# taz.de -- Inselstaat in demografischer Krise: Immer mehr Menschen verlassen Kuba
       
       > In den letzten fünf Jahren ist die kubanische Bevölkerung je nach Quelle
       > um bis zu 3 Millionen Menschen geschrumpft. Die Auswanderungswelle hat
       > Folgen.
       
 (IMG) Bild: Ewige Stromausfälle, Benzinknappheit und Repression lassen immer mehr Kubaner die Insel verlassen
       
       [1][Rogelio Serrano] hat Kuba mit seiner Frau und den beiden Kindern Ende
       September 2025 verlassen. „Ich bin froh, [2][die ewigen
       Stromabschaltungen], den permanenten Mangel hinter mir zu haben, auch wenn
       der Neustart in Spanien nicht einfach ist“, sagt der kubanische Journalist.
       Als Rezeptionist arbeitet er derzeit in einem Hotel in Albacete, dem
       ökonomischen Zentrum der Region Kastilien-La Mancha.
       
       „Fast alles ist besser als das Leben in Kuba derzeit“, meint Serrano, der
       lange versucht hat sich eine Existenz in Kuba aufzubauen. Als Berater für
       Jungunternehmer war er für eine kirchliche Organisation in Camagüey im
       Zentrum der Insel tätig. Mitte 2024 warf er wie so viele andere das
       Handtuch und entschied sich für die Ausreise. Mehr als ein Jahr hat es
       gedauert, bis die Papiere zusammen waren, bis alle Formalitäten mit der
       spanischen Botschaft geklärt, bis die Tickets von der Familie in Spanien
       bezahlt waren. Ein typisches Schicksal einer kubanischen Familie.
       
       Noch nie hat es eine so massive Auswanderungswelle gegeben, Hunderttausende
       haben die größte der Antilleninseln seit dem November 2021 verlassen.
       Damals machten die Flughäfen nach der Pandemie wieder auf, gleichzeitig
       [3][hob Nicaragua die Visapflicht für Kuba auf], und das war so etwas wie
       der Startschuss für einen beispiellosen Exodus von Kubanern und
       Kubanerinnen in buchstäblich alle Himmelsrichtungen.
       
       Mehr als 500.000 Kubaner und Kubanerinnen kamen zwischen 2021 und dem Juni
       2025 in den USA an, Zehntausende strandeten auf dem Weg in Nicaragua,
       Honduras, Guatemala oder Mexiko, so die kubanische Demografin María Ofelia
       Rodríguez. Aber es wird weiter ausgewandert, nur sind seit Juni 2025, als
       Donald Trump die Einreisebestimmungen für Kubaner beiderlei Geschlechts
       änderte, nicht mehr die USA das Ziel, sondern Brasilien, Uruguay und
       Mexiko, so die Wissenschaftlerin von der Universität Havanna.
       
       ## 9,4 Millionen oder nur noch 8 Millionen Menschen in Kuba?
       
       Die Gründe für die Auswanderung sind vielfältig. Die seit Jahren prekäre
       ökonomische Situation ist nur einer, fehlende Perspektiven, die zunehmende
       Polarisierung innerhalb der kubanischen Gesellschaft sind weitere. „Die
       Proteste vom 11. Juli 2021, die auch aus dem Ausland geschürt wurden, sind
       auch ein Faktor – gerade für die Jüngeren“, räumt die Demografin ein.
       
       Denn gerade die haben seit dem November 2021 die größte der Antilleninseln
       in Scharen verlassen. Laut dem statistischen Büro Kubas (Onei) lebten am
       31. Dezember 2024 nur noch 9.748.007 Menschen in Kuba. „An der sinkenden
       Tendenz hat sich nichts geändert – wir werden weniger“, sagt Rodríguez und
       schiebt die neueste offizielle Zahl hinterher. „9.440.000 Menschen leben
       derzeit auf Kuba, und im Dezember dieses Jahres könnte die Zahl weiter
       gefallen sein“, so die Forscherin mit bitterer Miene. Sie weiß genau, wie
       wichtig exakte Zahlen sind. Sie bilden die Grundlage für die Planung des
       Baus neuer Schulen, neuer Altenheime, neuer Krankenhäuser und neuer
       Straßen.
       
       Das birgt Risiken, denn zwischen den offiziellen Berechnungen und jenen des
       unabhängigen Demografen Juan Carlos Albizu-Campos klafft eine gehörige
       Lücke. Albizu-Campos, Ökonom und Demograf, kommt laut seinen Recherchen,
       die auf einer Auswertung der offiziellen Einwanderungsstatistiken der USA,
       Brasiliens, Mexikos und der anderen Länder der Region basieren, auf eine
       Bevölkerung von nur noch 8.025.624 Menschen. „Ja, das sind fast 1,5
       Millionen Menschen weniger, als die staatlichen Stellen bekanntgeben.“ Ein
       Unterschied, der verheerende Folgen haben könnte, und das weiß auch
       Albizu-Campos.
       
       „Wenn nur fünf statt der fünfzehn Kinder in der Statistik in einem Dorf
       leben, macht die Investition in eine Schule vielleicht keinen Sinn mehr“,
       warnt Albizu-Campos. Er lebt in Havanna, hat der taz vor seiner Abreise zu
       einer Vortragsreise in die USA Ende Juni ein Interview gegeben. Für den
       64-jährigen Demografen sind die sinkenden Bevölkerungszahlen ein
       Alarmsignal, über das er in den USA genauso referieren wird wie über das
       Kollabieren der Inselökonomie in etlichen Etappen.
       
       ## Kuba hat die älteste Bevölkerung der Region
       
       Auch das [4][Reformpaket], welches die kubanische Regierung Mitte Juni
       vorgestellt hat und das von den USA als nicht weitreichend genug brüsk
       abgelehnt wurde, wird ein Thema sein. Reformen sind überfällig, und für
       Albizu-Campos ist es elementar, mit der richtigen Zahl der Bewohner in den
       jeweiligen Gemeinden zu planen. „Da kann die Demografie einen wichtigen
       Beitrag liefern“.
       
       Dem stimmt seine ehemalige Kollegin am Institut für Demografische Studien
       (Cidem), María Rodríguez, zu. Sie hält seine Berechnungen allerdings für
       deutlich zu hoch. „Fakt ist, dass wir in den letzten Jahren die Methodik
       der Datenerhebung verfeinert haben, etliche im Exil lebende Menschen sind
       aus der Statistik raus“, sagt die Wissenschaftlerin. Darunter seien viele
       junge Menschen, die teilweise mit Kindern ausgewandert, aber auch viele,
       die ausgewandert seien, um außerhalb Kubas eine Familie zu gründen. Für
       Rodríguez bittere Signale. „Wir verlieren die, die wir für den ökonomischen
       Wiederaufbau brauchen: jung, qualifiziert und im reproduktiven Alter“,
       erklärt die Demografin.
       
       Sie macht kein Hehl daraus, dass Überalterung seit Jahren der zweite
       dominierende Faktor in der demografischen Entwicklung Kubas ist. „Kuba hat
       die älteste Gesellschaft Lateinamerikas. Der Anteil von Menschen über 60
       Jahren liegt bei 25,7 Prozent, die Geburtenquote rangiert unter der
       Sterbequote – die Bevölkerung Kubas sinkt unabhängig von der Migration seit
       Jahren“, rekapituliert Rodríguez die Eckdaten einer verheerenden
       Entwicklung.
       
       Seit vier, fünf Jahren ist Altersarmut in Kuba deutlich sichtbar, die Lücke
       in der Rentenkasse ist immer wieder Thema bei der Diskussion des
       chronischen Haushaltsdefizits. Rodríguez spricht klar und offen aus, wo in
       Kuba strukturelle Probleme liegen. An deren Lösung führt kein Weg vorbei,
       zumal die Inselökonomie aufgrund der auf ein Maximum [5][ausgeweiteten
       US-Sanktionen], die eher an eine Total-Blockade erinnern, vor dem Kollaps
       steht.
       
       Den will die autoritäre Regierung in Havanna verhindern. Wie das gelingen
       soll, ist unklar. Klar ist jedoch, dass belastbare Zahlen über Bevölkerung
       und Altersdurchschnitt eine immer wichtigere Rolle spielen.
       
       4 Aug 2026
       
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