# taz.de -- Film „Everytime“: Sie kann nicht mehr weinen
       
       > In ihrem Spielfilm „Everytime“ erzählt Sandra Wollner von Verlust. Dabei
       > arbeitet sie formal präzise mit vielen Auslassungen, Leerstellen und
       > Überraschungen.
       
 (IMG) Bild: Bei Sandra Wollner gibt es in „Everytime“ auch schon mal eine quadratische Sonne
       
       Es braucht nur eine Unachtsamkeit, einen falschen Schritt, und das Leben
       ist vorbei. Ein freier Fall in den Abgrund im warmen Licht der
       Morgendämmerung. Jessi (Carla Hüttermann) und ihr Freund Lux (Tristán
       López) wollten die Nacht nach einem Rave nicht enden lassen. Eine
       gemeinsame Afterhour auf einem Dach, irgendwo in Berlin. Die Stadt erwacht
       erst langsam. Drogen sind im Spiel, eine ausgelassene Verliebtheit,
       Handyfotos werden gemacht.
       
       Wenige Stunden später sollte Jessi mit ihrer Mutter und der kleinen
       Schwester nach Teneriffa in den Urlaub fliegen. Ihr Tod passiert still und
       beiläufig. Am rot aufschimmernden Horizont leuchtet die Sonne, eine
       gleichgültige Beobachterin, als wäre nichts geschehen.
       
       Die österreichische Regisseurin Sandra Wollner und ihr Kameramann Gergory
       Oke, der bereits für [1][Charlotte Wells’ „Aftersun“ (2022)]
       traumwandlerische Bilder entwarf, inszenieren diesen Moment in
       unerbittlicher Schönheit. Ein langer Schwenk über die Dächer Berlins. Jessi
       und Lux sind auf die Entfernung erst gar nicht zu erkennen. Nur langsam
       erscheinen sie durch den extrem ausgedehnten Kamerazoom immer deutlicher im
       Bild.
       
       Ein Vogel fliegt über sie hinweg, frei vom irdischen Gewicht. Die Kamera
       folgt ihm, wandert an den Fensterfronten der Wohnhäuser entlang, ehe Jessi
       fällt. Einzig vereinzeltes Vogelgezwitscher und das entfernte Brummen einer
       Kehrmaschine sind in der friedlichen Ruhe des Morgens zu hören.
       
       ## Ergründen und Freilegen von Zuständen
       
       Das Kino von Sandra Wollner ist eigen. In seiner formalen Präzision folgt
       es keiner konventionellen Dramaturgie, keiner emotionalen Zuspitzung,
       keiner stringenten Figurenpsychologie. Vielmehr arbeitet es mit
       Auslassungen und Leerstellen. Ihr Kino ist ein assoziatives Ergründen und
       Freilegen von Zuständen des Menschseins jenseits eingeübter Erzählmuster.
       
       In ihrem dritten [2][Spielfilm „Everytime“, der dieses Jahr in Cannes den
       Hauptpreis der Nebenreihe „Un Certain Regard“ gewann] und zum großen
       Kritikerliebling avancierte, verzichtet sie auf das Erzählen des
       Kurz-Danach, des Nicht-Wahrhaben-Wollens, der hereinbrechenden Emotionen
       angesichts der Tragödie.
       
       Der Film setzt erst ein Jahr nach Jessis Tod wieder ein, als es für ihre
       Mutter Ella (Birgit Minichmayer) schon zur Gewohnheit wurde, an das Grab zu
       gehen und nebenbei noch ein Arbeitsgespräch zu führen. Als alleinerziehende
       Mutter versucht sie, den Alltag mit ihrer jüngeren Tochter Melli (Lotte
       Shirin Keiling) auf die Reihe zu bekommen. Lux, der kurz vor seinem Abitur
       steht, sucht sein Lebensglück in einer neuen Beziehung.
       
       In einem Kiosk laufen sich die drei wieder über den Weg. Vor allem Lux ist
       es, der daraufhin den Kontakt sucht. Er lädt Ella und Melli zu seinem
       Geburtstag ein, begleitet beide zu einem Besuch bei Jessis Vater und den
       Großeltern, oder kommt Mellis Bitte nach, mit ihr Minecraft zu spielen.
       Jenes Videospiel, das sie immer mit Jessi spielte, bei dem aus
       würfelförmigen Blöcken eine Welt ganz nach den eigenen Vorstellungen
       erschaffen werden kann.
       
       ## Sie geht den gleichen Weg auf Drogen
       
       Meist sind es flüchtige Blicke und kleine Gesten, in denen sich der Schmerz
       zeigt. Birgit Minichmayr spielt ihre Rolle als gefasste und stoische
       Mutter, die sich nicht erlaubt, nicht zu funktionieren. In der Härte ihres
       Gesichts meint man einen Menschen zu erkennen, der einfach nicht mehr
       weinen kann. In Tristán López’ abwesendem Blick liegt die Schwere eines
       innerlich zerrissenen Menschen. Lux ist geplagt von Schuldgefühlen, bittet
       um Vergebung, die Ella ihm nicht geben kann.
       
       Schließlich waren es seine Drogen, die Jessi genommen hat, auf einem Dach,
       auf das sie nie hätten steigen dürfen. Sie bittet ihn jedoch, ihr die
       gleichen Drogen zu geben, die er Jessi gegeben hat, und mit ihr den
       gleichen Weg zu gehen, den sie an jenem Morgen gegangen sind. Um irgendwie
       zu verstehen, was ihre Tochter sah und dachte, bevor sie starb.
       
       Der Verlust von Menschen ist immer auch mit Erinnern verbunden. Ein Thema,
       das [3][Sandra Wollner bereits in „The Trouble With Being Born“] aufgriff.
       In dem so abgründigen wie viel gefeierten Film spürt sie anhand eines
       humanoiden Roboters, dem die Erinnerungen an verstorbene Menschen
       einprogrammiert werden können, der Frage nach, wie sehr Identität und
       Gedächtnis miteinander verschränkt sind.
       
       In „Everytime“ sind es digitale Aufzeichnungen, in denen sich die
       Erinnerungen manifestieren. Lux hört sich Sprachnachrichten von Jessi an.
       Melli sucht Trost in alten Videoaufnahmen ihrer Schwester, etwa von einem
       Urlaub auf Teneriffa, als Jessi noch ein Kleinkind war. Oder im gemeinsamen
       Whatsapp-Verlauf. Immer wieder schreibt sie ihrer Schwester Nachrichten aus
       ihrem Leben – in der irrationalen Hoffnung auf eine Antwort.
       
       ## Die Frage nach dem Blick
       
       Wollner erklärt nicht, sie zeigt nur. Und das gelingt ihr in
       formvollendeter Schönheit, wobei sie hier und da kleine Irritationen
       einstreut. Etwa zu Beginn des Films, als jemand außerhalb des Bildes in
       einer Fußgängerunterführung einen Unfall hat. Alle drehen sich um, blicken
       in die Richtung. Doch niemand hilft, niemand bleibt stehen. Oder am frühen
       Morgen, kurz vor ihrem Tod, dreht sich Jessi unvermittelt um und blickt in
       die Leere einer von Bäumen gesäumten Straßenbahnlinie. Wem schaut sie
       hinterher?
       
       Als ihre Mutter ein Jahr später an der gleichen Stelle steht, geschieht ihr
       das Gleiche. Wer steht dort, wer schaut sie an? Die Frage nach dem Blick
       durchzieht den Film. Immer wieder nimmt die Kamera die Perspektive eines
       distanzierten Beobachters ein. Eine unsichtbare Instanz, die wie die Sonne
       nur teilnahmslos zuschaut und das Geschehen geschehen lässt.
       
       Sandra Wollners Art des Filmemachens ist von einer großen Neugier
       getrieben, die dem Möglichkeitshorizont des Kinos nachspürt. Ihre Filme
       sind keine Spiegelungen gegenwärtiger Verhältnisse. Vielmehr wollen sie mit
       den Freiheiten des Kinos die Beschränkungen unserer Wirklichkeit
       überwinden. In „Everytime“ lässt sie gewissermaßen die Gesetzmäßigkeiten
       der Welt aus den Fugen heben. Oder anders ausgedrückt, „das Universum
       faltet sich zusammen und bildet eine neue Realität, in der alte
       Mini-DV-Aufnahmen ein seltsames Eigenleben entwickeln“, wie sie es selbst
       in einem Interview ausdrückt.
       
       Ella beschließt kurzerhand, mit Melli und Lux nach Teneriffa zu fliegen, um
       jenen Urlaub zu machen, der nie stattgefunden hat. Dort, inmitten der
       schroffen und vulkanischen Kulisse der kanarischen Insel, einer Trauer- und
       Traumlandschaft im gleißend-klaren Sonnenlicht, passiert etwas, das
       eigentlich nicht sein kann, als Antwort auf einen Verlust, der eigentlich
       nicht sein darf.
       
       Die Sonne ist das Leitmotiv in diesem so rätselhaften wie faszinierenden
       Film. Das letzte Foto, das Jessi macht, zeigt die aufgehende Sonne in einem
       herangezoomten Pixelbrei. Ihr Freund trägt den Namen Lux. Bedeutsame
       Momente tragen sich im warmen Licht der Morgen- oder Abenddämmerung zu. Auf
       Teneriffa findet eine Gruppe Kinder eine Leuchtrakete und schießt sie der
       Sonne entgegen. Gleichsam ein Notsignal, das erhört wird, woraufhin die
       Welt innehält und sich nicht mehr weiterzudrehen scheint.
       
       Die Sonne, am Horizont stehend wie ein viereckiger Bauklotz aus Minecraft,
       geht an diesem Abend zumindest nicht mehr unter. Ein Neuanfang, in dem sich
       das Vergangene und das Zukünftige überlagern, erzählt in Bildern, wie sie
       nur das Kino zu zeigen vermag.
       
       5 Aug 2026
       
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