# taz.de -- Haftstrafe von Jimmy Lai in Hongkong: „Das kommt faktisch einem Todesurteil gleich“
> Jimmy Lai war eine führende Stimme der Protestbewegung. Nun erhielt der
> 78-Jährige die bisher höchste Strafe unter dem nationalen
> Sicherheitsgesetz.
(IMG) Bild: Der Verleger Jimmy Lai bei seiner Festnahme während der Corona-Pandemie am 18. April 2020
Für viele war [1][Jimmy Lai] der letzte prominente Verfechter eines
demokratischen Hongkongs, der sich offen gegen Chinas kommunistische Partei
gestellt hat. Doch in den Augen des Pekinger Regimes ist der 78-Jährige vor
allem ein Verräter. Und dafür muss der ehemalige Zeitungsverleger nun wohl
bis an sein Lebensende büßen.
Am Montagmorgen hat ein Hongkonger Gericht Lai zu 20 Jahren Haft
verurteilt. Eine Strafe, die „faktisch einem Todesurteil gleichkommt“, wie
die Asien-Direktorin von Human Rights Watch, Elaine Pearson, kritisiert.
Zugleich ist es auch die bisher längste Gefängnisstrafe unter dem
nationalen Sicherheitsgesetz, das die Parteiführung in Peking im Sommer
2020 der ehemaligen britischen Kronkolonie aufgezwungen hatte.
Lais Vergehen lauten demnach „Verschwörung zur Zusammenarbeit mit
ausländischen Kräften“ und „Veröffentlichung aufrührerischer
Publikationen“. Was der Medienmogul im Klartext getan hat, würde in
demokratischen Staaten unter Pressefreiheit fallen: So ließ Lai in seiner
pro-demokratischen Boulevardzeitung Apple Daily Artikel und Kommentare
veröffentlichen, in denen unter anderem Sanktionen gegen die Volksrepublik
China gefordert wurden.
Politisch dürfte Lai nur bedingt Hilfe erwarten können. Dass der britische
Premier Keir Starmer wirklich Druck ausüben wird, gilt insbesondere nach
seinem freundlichen Peking-Besuch Ende Januar als unwahrscheinlich. Und
Donald Trump hatte zwar noch während seines Wahlkampfes versprochen, Lai
aus dem Gefängnis zu holen. Doch dürfte der US-Präsident wohl derzeit vor
allem darauf bedacht sein, Chinas Machthaber Xi Jinping vor dem geplanten
Gipfeltreffen im April in Peking nicht zu verärgern.
## Sohn einer reichen Familie aus China, dann Bootsflüchtling
Die Causa Lai ist auch aufgrund seiner persönlichen Lebensgeschichte
besonders tragisch: Seine einst reiche Familie, beheimatet in der an
Hongkong grenzenden südchinesischen Provinz Guangdong, verlor im Zuge der
kommunistischen Revolution ihr Hab und Gut. Als bitterarmer Bootsflüchtling
floh der damals 12-jährige Lai Ende der 1950er nach Hongkong, wo er in
Textilfabriken schuftete.
Dank einer gehörigen Portion Fleiß, Schlagfertigkeit und glücklichen
Umständen arbeitete er sich zum Fabrikbesitzer hoch, baute später mit
Giordano ein asiatisches Modeimperium auf. Doch als im Juni 1989 die Panzer
der chinesischen Volksbefreiungsarmee auf den Pekinger Tiananmen-Platz
rollten und die Demokratiebewegung niederschossen, widmete Lai fortan sein
Leben dem politischen Aktivismus: Als Verleger zählte er zu den härtesten
Kritikern der kommunistischen Partei und war als Multimillionär wohl der
wichtigste Sponsor der Hongkonger Demokratiebewegung.
Den Kampf für ein demokratisches Hongkong haben Lai und seine Mitstreiter
jedoch auf absehbare Zeit verloren. Nachdem noch 2019 immer wieder
hunderttausende Hongkonger für mehr politische Mitbestimmung demonstriert
hatten, schlugen Pekings Sicherheitsbehörden seit 2020 mit voller Härte
zurück: Oppositionsparteien wurden aufgelöst, kritische Zeitungen
geschlossen, Bibliotheken gesäubert und [2][unzählige Demokratieaktivisten
zu langen Haftstrafen verdonnert].
Zumindest im Ausland sind die kritischen Stimmen chinesischer Aktivisten
nicht verstummt. „Alles, was ich an die Kommunistische Partei Chinas und
ihre Handlanger in Hongkong sagen will, ist dies: Wir werden euch bis zum
Ende verfolgen, und wir werden gewinnen“, kommentiert die chinesische
Menschenrechtsexpertin Yaqiu Wang, derzeit Stipendiatin an der Universität
Chicago: „Die Gerechtigkeit wird siegen, und ihr werdet zur Rechenschaft
gezogen werden!“
## Mutmaßliche Folter des Belastungszeugen Andy Li
Abseits des medialen Scheinwerferlichts wurden am Montag in Hongkong
Urteile gegen acht weitere Journalisten und Aktivisten gefällt, darunter
auch Andy Li. Der heute 36-Jährige nahm an den pro-demokratischen Protesten
2019 teil. Im Folgejahr wurde auf Grundlage des damals eingeführten
nationalen Sicherheitsgesetzes ein Haftbefehl gegen ihn erlassen. Ihm wurde
zur Last gelegt, dass die von ihm mitgegründete Organisation „Fight for
Freedom“ von Lai finanziert wurde.
Li versuchte in einer Nacht-und-Nebel-Aktion mit einem Schnellboot nach
Taiwan zu fliehen, wurde jedoch von Chinas Küstenwache gefasst. In einem
Gefängnis im südchinesischen Shenzhen wurde er mutmaßlich gefoltert. Die
Washington Post berichtete etwa unter Berufung auf sieben verschiedenen
Quellen, dass Mitinsassen „durchgehend“ Schreie aus Lis Zelle vernommen
haben.
Offensichtlich gelang es den Behörden so, Li zu brechen. Denn entgegen
seines Vorsatzes, im Falle einer Verhaftung für seine Ideale einzustehen,
bekannte sich er bald schuldig und auch noch bereit, als Belastungszeuge
gegen Lai auszusagen. „Das ist es, was autoritäre Gesellschaften tun. Sie
säen Spaltung und Misstrauen, treiben Mitstreiter gegeneinander auf“, sagt
Luke de Pulford, Geschäftsführer der Inter-Parliamentary Alliance on China
(IPAC), einem überparteilichen internationalen Netzwerk von Abgeordneten,
das sich für eine kritische China-Politik einsetzt.
Am Ende hat Li die Kollaboration mit den Sicherheitsbehörden nur wenig
genützt. Die Richter verurteilten ihn zu sieben Jahren und drei Monaten
Gefängnis.
9 Feb 2026
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(DIR) Fabian Kretschmer
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