# taz.de -- Eingesperrt in China: Wer ins Ausland will, macht sich verdächtig
> China verschärft ab September die Ausreisebestimmungen für seine eigene
> Bevölkerung. Was die Staatsführung damit bezweckt und wen es trifft.
(IMG) Bild: Unverdächtig und unbeschwert: chinesische Reisende in Venedig
Als die DDR 1961 ihren „antifaschistischen Schutzwall“ errichtete, war die
Mauer für die ganze Welt sichtbar. Chinas Ausreisebeschränkungen hingegen
sind weitaus subtiler, doch die Schikanen nehmen deutlich zu: Ende letzter
Woche hat die Staatsagentur Xinhua die neuen Bestimmungen zur Ein- und
Ausreise für chinesische Staatsbürger veröffentlicht. Die Verordnung, die
am 15. September in Kraft tritt, gibt den Behörden weitreichende
Befugnisse, die Bevölkerung unter Berufung auf schwammig definierte
nationale Sicherheitsinteressen am Verlassen des Landes zu hindern.
Die Regelungen werden nun verschärft – und zwar vor allem mit Blick auf die
wirtschaftliche Sicherheit. So richten sich die neuen Ausreisebestimmungen
unter anderem an Chinesen, die gegen Exportkontrollen oder
Technologietransfer verstoßen – also etwa, indem sie Know-how ins Ausland
schaffen. In den letzten Monaten wurden beispielsweise wiederholt
Mitarbeiter chinesischer Tech-Firmen, etwa DeepSeek oder Alibaba, präventiv
an einer Ausreise gehindert.
Gleichzeitig enthält der neue Gesetzestext eine Klausel, die die Behörden
dazu auffordert, Chinesen von Reisen in „Hochrisikoländer“ „abzuraten“. Die
vagen Begriffe bieten den Autoritäten enormen Spielraum, um sie willkürlich
und exzessiv anzuwenden.
Innerhalb der Volksrepublik unterdrückt die Zensur eine offene Debatte.
Doch Chinesen, die mithilfe von VPN-Software auf westliche soziale Medien
zugreifen können, reagieren besorgt. „Mit der Veröffentlichung der neuen
Ein- und Ausreisebestimmungen wurde die Macht der Behörden unbegrenzt
ausgeweitet“, schreibt ein Nutzer auf der Onlineplattform Threads:
„Chinesische Bürger müssen mit schwerwiegenden Konsequenzen rechnen.“ Eine
andere Nutzerin meint: „Die neuen Bestimmungen erlauben es, Menschen unter
jedem beliebigen Vorwand an der Ausreise zu hindern, ohne einen Grund für
die Ablehnung angeben zu müssen.“
## Schon jetzt ist für viele die Ausreise unmöglich
Henry Gao, Professor für Rechtswissenschaften an der Singapore Management
University, vergleicht die neuen Ausreisebestimmungen mit der rigiden „Null
Covid“-Politik während der Pandemie. „Die damaligen Maßnahmen wurden damit
gerechtfertigt, dass sie notwendig seien, um die Menschen vor einem Virus
zu schützen. Die neuen Ausreisebestimmungen werden nun damit begründet, die
Menschen vor den Gefahren von ‚Hochrisikoländern‘ zu schützen“, kommentiert
Gao.
Schon jetzt ist es für viele Chinesen de facto unmöglich, ihr Heimatland zu
verlassen. Während der letzten Jahre mussten immer mehr Staatsbürger den
Reisepass bei ihren Vorgesetzten abgeben. Zunächst betraf dies neben
Regierungsvertretern vor allem Beamte, später auch einfache Bankangestellte
und Mitarbeiter von Staatsunternehmen. In Peking haben die Behörden zudem
begonnen, auch von Schullehrerinnen und sogar Kindergärtnern die Pässe
einzubeziehen.
Betroffene, die dennoch ins Ausland reisen wollen, müssen einen kafkaesk
bürokratischen Prozess durchlaufen – der nicht nur das Ausfüllen von
Fragebögen beinhaltet, sondern auch die Genehmigung von rund einem halben
Dutzend Vorgesetzter. „Das ist nahezu unmöglich“, meint eine Chinesin, die
anonym bleiben möchte.
Haiyan (Name geändert) besitzt zwar nach wie vor ihren Reisepass, doch seit
einigen Jahren bereits werden ihr von den Beamten am Flughafen regelmäßig
ausufernde Fragen gestellt. „Sie fragen mich, warum ich überhaupt ins
Ausland reisen will, was ich dort mache und wann ich wieder zurückkehre“,
sagt Haiyan. Was früher eine reine Passkontrolle war, artet nun in kleine
Verhöre aus: Die Chinesin musste wiederholt Retourtickets vorlegen, ihre
Heiratsurkunde und einmal auch Einblick in ihren Wechat-Account – jene
Allround-App, die praktisch alle Chinesen in ihrem Alltag verwenden.
## Zahl der Ausreisebeschränkungen steigt auf das Zehnfache
Wie oft Chinas Behörden die Ausreise verweigern, ist statistisch nicht
erfasst. Aber die NGO Safeguard Defenders mit Sitz in Madrid hat
systematisch die Datenbank des Obersten Volksgerichts untersucht. Dabei
zeigte sich, dass das Wort „Ausreisebeschränkung“ – im Chinesischen
„xiànzhì chūjìng“ – in den Urteilsverkündungen immer öfter verwendet wird:
Waren es im Jahr 2019 noch knapp 14.000 Fälle, ist die Anzahl im Vorjahr
mit fast 137.000 auf das Zehnfache gestiegen.
Die Motivation der Parteiführung ist nur in Teilen berechtigt: So kam es
zwar wiederholt vor, dass sich Manager von Staatsunternehmen mit
veruntreuten Geldern ins Ausland abgesetzt haben. Doch Peking geht es
gleichzeitig auch um politische Kontrolle. Dem Volk wird die Botschaft
vermittelt, dass Kontakte ins Ausland – insbesondere in demokratische
Staaten – verdächtig machen.
Waren noch vor wenigen Jahren junge Chinesen neugierig auf alles, was
jenseits der eigenen Landesgrenzen passiert, hat sich der Blick zunehmend
nach innen gewandt. Und das wurde von der Parteiführung so forciert: Da ist
etwa der Doktorand, der während seines Jura-Studiums eigentlich ein
Auslandssemester in den USA geplant hatte, doch dies aufgrund der
politischen Stimmung gestrichen hat. „Ich möchte später im Staatsdienst
arbeiten. Und während früher ein Auslandsaufenthalt meinen Lebenslauf
aufgewertet hätte, wirft er nun unangenehme Fragen auf“, sagt der junge
Chinese.
Auch der Chinesin Haiyan machen die neuen Ausreisebestimmungen Angst.
„Jedes Mal bin ich sehr nervös, dass auch mir das passieren kann, dass ich
irgendwann nicht mehr ausreisen kann“, sagt sie.
4 Aug 2026
## AUTOREN
(DIR) Fabian Kretschmer
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