# taz.de -- Immer weniger Streuobstwiesen: Das Paradies macht Arbeit
       
       > Die Trockenheit setzt Apfel, Birne und Quitte massiv zu. Streuobstwiesen
       > wie in Baden-Württemberg sind gefährdet. Doch es gibt eine Gegenbewegung.
       
 (IMG) Bild: Prall gefüllt: zwei Säcke mit Äpfeln auf der Frickenhofener Höhe
       
       Der Weg mit dem Rad zum Aasrücken auf den Berg Hohenstaufen im Landkreis
       Göppingen ist nicht nur im August schweißtreibend. Eine kurvige Straße
       schlängelt sich hoch auf den 687 Meter hohen Kaiserberg. Trupps von
       Motorradfahrern schneiden die Kurven, ältere Herren in Cabrios geben dort
       Gas. Hier im Süden Deutschlands, in Baden-Württemberg, liebt man das Auto.
       
       Streuobstwiesen, Wald, Hecken, Magerrasen, Felsen und landwirtschaftliche
       Flächen liegen eng nebeneinander. Sie prägen diese kleinteilige
       Kulturlandschaft unter der Ruine der Stammburg der Staufer. Die
       [1][Streuobstwiesen], wertvolles Biotop und Kulturgut, gehören hier zum
       traditionellen Landschaftsbild. Sie sind eine extensiv bewirtschaftete
       Kulturlandschaft mit hochstämmigen Obstbäumen; die Wiesen werden gemäht und
       – selten – auch noch beweidet. Es ist ein abwechslungsreicher Lebensraum
       mit Steinkäuzen, Grünspechten, Fledermäusen, Wildbienen und zahlreichen
       Insekten in kleinen Höhlen in den alten Bäumen.
       
       Baden Württembergs Streuobstlandschaft wie hier am Hohenstaufen gilt als
       eine der bedeutendsten zusammenhängenden Streuobstlandschaften Europas.
       Seit 2021 gehört Streuobst zum Immateriellen Kulturerbe in Deutschland.
       Nicht jede einzelne Wiese ist deshalb automatisch als Unesco-Denkmal
       geschützt. Das Erbe liegt im überlieferten Wissen, den traditionellen
       Pflege- und Bewirtschaftungstechniken, den Kenntnissen über die Sorten.
       
       Martin Rieger und Martin Weiler führen auf den Obstlehrpfad am Aasrücken.
       Der Lehrpfad wurde zum 100-jährigen Bestehen des Obst- und Gartenbauvereins
       Hohenstaufen angelegt. Auf ungefähr einem Kilometer stehen mehr als 60
       beschilderte alte Apfel- und Birnensorten. Martin Rieger, der selbst
       mostet, bietet einen Jacob-Fischer-Apfel direkt vom Baum an. Er schmeckt
       süß, aber mehlig. „Die Bäume sind dieses Jahr ertragreich, aber die Äpfel
       sind klein und nur wenig saftig. Das ist schlecht für die Produzenten von
       Apfelsaft und Mostprodukten“, sagt Rieger. Die Trockenheit, der
       Klimastress, setze den Bäumen dieses Jahr dermaßen zu, und viele Bäume
       hätten „Sonnenbrand“. Er zeigt auf die verfärbten, aufplatzenden Stellen an
       der Rinde eines Baumes.
       
       Die Satzung des Vereins umfasst unter anderem Naturschutz- und
       Umweltschutz, Landschafts- und Heimatpflege. Und er vermittelt Wissen über
       Obstanbau, bietet Baumschnittkurse und Vorträge an. „Wir tragen dazu bei,
       dass diese Landschaft bewirtschaftet und erhalten wird“, sagt Martin
       Weiler.
       
       Und genau das sei bei Streuobstwiesen entscheidend: Sie sind eine
       Kulturlandschaft, die nur durch regelmäßige menschliche Pflege entstanden
       ist und ohne diese Pflege langfristig ihren Charakter auch wieder verliert.
       Das sei an vielen Orten bereits der Fall. „Die Streuobstwiesen verkommen,
       denn ihre Besitzer scheuen den Aufwand“, beklagt Weiler. Die
       Streuobstwiese, das kleine Paradiesgärtchen mit Äpfeln, Birnen, Quitten,
       Kirschen, Pflaumen, Haselnüssen, ist arbeitsintensiv. „Das klappt auch
       nicht, wenn man dreimal im Jahr in den Urlaub fährt“, sagt auch Rieger.
       
       Viele Streuobstwiesen sind bereits gerodet oder verfallen. Auch als Folge
       der Technisierung und Intensivierung der Landwirtschaft, durch die
       Konkurrenz des niedrigstämmigen Plantagenobstbaus, durch die Verbauung der
       Landschaft und durch ein verändertes Arbeits- und Freizeitverhalten der
       Menschen, die das Paradies im Sommer eben lieber in der Ferne suchen. Nach
       Schätzungen des Landes gibt es aktuell in Baden-Württemberg noch 7
       Millionen Bäume, 1990 waren es noch ungefähr 11,4 Millionen. Der Bestand
       ist damit um rund 40 Prozent zurückgegangen.
       
       ## Glückliche Kindheitserinnerungen
       
       Es gibt aber auch die Gegenbewegung. Auf einer Bank am Rande der
       gemeindeeigenen Streuobstwiese der Stadt Schorndorf im Remstal, nicht weit
       vom Hohenstaufen, wartet Lisa Ziehe, Geschäftsführerin beim Verein
       Schwäbisches [2][Streuobstparadies]. Wie viele Menschen in der Region hat
       die hier aufgewachsene Diplomgeografin glückliche Kindheitserinnerungen an
       Obstwiese, Apfelsaft, Most und das Leben drum herum.
       
       „Es gibt sehr viele Initiativen, Privatleute, aber auch Kommunen und
       Landkreise, die etwas für das Streuobst machen. Und bei uns laufen viele
       Fäden zusammen. Wir sind diejenigen, die das Netz dazwischen spinnen.“ Der
       Regionalverband umfasst sechs Landkreise: Göppingen, Esslingen, Tübingen,
       Reutlingen, Zollernalb und Böblingen. Der Verein finanziert sich über
       Mitgliederbeiträge, öffentliche Fördermittel und Stiftungen.
       
       In Baden-Württemberg gibt es seit 2020 einen besonderen gesetzlichen Schutz
       für Streuobstbestände ab einer Mindestfläche von 1.500 Quadratmetern. Eine
       Umwandlung in eine andere Nutzungsart ist dann grundsätzlich
       genehmigungspflichtig.
       
       Ein wichtiger Grundsatz des Landes lautet: „Schützen durch Nutzen“. 2024
       hat die Landesregierung die Streuobstkonzeption 2030 beschlossen. Sie
       umfasst sieben Bereiche – darunter die Bestandssicherung von bestehenden
       Wiesen, Investitionen in Forschung und auch die Vermarktung von Streuobst.
       
       In diesem Sinne arbeitet auch der Verein. „Eine wichtige Ausrichtung, die
       wir schon ganz lange haben, ist das Bildungsthema, Streuobstpädagogen an
       Schulen etwa. Kinder lernen so ihre Heimat kennen. Und wir bieten relativ
       viele Kurse mit streuobstfachlichen Themen an, wie Sortenkunde und
       Herstellung, und auch Seilsicherungskurse für den Obstbaumschnitt“, erzählt
       Lisa Ziehe.
       
       Ein Standbein sei mittlerweile die [3][Handelsplattform des Vereins]. Diese
       Plattform sammelt, ähnlich wie eine Genossenschaft, das Obst von
       Privatleuten und verkauft es weiter: an Märkte wie Rewe oder Edeka und
       andere Einzelhändler, an Bäckereien und Kantinen. „In Kantinen kommen die
       frischen Ostkörbchen aus der Region sehr gut an“, sagt Ziehe. Und die
       Obst-Kleinstbauern verdienen daran: 25 Euro bekommen Mitglieder in der
       Saison 2026 pro 20-Kilogramm-Kiste, Nichtmitglieder 20 Euro. Ob sich das
       wirtschaftlich lohnt, hänge von der Menge ab, sagt Lisa Ziehe.
       
       ## Urlaub in der Erntephase
       
       Ein anderes großes Thema sei der Nachwuchs, beziehungsweise: dessen
       Abwesenheit. „Die Gesellschaft hat sich über die letzten Jahrzehnte stark
       verändert. Wir fahren genau zur Erntephase in den Sommerferien in den
       Urlaub. Und auch sonst haben wir alle einfach keine Zeit. Und wir leben
       nicht mehr in Großfamilien. Eine Streuobstwiese alleine zu bewirtschaften,
       ist richtig Arbeit“, sagt auch Ziehe.
       
       Aktuell sei es so, dass viele Streuobstwiesen in Besitz von älteren
       Menschen sind, denen die Arbeit aber zu viel werde. Ihre Erben seien
       weggezogen, oft wüssten sie gar nichts von der Wiese, auf jeden Fall hätten
       sie meist keinen Bezug dazu. Das schwäbische Streuobstparadies arbeitet
       daran, dass Kommunen Programme aufsetzen, bei denen nicht bewirtschaftete
       Wiesen zum Kauf, zur Pacht oder einfach nur zur Pflege, zur Nutzung und zum
       Ernten angeboten werden. Viele Kommunen, aber auch Privatbesitzer
       verpachten reine Streuobstwiesen meistens im Gegenzug dafür, dass sich
       jemand um die Bäume kümmert.
       
       Ein paar Orte weiter, im Remstal in Straßdorf bei Schwäbisch Gmünd, hat
       Alexander Seiz den Generationswechsel nach anfänglichen Schwierigkeiten
       doch noch geschafft. Seine Mosterei produziert Quitten- und Apfel-Sherry –
       nach spanischem Vorbild mit Sherryhefe langsam vergoren. Außerdem entstehen
       hier ein alkoholfreier Fruchtsecco namens „Rosalinde“ und
       Holunder-Most-Secco.
       
       „Nach dem Tod meines Vaters wollte ich zunächst nichts mehr mit Mosterei zu
       tun haben“, erzählt er in seinem kleinen Laden neben der Produktionsstätte.
       „Aber dann hat es mir doch leidgetan und ich habe wieder eine Mosterei
       aufgebaut. Heute würde ich sagen, das ist mein Großhobby“, erzählt der
       hauptberufliche Tourismusberater. „Es sind die Gerüche und Düfte meiner
       Kindheit.“
       
       Auch wenn der Most als Getränk am Stammtisch längst vom Bier abgelöst
       wurde, sieht Seiz ein wachsendes Potenzial für seine verfeinerten Produkte,
       die nichts mehr mit einem „reschen Moscht“, – sprich: sauren Most – zu tun
       haben. Seiz beliefert 14 Gastwirtschaften in der Region. „Unsere Produkte
       kommen beim Kunden gut an. Das Regionale liegt voll im Trend“, berichtet er
       freudig.
       
       „Die Streuobstwiese ist ein Naturschatz“, schwärmt auch August Kottman am
       Stammtisch seines Gasthof-Restaurants „Hirsch“. „Früher diente sie als
       Weide und Obstgarten, indem in einer Zwei-Etagen-Wirtschaft unter den
       Bäumen auch Gemüse gepflanzt wurde. Heute kann dieses wertvolle Biotop nur
       geschützt und erhalten werden, wenn wir die Menschen über den Genuss
       erreichen.“
       
       ## Fast mystisch
       
       Er zeigt auf die Regale mit Flaschen von Selbstgebranntem aus seiner
       Edel-Destillat-Brennerei: Apfelbrandy, Kirschlikör, Quitten- und
       Aprikosenschnaps stehen auf einem Serviertisch neben der Theke. „Die
       Brennerei ist so eine tolle, fast mystische Institution, wo man die Natur
       in ihrer natürlichen Form fassen, konservieren und längere Zeit halten
       kann. Als sauberes, klares Naturprodukt“, beschreibt er den destillierten
       Obstgeist.
       
       August Kottmann ist Landwirt, Koch, Hotelier und Mitbegründer der
       Interessengemeinschaft Schwäbische ObstArche Fils-Alb: ein Aktivist und
       Streuobst-Experte. Der agile, fast 80-Jährige packt aktiv mit an, zum
       Beispiel bei der Bepflanzung der Ausgleichsfläche entlang der neu
       entstehenden Trasse der Albautobahn A 8.
       
       Mitarbeitende der Autobahn GmbH trafen hier auf engagierte Obstsortenretter
       der ObstArche Fils-Alb. Rund 4,4 Hektar neue Streuobstwiesen werden nun im
       Auftrag der Autobahn AG als Ausgleichsfläche mit 1.000 Obstbäumen
       bepflanzt, darunter sind 750 historische Sorten. 400 Bäume seien bereits
       gepflanzt, 600 weitere folgen, sagt Kottmann. „So wird ein einzigartiges
       Öko- und Kultursystem gestärkt, das unsere Region seit Jahrhunderten
       prägt.“
       
       Zwischen Bad Ditzenbach und Gosbach führt ein Streuobst-Lehrpfad entlang
       der Fils. Dort kann man etwa 80 Apfelsorten und 30 Birnensorten sowie
       verschiedene regionale Obstsorten kennenlernen. „Es gibt viele Initiativen,
       die sich für den Erhalt der Streuobstwiesen engagieren“, sagt Kottmann.
       „Wir haben ein tolles Netzwerk.“ Er wolle die Kulturlandschaft erhalten,
       mit anderen gestalten und diesen eine Zukunft, betont der Aktivist. „Wenn
       mir das gelingt, habe ich ein Leben gelebt, mit dem ich zufrieden sein
       kann“, so Kottmann.
       
       24 Sep 2026
       
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