# taz.de -- Bundeswehr und Frieden: Vom Nein zum Ja
       
       > Unser Autor hat als junger Mann den Kriegsdienst verweigert. Jetzt hat er
       > sich freiwillig zur Reserve gemeldet – aus Gewissensgründen.
       
 (IMG) Bild: Der ukrainische Soldat Leonid mit seinem Sohn in der Region Charkiw
       
       Das letzte Lied heißt „Was will ich mehr?“ Es ist der 20. Oktober 2022,
       acht Monate nach Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine. Ich bin
       auf einem Konzert in Oberhausen. Soweit ich sehen kann, ist die Arena
       ausverkauft. Der zweite Teil der Veranstaltung ist zu Ende, und das letzte
       Lied klingt nach. Was will ich mehr?
       
       Gute Frage.
       
       Ich bin ein großer Bewunderer von Reinhard Mey. Wann immer es möglich ist,
       versuche ich, Konzertkarten in meiner Nähe zu ergattern.
       
       ## „Nein, meine Söhne geb’ ich nicht“
       
       Was will ich mehr? Das letzte Lied ist verklungen, Reinhard Mey geht von
       der Bühne. Das Publikum verlangt nach einer Zugabe. Es sind nicht wenige,
       die ein bestimmtes Lied einfordern. Als Stellungnahme zur aktuellen
       politischen Situation. Sie verlangen nach [1][„Nein, meine Söhne geb’ ich
       nicht“]. Reinhard Mey verwehrt ihnen diesen Wunsch. Er spielt stattdessen
       „Über den Wolken“ und schließt mit „Gute Nacht, Freunde“.
       
       Es ist ein wunderschöner Abend. Aber ich verlasse das Konzert mit einer
       Irritation. Lange habe ich „Nein, meine Söhne geb’ ich nicht“ als
       Liebeserklärung eines Vaters an seine Kinder verstanden. Als Pazifismus von
       Eltern, die ihre Kinder vor Krieg und Tod bewahren wollen.
       
       „Nicht für euch hab’ ich manche Fiebernacht / Verzweifelt an dem kleinen
       Bett gestanden / Und kühlt’ ein kleines glühendes Gesicht / Bis wir in der
       Erschöpfung Ruhe fanden / Nein, meine Söhne geb’ ich nicht.“
       
       ## Mit der Aussage nicht mehr einverstanden
       
       Noch vor Kurzem hätte ich den vielen Facetten über die Beziehung eines
       Vaters zu seinen Kindern und den politischen Bekundungen in diesem Lied
       zugestimmt. Ich höre das Lied immer noch gern. Aber ich bin mit seiner
       Aussage nicht weiter einverstanden. Es ist ein Paradoxon, über das ich
       mehrere Texte und ein Buch geschrieben habe.
       
       Es tut mir in der Seele weh, anerkennen zu müssen, dass wir den Frieden in
       unserem Land nur mit Panzern und Soldaten aufrechterhalten können. Dass wir
       uns den Pazifismus, den Reinhard Mey hier besingt und dem ich auch selbst
       lange angehangen habe, nicht länger leisten können. Der bitteren Wahrheit
       ins Auge zu sehen: Wer seine eigenen Söhne nicht gibt, liefert die Kinder
       der anderen aus.
       
       Dabei habe ich großes Verständnis für das, was Reinhard Mey hier
       beschreibt. Wer in seinem Leben das Privileg hatte, ein Kind zu bekommen,
       es aufzuziehen und zu behüten, der weiß, wie schwer diese
       Auseinandersetzung ist.
       
       ## Jeder will sein Kind schützen
       
       Einem Menschen, der nächtelang am kleinen Bett gestanden, ein glühendes
       Gesicht gekühlt und beim Anblick seines Kindes in einem Krankenhauszimmer
       leise Stoßgebete in den Himmel gesandt, der sein Kind auf seinem Schoß
       getröstet und kleine Pflaster auf sein Knie geklebt, der das Aufwachsen
       dieses Menschen begleitet und dessen Freiheitsdrang und
       Persönlichkeitsentwicklung gestärkt hat, dem kann man nur schwerlich
       vorwerfen, dass er sein Kind schützen will. Vor allen Gefahren.
       
       Am 15. Januar 2026 ist der österreichische Militäranalyst [2][Franz-Stefan
       Gady zu Gast bei dem Interviewformat „Jung & Naiv“]. Er spricht viel über
       Militärgeschichte, auch über einen möglichen Bündnisfall der Nato und die
       aktuellen Gefahren, in denen wir uns in Europa befinden. Irgendwann wird er
       persönlich. Er erzählt, wie er regelmäßig mit einer Gruppe von
       Militäranalysten in der Ukraine unterwegs ist.
       
       Wie sie mit ukrainischen Soldaten sprechen und die Lage analysieren. Wie
       der Gruppe eine verlassene leerstehende Wohnung vermittelt wird. Man solle
       dort die Nacht verbringen, sich einen Schlafplatz suchen und morgen wieder
       am vereinbarten Treffpunkt einfinden. Gady erzählt, wie er die Wohnungstür
       öffnet, versucht, sich im Dunkeln zurechtzufinden, mit der kleinen
       Taschenlampe am Telefon durch die Räume leuchtet, irgendwo seinen
       Schlafsack ausbreitet und feststellt, dass er in einem Kinderzimmer
       gelandet ist.
       
       „Im Kinderzimmer von zwei Kindern. Und diese Kinder müssen irgendwie
       zwischen drei und sechs Jahre alt sein, weil da waren so Zeichnungen. Und
       links von mir ist ein Stockbett. Was mir gleich auffällt, ist Bettwäsche.
       Das ist eine Bettwäsche mit Herzen. Die gleiche Bettwäsche, die meine
       Tochter auch hat, so eine Ikea-Bettwäsche. Und da ist offensichtlich jemand
       überstürzt rausgegangen, aus dieser Wohnung.“
       
       ## Die Front verläuft in Sichtweite
       
       Gady leuchtet weiter, schaut aus dem Fenster und sieht in der Ferne die
       Leuchtstreifen der russischen Artillerie. Die Front verläuft in Sichtweite.
       
       „Es war eine klare Nacht. Und du hast in der Distanz, ich hab rausgeschaut,
       so am Stadtrand von Kramatorsk die Leuchtschwungmunition der Front gesehen.
       Und es hat geboomt, und Einschläge hat man gehört in der Distanz. Und am
       Fensterbrett lag ein Stapel von Büchern. Und ich nehm das erste Buch hoch,
       und da ist ein Hase auf dem Cover. Ich schlag das Buch auf, und es ist ein
       ukrainisches Kinderbuch. Und das heißt ‚Der kleine Hase will schlafen
       gehen‘.
       
       Und auf der ersten Seite sind so Instruktionen für Eltern. Und da steht, um
       sicherzugehen, dass ihr Kind gut und fest schläft, müssen sie zuallererst
       eine sichere Umgebung für das Kind erschaffen. Und ich sehe das, lese das,
       denke an meine eigenen Kinder, sehe die Wohnung eben, wo offensichtlich
       Leute haben flüchten müssen, die Front in der Nähe.“
       
       Auch andere Menschen haben Kinder. Kinder, die im Krieg aufwachsen. Kinder,
       die aus dem Fenster schauen und den Beschuss ihrer Stadt erleben. Kinder,
       die Angst haben. Kinder, denen eine sorglose Kindheit verwehrt bleibt.
       
       ## Keine sorglose Kindheit
       
       Es gibt Eltern, die darauf hoffen, dass ihre Kinder heil aus einem Krieg
       wieder herauskommen. Es gibt Eltern, die mit ihren Kindern fliehen müssen.
       Es gibt Eltern, die bleiben und kämpfen, während sie von ihren Kindern
       getrennt sind. Die Deutschen können heute nur deshalb in Freiheit und
       Sicherheit leben, weil sowjetische, US-amerikanische, britische und
       französische Eltern ihre Kinder in die Befreiung Europas und in den Krieg
       entlassen haben.
       
       Hätten all diese Eltern an pazifistischen Überzeugungen festgehalten, würde
       es unser Europa und unser Deutschland in der heutigen Form nicht geben.
       
       „Und eher werde ich mit ihnen fliehen / Als dass ihr sie zu euren Knechten
       macht / Eher mit ihnen in die Fremde ziehen / In Armut und wie Diebe in der
       Nacht.“
       
       Nicht alle werden fliehen können. Nicht alle Kinder. Und auch nicht alle
       Eltern. Darüber hinaus werden die Armen, Alten, Kranken und Schwachen
       zurückbleiben. Und jeder weiß, wie es mit ihnen ausgehen wird, wenn niemand
       mehr da ist, um sie zu verteidigen. Wenn niemand mehr da ist, um dem Rad in
       die Speichen zu fallen.
       
       Das, so kann ich heute voller Überzeugung sagen, kann ich mit meinem
       Gewissen nicht vereinbaren. Dieses Land ist es wert, dass wir darum
       kämpfen. Dass wir seine Menschen verteidigen. Dass wir unseren europäischen
       Nachbarn beistehen.
       
       ## In die Bundeswehr, um den Krieg zu verhindern
       
       Ausnahmslos alle Soldaten, mit denen ich gesprochen habe, erzählen mir,
       dass sie den Krieg verabscheuen. Nariman Hammouti, eine muslimische
       Soldatin mit marokkanischen Eltern, erklärt mir, dass sie in die Bundeswehr
       eingetreten ist, weil sie Krieg verhindern möchte. Franz-Stefan Gady sagt
       über die ukrainischen Soldaten etwas Ähnliches: „Die Soldaten sind müde des
       Krieges. Sie wollen nicht kämpfen. Nur die Alternative ist so schrecklich,
       was jetzt in den besetzten Gebieten passiert oder was eben tatsächlich die
       Absicht des russischen Gegners ist, dass es eben keine Alternative gibt.“
       
       [3][Es gibt einfach keine Alternative.] Die Ukrainer wissen etwas, was wir
       in Deutschland erst noch lernen müssen: Wenn wir nicht kämpfen, haben wir
       bereits verloren.
       
       Die alles entscheidende Frage aber bleibt: Würde ich Deutschland bewaffnet
       verteidigen? Würde ich töten und sterben?
       
       Man muss sich, um diese Frage in ihrer Gesamtheit zu begreifen, im Klaren
       darüber sein, dass Deutschland zu den sichersten Ländern der Welt zählt.
       Diese Frage also in diesem Land zu stellen, während anderswo Krieg herrscht
       und Menschen sterben, ist wohlfeil. Aber vielleicht ist sie
       nichtsdestotrotz wichtig. Weil der Krieg nicht immer nur die anderen
       trifft. Weil der Krieg auch zu uns kommen kann. Weil der Krieg auch zu uns
       kommen wird.
       
       ## Krieg in Sri Lanka
       
       Mir muss niemand erklären, was der Krieg mit Menschen macht. Wie er
       Familien auseinanderreißt, wie er Biografien und Lebenswege durchtrennt.
       Ich selbst wurde in einem Kriegsgebiet geboren, meine Eltern mussten als
       Kriegsflüchtlinge ihre Heimat verlassen und sind nach Deutschland geflohen.
       Ich habe Angehörige im Krieg verloren und hautnah von der Zerstörung ganzer
       Landstriche erfahren.
       
       Der [4][Krieg in Sri Lanka] war durchzogen von Gräueltaten auf beiden
       Seiten. Die einen agierten mit Terror, die anderen mit Kriegsverbrechen.
       Ich weiß um die Komplexität, die Militarismus, Soldatentum und Aufrüstung
       mit sich bringen. Ich weiß, dass diplomatische Wege niemals außer Sicht
       geraten dürfen. Dass gesprochen und verhandelt werden muss, wenn es am Ende
       gut werden soll.
       
       Ich weiß aber auch, dass uns in unserer Welt keine andere Wahl bleibt, als
       den Kampf gegen unsere Feinde aufzunehmen und uns zu verteidigen. Für
       unsere Werte zu kämpfen und unsere Mitmenschen zu beschützen. Aber auch
       unseren europäischen Nachbarn beizustehen und die tapferen ukrainischen
       Frauen und Männer, die gegenwärtig auch unsere Sicherheit verteidigen, zu
       unterstützen.
       
       ## Die Befreiung vom Faschismus
       
       Dass ich in meiner neuen Heimat überhaupt in Frieden und Freiheit
       aufwachsen konnte, hatte auch damit zu tun, dass vor nunmehr acht
       Jahrzehnten die alliierten Streitkräfte dieses Land mit militärischer
       Gewalt vom Faschismus befreit haben.
       
       Wir werden, wenn wir unsere Verteidigungsfähigkeit vorantreiben, am Ende
       stärker und selbstbewusster aus alledem hervorgehen, weil wir auf dem Weg
       zum Ziel die Ressourcen und die Fähigkeiten herausbilden können, um in
       Zukunft für uns selbst zu sorgen. Ohne abhängig zu sein von vermeintlichen
       Freunden und vertrauten Feinden. Weil Deutschland ein starkes Land ist,
       tragen wir viel Verantwortung. In Europa, aber auch darüber hinaus. Wir
       werden niemals aufgeben, für Menschenwürde und Menschenrechte einzustehen.
       
       Die Verteidigung von Heimat und Mitmenschen ist genau die staatsbürgerliche
       Verantwortung, die uns Deutschen aufgegeben ist. Ehrlich gesagt fällt mir
       eine Antwort noch immer nicht leicht. Aber es ist nicht mehr das klare
       Nein, das es so viele Jahre war. Es ist nunmehr ein nachdenkliches Ja.
       
       Ich, der evangelische Theologe, der Kriegsdienstverweigerer, der ehemalige
       Zivildienstleistende und Pazifist, habe meine Kriegsdienstverweigerung
       widerrufen und mich zur Reserve bei der Bundeswehr gemeldet. Auch wenn ich
       nicht kämpfen will.
       
       25 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://youtu.be/e0qPsYTBCtQ?si=YWEaea8uMb7WexJC
 (DIR) [2] https://www.youtube.com/live/hexDaJ3TkpY?si=xDAGEHpd4b2GnjOl
 (DIR) [3] /Russischer-Anarchist-verteidigt-Ukraine/!5918395
 (DIR) [4] /Buergerkrieg-auf-Sri-Lanka/!5162832
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Stephan Anpalagan
       
       ## TAGS
       
 (DIR) wochentaz
 (DIR) Frieden und Krieg
 (DIR) Bundeswehr
 (DIR) Wehrdienst
 (DIR) Kriegsdienstverweigerung (KDV)
 (DIR) Pazifismus
 (DIR) Nato
 (DIR) Kindheit
 (DIR) GNS
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
 (DIR) Wehrpflicht
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Bundeswehr und „Kinda chic“-Trend: Kind of peinlich
       
       Das Verteidigungsministerium versucht, mit dem „Kinda chic“-Trend junge
       Menschen für die Bundeswehr zu gewinnen. Das riecht nach Verzweiflung.
       
 (DIR) Ukrainischer Autor Andrej Kurkow: „Wir dürfen nicht die sowjetische Methode wiederholen“
       
       Der ukrainische Schriftsteller Andrej Kurkow im Gespräch über sein neues
       Kriegstagebuch, seine Familiengeschichte und Boule für Veteranen.
       
 (DIR) 18-Jährige beantworten Briefe nicht: Die Bundeswehr ghosten
       
       Über ein Viertel der jungen Männer ignoriert die Briefe der Bundeswehr.
       Angesichts der Intransparenz der Politik ist das nur konsequent.