintrauben. Auch darf Sherry ausschließlich in der andalusischen
Provinz Cádiz erzeugt werden, im Sherry-Dreieck, das sich auf nur rund 100
Quadratkilometern zwischen Jerez de la Frontera und der Atlantikküste
aufspannt. Vom maurischen Namen der Stadt, Sherish, hat der Sherry übrigens
auch seinen englischen Namen bekommen. In Spanien heißt er schlicht: Jerez.
Eine weitere Besonderheit des Sherrys ist seine Reife im Solera-Verfahren,
einem ausgeklügelten System, bei dem alte Jahrgänge mit jüngeren kombiniert
werden. In den Winzereikellern rund um Jerez türmen sich gewaltige Treppen
mit mehreren Hundert Fässern, die untere Reihe wird als Solera bezeichnet.
Jedes Jahr wird der Solera Wein entnommen und in Flaschen abgefüllt. Das
Fass wird mit Sherry aus der nächsthöheren Etage aufgefüllt, das wiederum
mit der darüber liegenden. Diese Kaskade der Weinmischung garantiert eine
gleichbleibende Qualität, da schwächere Jahrgänge durch bessere
ausgeglichen werden.
Für trockene Sherrys wird die Rebsorte Palomino Fino angebaut, für süße
sind es Pedro Ximénez und Moscatel. Bei den trockenen Sherrys gibt es zwei
Hauptstile: die biologisch unter einem Florhefeschleier gereiften brutal
trockenen Finos und Manzanillas, sowie die oxidativ mit Sauerstoff
gereiften würzig-rauchigen Olorosos. Dazwischen liegen der nussige
Amontillado und der vielschichtigere Palo Cortado, die sich zunächst unter
Florhefe und später oxidativ entwickeln. Süße Sherrys zählten früher mal zu
den Exportschlagern und schmückten gerne britische Kaffeetafeln mit ihrer
Rübensirup ähnlichen Konsistenz und einnehmender Honigsüße.
Dass er so verschiedene Stile umfasst, ist einer der Gründe, warum Sherry
sich so schwertut. Der komplexe Wein ist schwer zu fassen und zu erklären
in einer Welt, die keine Zeit mehr hat, zuzuhören und zu verstehen. „Aromen
wie Salzigkeit und Bitterkeit faszinieren zwar Kenner, können auf viele
aber anstrengend wirken“, sagt auch Thomas Götz, Dozent, Journalist und
Kenner der spanischen Weinwelt. Deshalb bevorzugten viele jüngere Spanier
fruchtige, ungespritete Weißweine – was auch am allgemeinen Trend hin zu
alkoholfreien oder -ärmeren Drinks liegt.
Viele Weingüter in Andalusien reagieren darauf. „Sie fahren zweigleisig und
produzieren Wein und Sherry“, sagt Götz. „Aber es ist hirnrissig, für einen
Sherry weniger zu verlangen, der fünfmal so viel Aufwand und Reifezeit
verlangt.“ Sherry als Verlustmodell: Auch das ist ein Sinnbild seiner
janusköpfigen Wertschätzung.
Nach langem Gerangel hat die EU inzwischen niedrigere Alkoholgrade für
Sherry genehmigt, um ihm mehr Chancen auf dem ohnehin schwer umkämpften
Markt einzuräumen. Jahrhundertelange Traditionen und Regeln werden jetzt
zögerlich aufgeweicht. Die jüngere Generation nutzt die entstandenen
Freiräume mit unkonventionellem, handwerklich erzeugtem Sherry.
Die Erneuerer stellen das Terroir – also die spezifischen Eigenschaften des
Anbaubodens, des Mikroklimas und der Hanglage – in den Vordergrund, und
beschränken die Nacharbeiten im Weinkeller auf ein Minimum. Manche
verzichten sogar auf das aufwändige Solera-Mischverfahren, um die
Eigenheiten des einzelnen Jahrgangs zum Ausdruck zu bringen. So entstehen
weniger genormte Weine. Sherry in neuer Auslegung.
Im Weinberg selbst arbeiten die jungen Winzer mit viel Handarbeit nach
organischen Richtlinien – auch Raúl Moreno. Er wolle damit der
„Industrialisierung des Weinbaus etwas entgegensetzen“, sagt er. Und bricht
bewusst Regeln. So pflanzt Moreno beispielsweise in Andalusien nicht
zugelassene Rebsorten wie Pinot Noir und Chardonnay an, aus denen er nur
Tafelweine herstellen darf, die sich schlechter vermarkten lassen. Moreno
macht es dennoch, „um das Monopol von 99,9 Prozent Palomino zu brechen und
neue Möglichkeiten zuzulassen“.
Fährt man durch die Weinberge, stechen sofort die weißen Böden heraus. Es
sieht aus, als ob ein riesiger Sack Kalk ausgeschüttet worden wäre. Es sind
Kreideböden, als Albariza bekannt, mit einem enormen Anteil an Kalkstein.
Sie sind der eigentliche Schatz Andalusiens, gerade in der Gegenwart.
Albariza zeichne eine enorme Wasserspeicherfähigkeit aus, erklärt Thomas
Götz, wie ein Schwamm sauge er es auf. Trotz des Klimawandels und brütend
heißer Sommer müsse sich das Sherry-Gebiet deshalb „nicht die größten
Sorgen machen“.
Zu einem Trumpf der Gegenbewegung hat sich der Vino de Pasto entwickelt,
ein Weißwein ohne Alkoholverstärkung aus der Palomino-Traube. Vino de Pasto
war schon immer ein stiller Begleiter des Sherrys, nun gewinnt er in der
neuen Interpretation zunehmend an Bedeutung und ist auch in der
Naturweinszene gefragt. Viele Vinos de Pasto reifen wie der Sherry unter
Florhefe, allerdings nur für wenige Monate. Trotzdem sind sie unverkennbar
und zugleich zeitgemäßer im Stil: zupackend, salzig, mineralisch.
„Das Solera-System hat Andalusien zwar berühmt gemacht, aber wir beweisen,
dass außergewöhnliche Böden auch einzigartige Weine hervorbringen“, sagt
Raúl Moreno. „Sherry wäre schon tot ohne Vino de Pasto.“ Thomas Götz
dagegen hält den Weißwein eher für „eine Ergänzung, die hilft, den
Abwärtstrend aufzuhalten“.
Und Sherry selbst? „Der wird nie ein Massenwein sein, er wird
Liebhabergetränk bleiben“, sagt Götz. Er beobachtet zwar eine angespannte
Marktlage, aber „auch einen Zugewinn an Qualität“. Die Krise habe auch das
Profil des Sherrys geschärft, [3][in Japan] etwa erreiche er eine neue,
junge Klientel. Und noch etwas, sagt Götz, gebe ihm Zuversicht: Sherry sei
immer noch ein Lernstoff in spanischen Schulbüchern.
2 Oct 2026
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